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Philipp Heerwagen

Philipp Heerwagen: Rückkehr auf die Fußballbühne

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Nur wenige hätten Philipp Heerwagen wohl zugetraut, noch einmal als Stammtorhüter auf die Fußball-Bühne der zweiten Liga zurückzukehren. Immerhin ist der St. Pauli-Keeper bereits 34 Jahre alt und spielte bereits seit Jahren sportlich keine große Rolle mehr. Die Ersatzbank war zu seinem ständigen Aufenthaltsort geworden.

Seine sportliche Entwicklung in jungen Jahren

Tim Heubach vom 1.FC Kaiserslautern wird von Philipp Heerwagen getröstet.Dabei begann die Karriere des gebürtigen Bayern recht verheißungsvoll. Ausgebildet in der Jugend von Bayern München, wechselte er im Sommer 2001 zu SpVgg Unterhaching, die zum damaligen Zeitpunkt in der Regionalliga Süd spielten. Bei den Münchener Vorstädtern begann der sportliche Aufstieg des damals erst 19-jährigen Keepers. Mit starken Leistungen trug Heerwagen 2003 maßgeblich zum Aufstieg der Unterhachinger in die zweite Bundesliga bei. Über Jahre war er einer der Leistungsträger des Klubs. Nicht ohne Grund verlieh ihm das Sportmagazin „Kicker“ in der Winterpause 2006/07 deshalb das Prädikat „Herausragend“. Doch auch seine hervorragenden Leistungen konnten den Abstieg des Klubs am Ende der Saison 2006/07 nicht verhindern. Der inzwischen 24 Jahre alte Schlussmann wechselte zur Saison 2007/08 zum damaligen Bundesligisten VfL Bochum. Aber erst in der Saison 2009/10 konnte er sich als Stammtorhüter beim VfL durchsetzen. Auch nach dem Abstieg des VfL Bochum 2010 blieb er beim Ruhrpott-Klub in der zweiten Liga aktiv. Aber den klaren Status als Nummer eins im Klub erreichte er nie. In sieben Jahren beim VfL Bochum kam er nur auf 44 Einsätze.

Seine neue Rolle als Ersatztorwart

Dass man in Bochum trotz eines Dreijahresvertrages nicht mehr auf ihn setzte, zeigte die Ausleihe Heerwagens im Januar 2012 an den Ligakonkurrenten FC St. Pauli, als deren Stammtorhüter Philipp Tschauner verletzungsbedingt für lange Zeit ausfiel und die Hamburger schnellen Ersatz suchten. Allerdings kam er in dieser Zeit zu keinem Pflichtspieleinsatz. Obwohl er am Saisonende zum VfL Bochum zurückkehrte, scheint der Keeper Spuren im Gedächtnis der Hamburger hinterlassen zu haben. Jedenfalls erinnerten sich die St Pauli –Verantwortlichen an den inzwischen vertragslosen Schlussmann, als sie im September 2013 Ersatz für den zu Sturm Graz abgewanderten Benedikt Pliquett suchten.

Philipp Heerwagenim Trainingslager am 08.07.2015Eigentlich hatte Philipp Heerwagen bei seinem Wechsel nach Hamburg die Rolle des Ersatztorhüters hinter seinem stark spielenden Konkurrenten Robin Himmelmann akzeptiert und war zufrieden mit seiner Rolle als Back-up. Mit bereits 34 Jahren seit vier Jahren auf der Reservebank stellte er keine Ansprüche mehr. In Zeiten der Arbeitslosigkeit hatte er außerdem gelernt, wie schön es ist, den Beruf des Profifußballers überhaupt ausüben zu dürfen. Demütig bekannte er: „Das war eine brutal schwierige Situation. Ich habe da Demut gelernt und gespürt, wie es ist, wenn man diesen Job nicht ausführen darf. Ich fahre jeden Tag am Arbeitsamt vorbei, wo ich mich auch schon zweimal als arbeitssuchend gemeldet habe. Das ist hart, deshalb stehe ich gern auf dem Trainingsplatz.“ Er hatte inzwischen die Rolle des Motivators und Ansprechpartners im Team eingenommen. Die Mannschaftskameraden waren voll des Lobes über ihren Ersatztorwart: „Der Philipp ist der perfekte Teamplayer, er gibt alles für die Mannschaft, selbst wenn er nicht spielt." In einem Interview in der Zeit bekannte er einmal: „Jeder Spieler soll in einer Mannschaft doch das einbringen, was er am besten kann, und ich habe mit den Jahren gemerkt, dass ich am besten andere Spieler motivieren kann.“

