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Oliver Baumann

Oliver Baumann: Austritt aus dem Schattendasein

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Als Oliver Baumann in der Saison 2010/11 mit gerade mal 20 Jahren zum Stammtorhüter des SC Freiburg aufrückte, waren nicht wenige Experten der Überzeugung, dass hier ein kommender Nationaltorwart heranwachsen könnte. Den Spähern des DFB war sein großes Talent nicht entgangen. Seit der U18 war er ständiger Bestandteil aller Nachwuchsmannschaften des DFB, insgesamt zwanzigmal wurde er in die verschiedenen DFB-Nachwuchsteams berufen. Nachdem er in den vergangenen beiden Jahren eher ein Schattendasein innerhalb der Bundesliga-Torwartgilde führte, macht er neuerdings wieder durch großartige Leistungen auf sich aufmerksam. Er spielt wohl seine beste Saison bei der TSG Hoffenheim.

Freiburger Eigengewächs

Ausgebildet in der Jugendabteilung der Breisgauer, schaffte der 1,87 m große Keeper 2010 über die zweite Mannschaft den Sprung in den Profikader und war vier Jahre lang die unumstrittene Nummer eins der Badener. Weil ihm Trainer Christian Streich auch nach schwachen Spielen weiterhin das Vertrauen schenkte, konnte er in Ruhe reifen und zu einem Leistungsträger seines Teams heranwachsen. Baumann fühlte sich in dieser Umgebung ausgesprochen wohl: „Hier beim SC passt von der Vereinsführung und dem Trainerteam einfach alles und ich kann mich hier weiterentwickeln. Es ist schön, dass ich das Vertrauen hier bekomme und jetzt etwas zurückgeben kann", sagte Baumann, nachdem der Verein im September 2013 die vorzeitige Vertragsverlängerung mit dem Hoffnungsträger bekannt gegeben hatte. Sportdirektor Jochen Saier betonte damals den Wert des Eigengewächses für den Verein: „Nicht nur für die Fans verkörpert Oliver Baumann eine Identifikationsfigur aus der Region, für uns hat sein Weg als Spieler aus der Freiburger Fußballschule Vorbildcharakter."

Überraschender Wechsel zur TSG Hoffenheim

Völlig überrascht aber waren viele Anhänger der Badener, als Baumann trotz Vertragsverlängerung zur folgenden Saison 2014/15 seinen Wechsel vom SC Freiburg zur TSG 1899 Hoffenheim öffentlich machte. Rund 5,5 Millionen Euro war den Nordbadenern diese Verpflichtung wert. Leicht fiel Baumann der Schritt aus dem vertrauten Breisgau in den Kraichgau sicherlich nicht: „Emotional war es nicht einfach, den SC zu verlassen und auch noch nach Hoffenheim zu wechseln.“ Viele Freiburger Fans aber waren enttäuscht von dem Freiburger Urgestein. Dreizehn Jahre lang hatte er dem Verein angehört, stammte aus der Region und stand wie kaum ein Zweiter für das Modell Freiburg und deren hervorragender Fußballschule. So einer konnte doch nicht einfach seinen Herzensverein verlassen. Die Beschimpfungen, die Baumann deshalb von Freiburger Seite erdulden musste, waren enorm. Baumann selbst konnte diese Reaktion der Fans nur bedingt nachvollziehen: "Ich verstehe, dass einige enttäuscht waren, weil ich als Spieler gehe. Aber letztlich beleidigen sie mich ja auch als Menschen. Und das ist traurig, weil ich immer alles für den Verein gegeben habe." Auch Freiburgs Trainer Christian Streich soll Baumann den Wechsel übel genommen haben.

Oliver Baumann gegen die Hertha Ende Oktober 2016

Aber die besseren Möglichkeiten des Vereins von SAP-Gründer Dietmar Hopp gaben schließlich den Ausschlag für Baumanns Entscheidung. Er unterschrieb einen Vertrag bis zum 30. Juni 2018. Die TSG Hoffenheim war mit ihren finanziellen Möglichkeiten geradezu prädestiniert, den nächsten Karriereschritt für den Schlussmann einzuleiten. Seine Erwartungen dürften sich aber noch nicht ganz erfüllt haben. Nachdem die TSG Hoffenheim in der Saison 2014/15 mit einem achten Platz nur knapp die Europa League verpasst hatte, kam die Mannschaft in der vergangenen Saison in schwere Turbulenzen. Mit einem 15. Tabellenplatz konnte der Absturz in die zweite Bundeliga nur knapp verhindert werden.

Auf Champions-League-Kurs

Seit allerdings Julian Nagelsmann das Kommando in Hoffenheim übernommen hat, zeigt die Kurve des Vereins steil nach oben. Aktuell belegt das Team Platz vier in der Bundesliga-Tabelle und hat somit alle Chancen, sich für die nächste Saison international zu qualifizieren. Baumann hat mit seinen Leistungen nicht unwesentlich zu diesem Erfolg beigetragen. Mit 25 Gegentoren musste die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann die zweit wenigsten Gegentore hinnehmen. Nur der FC Bayern (13) hat weniger Treffer kassiert. In der Kicker-Notenrangliste belegt er mit einem Notendurchschnitt von 2,76 Platz drei unter den Bundesliga-Torhütern. Erstmals seit Monaten wird sein Name wieder im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft erwähnt. Auch der Keeper selbst ist von seinen Qualitäten überzeugt. Er sieht sich zwar nicht auf einem Level mit Manuel Neuer, doch mit Trapp, ter Stegen und Leno ist er auf Augenhöhe: „Neuer ist unerreichbar. Mit den anderen sehe ich mich in einer Liga, so selbstbewusst bin ich schon".

Oliver Baumann im Spiel gegen Bayer 04 Leverkusen am 18.03.2017

Weil er sich in Hoffenheim offensichtlich wohl fühlt, hat der 26-Jährige seinen bis 2018 datierten Vertrag schon vorzeitig bis 2021verlängert. Wie wenig man solchen Unterschriften aber trauen kann, hat die Vergangenheit mehrfach bewiesen. Sollte sich die TSG Hoffenheim allerdings für das internationale Geschäft und sogar möglicherweise für die Champions League qualifizieren, wäre das für den Keeper „ein Mega-Highlight“ und würde sicherlich seine Bleibezeit in Hoffenheim deutlich verlängern. Seit seinen großartigen Leistungen in der laufenden Saison machen nämlich immer wieder Wechselgerüchte die Runde. In einem vor kurzem stattgefundenen Gespräch mit dem Kicker wies Baumann aber Wechselabsichten zu einem Top-Verein von sich: „Ich bin ja schon bei einem Topklub, wenn man aktuell auf die Tabelle schaut.“. Begeistert ist er schon jetzt von der neuen Spielweise der TSG, die ihm auch selbst deutlich mehr in der Spieleröffnung abverlangt: "Das finde ich geil. Es macht mir extrem viel Spaß. Aber es muss immer zielgerichtet sein und darf nicht zum Selbstzweck werden. Wir wollen trotzdem möglichst zügig bis vors gegnerische Tor kommen. Mit mir sind wir eben einer mehr, um uns aus dem Pressing des Gegners spielerisch zu lösen. Ich schlage ja kaum noch lange Bälle."