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Roman Bürki

Roman Bürki: Seine „Fehler“ unter der Lupe

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Roman Bürki steht beim BVB zunehmend in der Kritik. Seit seinem Auftritt im Champions-League-Spiel in London gegen die Tottenham Hotspurs liegt ein besonderer Fokus auf seinen Schwächen. Er teilt sein Schicksal mit vielen anderen Torhütern vor ihm. Wenn ein Schlussmann einmal am Pranger steht, richtet die Medienwelt ihr Augenmerk auf jede noch so kleine weitere Unsicherheit. Und diese kann man momentan bei Roman Bürki sicherlich finden. Mit dem Gegentreffer im Champions-League-Spiel bei Apoel Nikosia sind seine Kritiker nicht weniger geworden. Aber hat er all diese negativen Beurteilungen verdient? Um es vorweg zu nehmen: Zweifellos spielt der 26-jährige Schweizer momentan nicht in der Form seines Lebens. Trotzdem lohnt es sich, seine Fehler und die Vorwürfe der Medien einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Spiel gegen Tottenham

Roman Bürki nach dem Tor zum 1:2 durch Yussuf Poulsen beim Spiel Borussia Dortmund gegen RB Leipzig.Viele Experten kreideten Bürki als Fehler an, dass er bei den ersten beiden Gegentoren den Ball am kurzen Pfosten passieren ließ. Dass er bei diesen Treffern nicht die optimale Position eingenommen hatte, um die beiden Bälle in die kurze Ecke zu verteidigen, hat der Schweizer unumwunden zugestanden. Den Hauptvorwurf in Richtung Bürki gilt es allerdings näher zu betrachten. Laut einigen Medien und auch von ZDF-Experte Oliver Kahn bestand Bürkis Fehler darin, dass er einen Treffer ins kurze Eck, dem sogenannten „Torwarteck“, zuließ. Hätte Bürki also viel näher am Pfosten gestanden und somit des kurze Eck besser zugestellt, wäre der Fehler wohl nicht zu seinen Lasten ausgelegt worden, wenn der Ball im langen Eck eingeschlagen hätte. Denn dafür ist der Torhüter nach deutscher Experten-Meinung offensichtlich nur bedingt zuständig. Deshalb gibt es noch heute Torhüter auch im Spitzenbereich, die vor dieser Spielsituation den kurzen Torpfosten berühren, um sich der Nähe des Pfostens zu vergewissern. Wenn man aber dieses Verhalten des Torhüters wünscht, muss man sich darüber im Klaren sein, dass der Keeper sowohl das lange Eck als auch Bälle, die quer durch den 5-m-Raum gespielt werden, deutlich schlechter verteidigen kann. Betrachtet man aber viele Spielsituationen, wenn ein gegnerischer Angreifer von außen in den Strafraum läuft, genauer, so stellt man fest, dass die Bälle meist quer vor das Tor gespielt und nur selten aus spitzem Winkel – wie Kane für Tottenham – aufs Tor geschossen werden.