Seine Rückkehr zwischen die Pfosten

Philipp Heerwagen in der Partie gegen den VFB Stuttgart in der Saison 2016/2017Bis zum Dezember 2016 dachte wohl niemand, dass der 34-jährige Keeper noch einmal eine gewichtige Rolle als Torhüter für den Verein spielen könnte. Als sich aber der bisherige Stammtorhüter Robin Himmelmann im Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern einen Muskelfaserriss im linken Oberschenkel zuzog, schlug noch einmal seine Stunde. Mit hervorragenden Leistungen spielte er sich auf die Zweitliga-Bühne zurück. Er brachte Ruhe und Stabilität in die zum damaligen Zeitpunkt im Abstiegskampf stehende Truppe. Trainer Ewald Lienen hatte keinen Grund, Heerwagen nach der Gesundung Himmelmanns wieder auf die Ersatzbank zu verbannen. Es sagt aber viel über den Charakter des Torwart-Oldies aus, dass ihn das Schicksal seines Konkurrenten nicht kalt ließ, obwohl er sich nach vielen Jahren als Ersatzmann über seine Einsätze freute: „Natürlich tut es mir für Robin wahnsinnig leid, weil er ein sehr guter Torhüter ist und es absolut auch so machen würde und uns weiterhelfen könnte. Aber die Situation ist nun einmal so, wie sie gerade ist.“ Dass sich durch die Position als Nummer eins sein Stellenwert in der Mannschaft noch einmal verbessert haben könnte, ist ihm hingegen nicht wichtig, weil sich „nichts am Wert änderte, den ich als Mensch in der Mannschaft habe.“ Heerwagen hat nach 17 Profijahren gelernt, was im Leben wirklich wichtig ist.

Mehr als nur Torhüter

Heerwagen denkt aber auch über die Welt des Fußballs hinaus. Für St- Pauli-Trainer Ewald Lienen ist er "ein hochintelligenter Junge", der an vielen Themen interessiert ist. Auch Thomas Ernst, ehemaliger Sportvorstand in Bochum, sieht in dem Torwart "nicht so den klassischen Profi. Er ist einer, mit dem man sich vernünftig unterhalten kann." Philipp Heerwagens Gedanken bleiben nicht allein in der Welt des Siegens und Verlierens stecken. Er bringt sich z.B. ein im Verein Viva con Agua de Sankt Pauli, der sich zusammen mit der Welthungerhilfe für bessere Lebensbedingungen auf der Welt einsetzt. Ungewiss ist, wie lange er noch Profi bleiben kann: „Der Körper sendet mir Signale, dass es vielleicht bis 38 oder 39 gehen sollte." Ausgeschlossen ist aber auch nicht, dass es noch mehr Jahre werden könnten. Denn mit jedem Jahr, bei dem er bei St. Pauli ist, „fühle ich mich immer ein Jahr jünger. Das ist unfassbar.“ Bis 2019 hat er seinen Vertrag beim Kiez-Klub vor kurzem erst verlängert. Mal sehen, wie viele weitere Jahre noch folgen werden.

Dass sich der 28-jährige Robin Himmelmann langfristig nicht mit der Perspektive als Ersatztorhüter anfreunden möchte, hat sein Berater Jörg Neblung nach Informationen des „Kicker“ gegenüber St. Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettich bereits zum Ausdruck gebracht. Obwohl der Ex-Schalker noch vertraglich an den Kiez-Klub bis 2019 gebunden ist, könnte die Gefahr bestehen, dass Himmelmann im Sommer dem Verein den Rücken kehren möchte. Ob die Verantwortlichen ihn allerdings ziehen lassen, steht in den Sternen. Immerhin zählte der Schlussmann in den letzten Jahren bis zu seiner Verletzung zu den besten der Liga und wurde bereits mit Bundesligisten in Verbindung gebracht. Aber einen Philipp Heerwagen in der augenblicklichen Form zu verdrängen, wird auch für Himmelmann eine Mammutaufgabe werden.