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Julian Pollersbeck

Julian Pollersbeck: Vom Auf und Ab eines Talentes

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Sein sportlich erfolgreicher Weg schien vorgezeichnet. Nach dem letzten Elfmeter beim 6:5-Halbfinalsieg im Elfmeterschießen gegen England bei der U21-Europameisterschaft 2016 in Polen stürmten seine Mitspieler auf ihn zu. Sie umarmten den Matchwinner und feierten ihn überschwänglich. Julian Pollersbeck hatte den zweiten Elfmeter in diesem Elfmeter-Krimi gehalten. Seine Teamkollegen wussten, wem sie den Einzug ins Finale zu verdanken hatten. Der 1,95 m große Keeper war urplötzlich in den Fokus der Öffentlichkeit geraten und zur deutschen Entdeckung der U21-Europameisterschaft in Polen geworden. Es war am Höhepunkt einer großartigen Entwicklung angekommen, die im Laufe der Saison 2015/16 kometenhaft seinen Lauf genommen hatte.

Seine Entwicklung zum Klassekeeper

Julian Pollersbeck wurde 1994 in Altötting nahe Burghausen geboren. Bei Wacker Burghausen startete er auch seine Karriere, bis er 2013 mit 21 Jahren zum 1. FC Kaiserslautern wechselte. Bei den Pfälzern war er eigentlich als Nummer zwei hinter Andre Weis vorgesehen. Doch als Weis am vierten Spieltag der letzten Saison in Sandhausen die Rote Karte erhielt, nutzte Pollersbeck seine Chance und gab seine „Pole-Position“ im weiteren Verlauf der Saison nicht mehr ab. Der junge Schlussmann setzte zu einem gewaltigen Leistungssprung an. In 31 Partien musste er nur 27 Gegentreffer hinnehmen. Bereits in seiner ersten Zweitligasaison war er zu einem der besten Torhüter in dieser Liga gereift. Als Anerkennung für seine guten Leistungen wurde er von U21-Trainer Stefan Kuntz als einziger Zweitliga-Spieler in den Kader der U21-DFB-Auswahl berufen. Nicht wenige Experten waren überrascht, als Pollersbeck sogar vom U21-Trainerstab bei der EM dem Dresdener Marvin Schwäbe vorgezogen wurde, obwohl dieser einige Partien bei der EM-Qualifikation absolviert hatte. Der Rest ist bekannt. Das DFB-Nachwuchsteam wurde Europameister, Pollersbeck einer der schillerndsten Figuren im deutschen Team.

Wechsel zum HSV

Seine außergewöhnlichen Leistungen blieben selbstverständlich auch einigen Erstligisten nicht verborgen. Schließlich gelang es ausgerechnet dem Hamburger SV, das Torwart-Talent für 3,5 Millionen Euro vom „Betze“ zu den Hanseaten zu locken. Nach dem Abgang von Ex-Nationaltorwart Rene Adler war bei den Hanseaten ein Platz im Torwartteam frei geworden. Im Sommer dieses Jahres war die Torwartfrage beim Hamburger SV eines der sportlichen Themen, die das Sommerloch füllten. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis der frisch gebackene U21-Europameister die durch Adlers Abgang vakante Position zwischen den Pfosten des HSV-Tores besetzte. Selbst Konkurrent Christian Mathenia war sich der großen Konkurrenz nach den Leistungen Pollersbecks bei der EM bewusst: „Julian ist ein sehr talentierter Torwart, er hat eine EM gespielt, die wirklich fantastisch war.“

Julian Pollersbeck im Spiel gegen Holstein Kiel.

Pollersbecks Entwicklung beim HSV

Doch es kam anders. Pollersbeck konnte sich nicht gegen Christian Mathenia, seinen Konkurrenten um die Position als Nummer eins beim HSV, durchsetzen. Der EM-Held musste mit dem Platz auf der Ersatzbank vorlieb nehmen. Nur zwei Einsätze in der Regionalliga Nord stehen im bisherigen Saisonverlauf zu Buche. Dieser Zustand scheint sich in absehbarer Zeit auch nicht zu verändern. Ganz im Gegenteil. Weil HSV-Trainer Markus Gisdol mit den zuletzt gezeigten Trainingsleistungen des Ex-Lauterers nicht mehr einverstanden war, zog er kurzerhand Tom Mickel, die etatmäßige Nummer drei, dem inzwischen 22-jährigen Pollersbeck vor. Der bei der U21-EM als Held gefeierte Schlussmann steht plötzlich bei den Norddeutschen auf dem Abstellgleis.

Fehlende Professionalität als Ursache?

Bereits vor einigen Wochen machten Aussagen zur fehlenden Professionalität des Keepers in den Medien die Runde. Er würde gerne mal in den Abendstunden etwas länger aus dem Haus gehen, war in einer Boulevard-Zeitung zu lesen. Und ausgerechnet in dieser für den jungen Keeper schwierigen Situation befeuerte Gerald „Garry“ Ehrmann, sein ehemaliger Torwarttrainer beim 1.FC Kaiserslautern, diese Gerüchte zusätzlich. Für ihn komme der Absturz nicht überraschend. "Ich habe kein Mitleid mit Julian, weil ich ihn kenne", sagte Ehrmann gegenüber "Sport1.de", und fuhr weiter fort: „Er denkt, er habe es nicht nötig. Er ist zu bequem und hat sehr wenig Eigenantrieb. Julian fehlt es an Selbstkritik. Du musst ihn zu seinem Glück zwingen." Das sind harte Worte seines ehemaligen Förderers gegenüber dem Jung-Profi, der am Anfang einer verheißungsvollen Karriere stand. Natürlich versucht HSV-Sportchef Jens Todt den Vorfall in verschiedenen Medien herunterzuspielen. „Es gibt für uns keinen Tadel, dass sich Julian unprofessionell verhalten würde“, äußerte er sich gegenüber dem Abendblatt. In der BILD wird er mit den Worten zitiert, dass Julian an seiner Physis arbeite und grundsätzlich auf einem guten Weg sei. Ein Dementi sieht jedenfalls anders aus. Richtig glücklich ist auch Pollersbeck-Berater Roman Rummenigge nicht mit der augenblicklichen Situation. „Wir werden uns sehr genau anschauen, wie es in den kommenden Wochen mit Julian weitergeht“, meinte der Sohn von Karl-Heinz Rummenigge im „Abendblatt“.

Vorerst hat ihm HSV-Trainer Markus Gisdol einen deutlichen Denkzettel verpasst. Es wird sich zeigen, ob Pollersbeck die Zeichen der Zeit richtig deutet oder sein kometenhaften Aufstieg nicht genauso schnell in die entgegengesetzte Richtung verläuft. Vertraglich ist er noch bis 2021 an die Norddeutschen gebunden. Er hat also noch genügend Zeit, sich über seine weitere sportliche Zukunft Gedanken zu machen. Er wäre allerdings auch nicht der erste Profi, der seine Karriere aus einer fehlenden Einstellung zum Beruf verspielt.