Daniel Carvajal jubelt und Roman Bürki kniet enttaeuscht vor dem Tor nach dem Tor bzum 0:2 durch Cristiano Ronaldo.Ist der Torhüter aber vor allem aufs kurze Eck fixiert, rollt der Ball oft durch den Torraum, ohne dass der Torhüter eingreift. Dieses Abwehrverhalten des Torhüters wird von den Kommentatoren nicht kritisiert. Bürki hatte in dieser Situation wohl alle drei Möglichkeiten im Sinn (Schuss ins kurze oder lange Eck, Querpass zum Mitspieler) und positionierte sich deshalb näher zum Spielfeld. Vorwerfen kann man ihm, dass er den Schuss ins kurze Eck zu wenig als Gefahr bedacht hatte. Insofern traf er keine optimale Entscheidung in seinem Stellungsspiel, mehr nicht. Zu Recht wehrt er sich deshalb mit der Feststellung, dass das kurze Eck ein „Mythos“ sei, den er noch nie verstanden habe. "Kurze Ecke, lange Ecke - du versuchst, alles abzudecken und du bist unglücklich, egal wo der Ball reingeht", begründete er seinen Standpunkt, „ich kann mich auch einfach an den ersten Pfosten stellen und da keinen Ball reinlassen. Dafür gehen sie dann in die lange Ecke. Das Spiel ist dann trotzdem verloren“, reagierte er angefressen auf die Kritik. Auch Leicesters Keeper Kasper Schmeichel unterstützt ihn in dieser Meinung: „Eines Tages hat einfach jemand beschlossen und verkündet, dass Torhüter nicht am kurzen Pfosten überwunden werden dürfen." Jeder, der schon einmal im Tor gespielt habe, wisse aber, wie groß dieses sei und das man es nicht komplett abdecken könne - und deswegen auch nicht garantieren könne, dass der Ball im kurzen Eck einschlage. Diese Denkweise wird der modernen Bewertung des Torwartspiels gerecht. Es besteht jedenfalls aufgrund der beiden Gegentore in die kurze Ecke kein Grund, dem Schweizer Nationaltorwart die internationale Tauglichkeit absprechen.

Spiel gegen Leipzig

Bürki gibt Anweisungen beim Champions League Spiel zwischen Borussia Dortmund und Real Madrid am 26.09.2017Auch bei der 2:3-Heimniederlage gegen RB Leipzig wurden Bürki von einigen Medien zwei der drei Gegentreffer angelastet. Auch diese Gegentore sind eine nähere Betrachtung wert. Beim 1:1-Ausgleichstreffer spielt Kampl einen Freistoß auf den Kopf eines Leipziger Spielers, der 10 m seitlich vor dem Tor ein Kopfballduell gegen einen Dortmunder Abwehrspieler gewinnt und dabei den Ball zu seinem Stürmer verlängert, der nahezu unbedrängt – sein Mitspieler hatte den Ball unterlaufen – aus 4 m zum Kopfball kommt. Bürki hatte in dieser Aktion zwei Möglichkeiten. Er konnte zum einen auf der Linie verharren und abwarten, wohin der Leipziger Angreifer den Ball köpfen würde. Bei einem nur einigermaßen platzierten Ball wäre Bürki ohne Abwehrmöglichkeit gewesen. Wahrscheinlich hätten ihm die Kommentatoren auch bestätigt, dass er ohne Abwehrchance gewesen sei. Bei diesem passiven Torhüterverhalten eine sicherlich richtige Einschätzung! Stattdessen entschloss sich Bürki, dem Ball entgegen zu hechten, um damit seine Abwehrchance möglicherweise zu erhöhen. Leider kam er etwas zu spät und musste den Gegentreffer hinnehmen. Mit dieser Aktion verstieß er gegen ein weiteres Dogma beim Torwartverhalten: „Wenn der Torhüter kommt, muss er den Ball auch haben!“ Wenn ein Torhüter aber nach dieser Maxime handelt, gibt es für ihn nur eine Handlungsweise: „Bleibe auf der Linie, wenn du dir nicht ganz sicher bist, ob du den Ball erreichst! Du ersparst dir viel öffentliche Kritik.“ Die Frage ist: Brauchen wir einen defensiven Torwarttyp im modernen Torwartspiel, oder wollen wir Torhüter, die mutig agieren, auch auf die Gefahr hin, einen Fehler zu machen? Meiner Meinung nach hätte Bürki in der beschriebenen Situation nahezu keine Chance gehabt, den Ball abzuwehren, wenn er auf der Linie verharrt wäre. Dass er sich, leider erfolglos, für das Handeln entschieden hat, sollte man ihm nicht unbedingt als Schwäche auslegen. Ich jedenfalls plädiere für einen neuen Gedankenansatz: Nicht handeln ist schlechter als falsch handeln!

