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Benedikt Fernandez

Benedikt Fernandez: Zurück auf der großen Bühne

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Eigentlich war Benedikt Fernandez nicht erfreut, als bei der DFB-Pokalauslosung wie schon im Jahr zuvor das Los Bayer Leverkusen für seinen Verein, den Drittligisten Sportfreunde Lotte, gezogen wurde. Denn der 31 Jahre alte Keeper war selbst fast elf Jahre für die Rheinländer aktiv. "Nicht schon wieder Bayer 04: Genau das habe ich bei der Auslosung gedacht", war deshalb Fernandez erste Reaktion. Bei der Partie im Vorjahr waren sie gegen den Champions-League-Teilnehmer chancenlos und verloren das Spiel mit 0:3 im eigenen Stadion. Deshalb hätte sich Fernandez einen Gegner gewünscht, der für Lotte kein „kaum bezwingbarer Kontrahent“ ist.

Doch es kam bekanntlich anders. Am vergangenen Dienstag schafften die Sportfreunde aus Lotte die Pokalsensation mit einem 4:3 im Elfmeterschießen, nachdem es am Ende der Verlängerung 2:2 gestanden hatte. Umso erstaunlicher war die Leistung, da der Underdog ab der 78. Minute nach einer Gelb-Roten Karte für Tim Wendel wegen wiederholtem Foulspiel gegen den übermächtigen Gegner in Unterzahl spielen mussten. Trotzdem gelang den Sportfreunden Lotte die Sensation, so dass sie erstmals in der Vereinsgeschichte in der dritten Runde des DFB-Pokals stehen. Nicht zuletzt hatte der Drittligist aus dem 14 000 Einwohnerort Lotte diesen Sieg seinem Torhüter Benedikt Fernandez zu verdanken, der beim Drittliga-Aufsteiger zum Leistungsträger und Publikumsliebling geworden ist. Der 31-jährige Keeper verpasste bislang keine einzige Minute und kassierte in elf Partien nur 13 Gegentreffer (fünf davon per Strafstoß), dreimal blieb er ohne Gegentor.

Benedikt Fernandez im Jahr 2010 bei Bayer 04 Leverkusen.Seine sportliche Ausbildung erhielt Fernandez bei Bayer 04 Leverkusen. Von 2000 bis 2011 trug er fast ununterbrochen - für einige Monate war er an den SC Brühl ausgeliehen - das Trikot mit dem Bayer-Emblem. Sein Kontrahent und guter Freund war zu dieser Zeit kein geringerer als Ex-Nationaltorhüter René Adler, aktuell beim Hamburger SV unter Vertrag. Dass ihm Rene Adler letztlich vorgezogen wurde, kann Fernandez neidlos anerkennen: „René hatte mehr Talent als ich. Außerdem kam er als Junioren-Nationaltorwart nach Leverkusen, ich dagegen von TuRa Hennef. René hat dann schließlich die Nachfolge von Jörg Butt antreten dürfen." Fernandez hingegen stand immer nur in seinem Schatten. Immerhin brachte er es in dieser Zeit auf sechs Bundesliga- und zwei UEFA-Cup- (heute: Europa League) Einsätze.

Eine schwere Knieverletzung, die drei Operationen innerhalb von elf Monaten nach sich zog, war der große Karriereknick für ihn. Nachdem er lange Jahre die Nummer zwei hinter Rene Adler im Bayer-Team war, zog der damalige Cheftrainer Jupp Heynckes den jungen Fabian Giefer als Ersatztorhüter vor. Im Sommer 2011 war dann seine Zeit in Leverkusen beendet. Nach einem erfolglosen Probetraining beim Ligakonkurrenten Mainz 05 blieb er ein Jahr lang vereinslos. Eine schwierige Zeit begann für ihn. Immerhin gab ihm Leverkusen die Möglichkeit, bei der zweiten Mannschaft mit zu trainieren. Es wurde ihm bewusst, dass er nicht allein auf die Karte Fußball setzen sollte. Deshalb studierte er Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln, wo er 2011 seinen Abschluss machte. Er legte somit im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen eine gesunde Grundlage für die Zeit nach dem Sport.

Fernandez im Einsatz für den 1. FC Saarbrücken.Zur Saison 2012/2013 heuerte er für ein Jahr beim damaligen Drittligisten 1. FC Saarbrücken an. Nicht wenige machten vor allem seine Leistungen dafür verantwortlich, dass die Saarländer am Ende der Saison den Abstieg verhindern konnten. Aber anstatt seine Leistungen in einem verbesserten Vertragsangebot zu würdigen, sollte sein „ohnehin schon geringes Gehalt weiter reduziert werden“. Auch mit anderen Spielern wurde so verfahren. So schloss er sich 2013 den Sportfreunden Lotte an, die damals in der Regionalliga West zu Hause waren. Nach zwei vergeblichen Versuchen zuvor stieg er 2016 mit den Sportfreunden in die 3. Liga auf. Und der Neuling spielt in der neuen Liga eine gute Rolle. Mit 21 Punkten belegt Lotte hinter dem MSV Duisburg (24 Punkte), dem VfL Osnabrück (23) und dem VfR Aalen (21) den vierten Platz.

Wohin der Weg des Drittligisten im DFB-Pokal noch führt, wird sich zeigen. Die Fans sangen nach Spielende schon: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“. Was die Underdogs vor allem nach dem Seitenwechsel vor 8.763 Zuschauern zeigten, lässt erahnen, wozu die Mannschaft mit ihrem unbändigen Willen im Stande ist. Sie machte dem Favoriten das Leben schwer und war bis zum Schluss ebenbürtig. Dass zum Schluss im Elfmeterschießen die Portion Glück hinzukam, die man in solchen Momenten immer braucht, soll die Leistung des Drittligisten nicht schmälern. Als nächsten Gegner empfangen die Sportfreunde Lotte im Achtelfinale des DFB-Pokals, das am 7. und 8. Februar 2017 ausgetragen wird, den Zweitligisten 1860 München. „Volle Lotte“ steht als Motto auf dem Bus der Sportfreunde. Genau darauf werden sich die Löwen einstellen müssen. Wer mit Werder Bremen und Bayer Leverkusen bereits zwei Bundesligisten ausgeschaltet hat, darf sich auch diese Aufgabe durchaus zutrauen. Dazu ist aber ein weiterer mutiger Auftritt a la Leverkusen nötig.