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Ron-Robert Zieler

Ron-Robert Zieler: Müssen Sportler Beleidigungen hinnehmen?

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Keinem Fußballfan sind die üblen Beleidigungen und Schmähungen entgangen, die Ex-Nationaltorwart Ron-Robert Zieler im Auswärtsspiel seines Klubs VfB Stuttgart gegen den 1. FC Köln ertragen musste. Und es kann keinem wirklichen Fußballfan egal sein, welche Auswüchse an Herabwürdigungen sogenannte Fans in Stadien fast wöchentlich zum Besten geben. Sicherlich mag das Empfinden, wann eine Beleidigung beginnt, bei den verschiedenen Menschengruppen, die sich in einem Stadion treffen, unterschiedlich sein. An der Bewertung dessen, was sich im Kölner Rheinstadion abgespielt hat, kann es, abgesehenen von einigen erzieherisch Fehlgeleiteten, keine zwei verschiedene Meinungen geben. Sicherlich lässt der gute Geschmack in der Hitze einer Partie in den Fußballarenen häufig zu wünschen übrig. Aber die verbalen Entgleisungen in der Kölner Arena waren eindeutig unter der Gürtellinie und sind in keiner Weise hinnehmbar!

Täter nicht zum ersten Mal aufgefallen

Die Täter wurden inzwischen anhand von TV-Bildern und eigenen Aufnahmen des FC identifiziert. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes hat bereits ein Ermittlungsverfahren gegen den 1. FC Köln eingeleitet. Die Kölner Funktionäre haben sich in aller Deutlichkeit von den abartigen Aussagen des Capos (Vorsängers) distanziert und sich sowohl bei Ron-Robert Zieler als auch bei der Familie Enke entschuldigt. Einige Fragen bleiben aber trotzdem offen. Eine davon ist, wie ein polizeibekannter Anhänger, der dem Verein schon lange ein Dorn im Auge ist und der schon mehrfach durch Prügeleien und ähnliches Fehlverhalten aufgefallen war, überhaupt in so exponierter Stellung per Megaphon tätig sein konnte. Nachdem er im Sommer 2017 bereits nach Prügeleien mit Gladbacher Hooligans aufgefallen war, erhielt er, sehr zum Missfallen der Geißböcke, nur ein Stadionverbot bis zum Januar 2018. Zudem stufte ihn die Polizei als Sicherheitsrisiko ein und untersagte ihm, sich dem Stadion in der abgelaufenen Vorrunde auch nur zu nähern. Sofort nach Ablauf der Sperre nahm er aber wieder die Rolle des Einpeitschers auf dem Zaun der Südkurve ein. Sicherlich beginnt auch für einen Straftäter nach Ablauf seiner Strafe „wieder alles bei Null“, wie FC-Sprecher Kaufmann erläuterte. Aber hat ein Verein nicht auch die Pflicht, darauf zu achten, wie sich ein Delinquent nach Ablauf der Sperre verhält und in welcher Weise er wieder aktiv wird? Und muss ein Verein, der Kontakt mit den Ultras hat, nicht auch auf diese Gruppierungen Einfluss nehmen, wenn er wahrnimmt, dass charakterlich höchst bescheidene Wichtigtuer auf den Zäunen des Stadions ihre Hasstiraden verbreiten und eine oft sehr junge Mitläuferschaft zu Entgleisungen anstacheln? Schließlich geben sie vor, im Namen des Vereins zu handeln.

Verantwortung des Vereins?

Wenig überzeugend ist auch die Darstellung des Vereins, allein die zwei Einzelpersonen seien für die verbalen Ausfälle verantwortlich, nicht hingegen die FC-Ultras oder andere Fan-Gruppierungen. Ein Megaphon in die Hand bekommt nur, wer Einfluss in der Gruppe genießt. Insofern müssen ihm Führungsmitglieder der Ultras diese Aufgabe übertragen haben. Und was ist mit den vielen anderen in der Südkurve, die völlig unreflektiert den Worten des Einpeitschers folgen. Können diese sich darauf berufen, ihr bisschen Verstand am Stadioneingang abgegeben zu haben und deshalb ohne Verantwortung zu sein? Weder die Ultras noch die Mitläufer können sich ihrer moralischen Verantwortung entziehen. FC-Pfarrer Dr. Wolfgang Fey, der zusammen mit weiteren sechs Mitgliedern in der Stadionverbots-Kommission tätig ist und die Denkweise der Ultras durch viele Gespräche kennt, bringt es auf den Punkt: „Sie haben eine falsche Eigenwahrnehmung. Sie glauben, sie verkünden eine Meinung, die jeder teilt und äußern das auch in Gesprächen mit uns. Das ist natürlich völliger Unsinn. Und es macht auch keinen Sinn, diesen Menschen und ihrem Verhalten eine Kultur anzudichten. Sie profitieren nur von der Dummheit vieler, die das tun.“

Ron-Zielers Reaktion

Zieler selbst reagierte relativ gelassen, fast mit einem Schulterzucken. „Was soll ich machen? Natürlich höre ich das, der Typ steht ja fünf Meter hinter mir“, sagte der Weltmeister von 2014 dem Kölner Express, „ich nehme das sportlich, als Torwart ist man einiges gewohnt.“ Diese Sätze sind ein Ausdruck einer Ohnmacht. Er wie viele andere Torhüter sind jede Woche Herabwürdigungen ausgesetzt, ohne sich wehren zu können. Die Kurve im Stadion ist aber kein rechtsfreier Raum, in dem permanent Grenzen gegenüber der Würde von Menschen überschritten werden darf. Spätestens hier beginnt die Verantwortung der Vereine, des Ordnungsdienstes, der Polizei und der Justiz. Ein Verein wie der 1. FC Köln stiehlt sich aus der Verantwortung, wenn er erklärt, dass die Beleidigungen gut über die TV-Mikrofone zu hören gewesen seien, in der Arena selbst jedoch nur in der unmittelbaren Nähe des Südtribünen-Tores. Deshalb habe der Ordnungsdienst keinen Anlass gesehen, während des Spiels einzugreifen.

Spiegelbild des Alltags

Menschenverachtende und verletzende Aussagen gehören inzwischen zum Alltag in den Stadien. Sicherlich ist dieses Verhalten ein Abbild der heutigen Gesellschaft. Auch im normalen Alltag haben sprachliche Entgleisungen zugenommen und ist der Ton untereinander rauer geworden. Trotzdem darf das Stadion nicht zu einem rechtsfreien Raum verkommen.

Was erwartet den Täter?

Man darf gespannt sein, wie sich die Justiz im Falle des 27-jährigen Problemfalls verhalten wird. Die Rote Karte mit einem langen Stadionverbot wäre als deutliches Zeichen, dass der Fußballsport kein Platz für Hass ist, mehr als angebracht. Zudem haben die Kölner Verantwortlichen bereits angekündigt, dass man den Capo entsprechend zur Kasse bitten werde, falls der DFB dem rheinischen Traditionsverein eine Geldstrafe aufbrummen sollte. Es wäre wünschenswert, wenn es nicht nur bei Worten bleiben würde.