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Frauen-EM

Frauen-EM: Was war bloß mit den Torfrauen los?

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Eigentlich hat der Frauenfußball inzwischen ein Niveau erreicht, das sich sehen lassen kann und das viele vor 20 Jahren wahrscheinlich nicht erwartet hatten. Betrachtet man allerdings die Torhüterinnen bei der EM, hat man fast den Eindruck, als sei die Entwicklung an ihnen vorbeigegangen. Denn einige der Torhüterinnen erlaubten sich Pannen und Blackouts, die einem EM-Turnier nicht würdig waren.

Beispiele für Blackouts

Auch die deutsche Mannschaft profitierte zweimal von den Schwächen der gegnerischen Torhüterin. Im Gruppenspiel gegen Italien ließ die italienische Torfrau Laura Giuliani nach einem harmlosen Freistoß der Ball fallen, so dass Josephine Henning nur noch einzuköpfen brauchte. Noch einfacher machte es die dänischen Torhüterin Lykke Petersen dem deutschen Team. Sie lenkte den Ball einhändig selbst über die Linie. Leider konnte die deutsche Mannschaft dieses Geschenk im Viertelfinale nicht nutzen und schied aus.

Almut Schult vom VfL Wolfsburg

Auch die Schweizerin Gaelle Thalmann reagierte im Spiel gegen Frankreich (1:1) nach einem Freistoß von Camille Abily völlig falsch und leitete mit ihrem Fehler das Ausscheiden ihres Teams ein. Die deutsche Trainerin der Schweizer Damen Martina Voss-Tecklenburg nahm kein Blatt vor den Mund und sprach hinterher von einem „Scheißtor“. Hätte Thalmann den Ball gehalten, wäre die Schweiz vermutlich ins Viertelfinale eingezogen. Die Reihe von Fehlern ließe sich beliebig fortsetzen. Tatsächlich sahen im Turnierverlauf neben den bereits erwähnten Torhüterinnen auch ihre Kolleginnen Tatiana Shcherbak (Russland), Gudbjörg Gunnarsdottir (Island), Patrícia Morais (Portugal) oder Sari van Veenendaal (Niederlande) bei Gegentoren schlecht aus. Die Häufung der Fehler ist auffällig.

Kein Problem zwischen den Pfosten hatte neben Österreich und England auch das DFB-Team. Almut Schult vom VfL Wolfsburg traf jedenfalls beim Ausscheiden der deutschen Frauen-Nationalmannschaft im Viertelfinale keine Schuld. Ganz im Gegenteil. Sie war eine der Stützen ihres Teams.

Ursachen der teilweise schwachen Leistungen

Silke Rottenberg, ehemalige Weltklassetorhüterin und heute Torwarttrainerin im DFB-Nachwuchsbereich, war regelrecht erschrocken über die gezeigten Leistungen der EM-Torhüterinnen. Für sie gibt es nur eine Erklärung:

Während wir beim DFB schon seit 2009 mit einer fest angestellten Torwarttrainerin im U-Bereich arbeiten und einen Torwartleitfaden veröffentlicht haben, sind andere Verbände erst in den letzten Jahren aufgewacht.

Silke Rottenberg

Auffällig war, dass viele Torhüterinnen in diesem EM-Turnier große Probleme „besonders bei hohen Bällen“ hatten, wie die ehemalige Bundestrainerin Silvia Neid in ihrer Analyse feststellte. Möglicherweise liegt die Ursache dafür in der taktischen Entwicklung vieler Mannschaften begründet. Viele Teams haben gelernt, wie man kompakt verteidigt. Selbst die besseren Teams fanden häufig keine spielerischen Lösungen, diese Defensivgürtel zu knacken. Spielerische Defizite werden aber im Fußballsport meist mit Flanken oder Distanzschüssen kompensiert. Die Zahlen belegen dies: In den vier Viertelfinalspielen wurden insgesamt 157 Flanken geschlagen, also fast 40 pro Viertelfinale. Bedenkt man außerdem, dass die 16 Stamm-Torhüterinnen der EM eine durchschnittliche Körpergröße von 1,75 Meter aufwiesen, lassen sich die Probleme der Torhüterinnen speziell im Luftkampf teilweise erklären.

Ein weiterer Erklärungsgrund ist bei einigen Torhüterinnen sicherlich auch fehlende Athletik. Wenn man z.B. die dänische Torhüterin Lykke Petersen betrachtet, gleicht sie in ihrem körperlichen Erscheinungsbild eher einer in die Jahre gekommenen AH-Torhüterin als einer aktuellen Nationaltorhüterin. Mehr Gewicht bedeutet in der Regel weniger Sprungkraft und fehlende Explosivität. Athletik und eine gewisse Größe sind aber körperliche Grundvoraussetzungen für Torhüter, ganz besonders bei Flanken.

Festzuhalten bleibt, dass viele EM-Torhüterinnen noch großes Steigerungspotenzial aufweisen, das nur durch gute Ausbildungsarbeit in den Vereinen geleistet werden kann. Timing, athletische Ausbildung und Stellungsspiel sind Bereiche, in denen noch große Unterschiede zu ihren männlichen Kollegen bestehen.