Roman Bürki beim Gestikulieren mit seinen Vordermännern.Beim 1:2-Gegentor wurde Bürki mit einer weiteren typisch deutschen Denkweise konfrontiert, nämlich dass es als Makel bewertet wird, wenn ein Torhüter einen Treffer durch die Beine („durch die Hosenträger“) hinnehmen muss. Die Situation: Der Leipziger Bruma tankt sich gegen zu wenig Widerstand seines Gegenspielers am Flügel durch und stürmt nahe der Torauslinie in hohem Tempo und spitzem Winkel auf Bürki zu. Bürki geht dem gegnerischen Stürmer kurz entgegen und versucht mit einem Block, das Abspiel nach innen zu verhindern, indem er sich breit macht. Deshalb hatte er eine breite Beinstellung. Bruma passt den Ball aus 2-3 m Entfernung durch Bürkis Beine zu Yussuf Poulsen, der den Ball ins Tor ablenkt. Bei aller Kritik: Wie hätte sich Bürki anders verhalten sollen? Hätte er in engerer Beinstellung stehen sollen, oder muss er versuchen, den Querpass zu verhindern, auch auf die Gefahr hin, dass er getunnelt wird? Meine Meinung dazu ist jedenfalls klar: Das Dogma, einen Beinschuss zum Nachteil des Torhüters auszulegen, sollte man schnell ad acta legen!

Spiel gegen Apoel Nikosia

Wenig diskussionswürdig ist hingegen der Doppelpatzer von Bürki im Champions-League-Spiel bei Apoel Nikosia. Einen Rückpass von Sokratis, der sicherlich leicht holperte, wollte er direkt zum seinem Mitspieler weiterspielen. Stattdessen passte er den Ball zu einem gegnerischen Angreifer, der zwei Borussen-Verteidiger ins Leere laufen ließ und aufs Tor schoss. Bürki konnte den Aufsetzer nicht festhalten und klatschte ihn nach vorne ab, so dass der Ex-Dresdener Pote den Ball nur noch ins Tor schieben musste. Daran gibt es keinen Zweifel: Das ersten Schuss hätte Bürki unter Kontrolle bringen müssen. Sehr hart ging Sky-Experte Ewald Lienen mit dem Borussen-Keeper ins Gericht. „Roman Bürki steht im Moment neben sich. Er ist nicht gut drauf und trifft die falschen Entscheidungen. In dieser Saison macht er einen Fehler nach dem anderen“, sagte der ehemalige Bundesligatrainer. Bereits nach dem Spiel in London wurde der Schweizer von Ewald Lienen absolut überzogen und meiner Meinung nach unsachlich kritisiert. Weitaus sachlicher analysierte Schalke-Keeper Ralf Fährmann, ebenfalls Gast beim Pay-TV-Sender, die Aktion:

Es ist eine sehr bittere Situation gewesen. Er hätte den Ball vielleicht lieber nach vorne schlagen sollen. Er weiß selbst, dass er den Ball nicht nach vorne abwehren darf.

Ralf Fährmann

Vielleicht sollte sich Roman Bürki am Schalker Torhüter ein Vorbild nehmen. Immer wieder wurden auch Fährmanns Fähigkeiten in früheren Jahren in Frage gestellt und ihm Patzer vorgeworfen. Deshalb war bereits in der Winterpause der Saison 2014/15 Fabian Giefer von Fortuna Düsseldorf als neue Nummer eins verpflichtet worden, weil nicht wenige Fährmann die Position als Nummer eins nicht zutrauten. Mit einer tadellosen Rückrunde belehrte er aber alle seine Zweifler eines Besseren. Seit Jahren hat sich Fährmann nun stabilisiert und gehört inzwischen zum Besten, was die Bundesliga zu bieten hat. Für BVB-Trainer Peter Bosz ist jedenfalls klar: "Roman hat auch in dieser Saison der Mannschaft sehr oft geholfen. Das passiert im Fußball, die Mannschaft wird ihm das nicht vorwerfen." Richtig so!