GoalGuard.de

Sven Ulreich

Sven Ulreich: Wohin führt sein Weg?

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Sicherlich war Sven Ulreich im Sommer 2015 bei seinem Wechsel vom VfB Stuttgart zum deutschen Meister FC Bayern bewusst, dass er in absehbarer Zeit die meiste Zeit auf „der attraktivsten Bank Europas“, wie das Magazin „Spiegel“ einmal die Ersatzbank der Münchener betitelte, verbringen würde. Der ehemalige U21-Nationaltorwart musste sich hinter Welttorhüter und Bayern-Stammtorwart Manuel Neuer einreihen. Seine neue Rolle war ihm von Anfang an klar: „Ich werde immer da sein, wenn ich gebraucht werde.“ Ungewohnt war die neue Rolle für ihn allemal, denn Ulreich hatte zuvor in rund siebeneinhalb Jahren beim VfB Stuttgart über 200 Pflichtspiele absolviert und war bis auf einige Wochen im Spätjahr 2014 seit der Saison 2010/11 ununterbrochen Stammtorwart der Schwaben. Weil er zeitweise großartige Leistungen zeigte, wurde der junge Torhüter der Schwaben immer wieder auch als ein möglicher Kandidat für das DFB-Nationalteam gehandelt. Trotzdem verließ er im Sommer 2015 seinen Herzens- und Ausbildungsverein in Richtung München. Warum eigentlich?

Fehlendes Vertrauen beim VfB Stuttgart

Schlussjubel Jubel nach dem Sieg bei Torwart Sven Ulreich im Spiel gegen den HSV am 33. Spieltag der Saison 2014/2015Nicht alle Fußballbegeisterte konnten damals nachvollziehen, warum ein begabter Torhüter mit gerade mal 26 Jahren und nach 176 Bundesligaspielen freiwillig vom Tor auf die Bank wechselte. Bösartige Abwertungen wie „Frührentner“ oder „Abzocker“ machten in den Medien und sozialen Netzwerken die Runde. Wer sich allerdings näher mit den damaligen Umständen seines Wechsels beschäftigte, konnte verstehen, warum Ulreich das Bedürfnis nach einer Luftveränderung verspürte. Nach 16 Jahren VfB-Zugehörigkeit musste er sehr gekränkt gewesen sein, als er spürte, dass bei den damaligen VfB-Verantwortlichen das Vertrauen in ihn nicht mehr in dem Maße vorhanden war, das ein Torhüter für gute Leistungen benötigt. Hinter seinem Rücken wurden die Namen anderer Torhüter gehandelt, die ihn möglicherweise als Stammtorwart ablösen sollten. Er musste erkennen, dass sein Weg beim VfB zu Ende war. Da es zum damaligen Zeitpunkt für Sven Ulreich keine anderen Beschäftigungsmöglichkeiten als Nummer eins in einem Bundesligator gab, lag es für ihn nahe, das Angebot der Münchener auf die Ersatzbank bei einem der besten Vereine Europas anzunehmen. In einem Interview mit Spox beschrieb er seine damaligen Situation so: „Ich habe das damals gemacht, weil ich einfach etwas Anderes, etwas Neues wollte. Einen Break für mich nach all den Jahren in Stuttgart, wo die Situation schwierig für mich war.“

Neue Situation bei Bayern

Manuel Neuer im Gespräch mit Sven Ulreich im vergangenen AprilNach all den Kränkungen bei seinem Ausbildungsverein freute sich Ulreich bei der Vorstellung des neuen Bayern-Teams fast überschwänglich auf die neue Aufgabe: „Bayern ist der größte und beste Verein in Deutschland. Ich hoffe auch, dass ich von Manu und allen anderen noch in den nächsten Jahren etwas lernen kann.“ Er freue sich "riesig auf die ganze Mannschaft und all das Neue, das auf mich zukommt", hieß es weiterhin in einer Meldung des FC Bayern. Und Neues kam viel auf ihn zu. Sven Ulreich machte in den vergangenen eineinhalb Jahren bei den Münchenern Erfahrungen, die nur wenigen Berufskollegen in anderen Vereinen vergönnt sind. Neben der Möglichkeit, mit den weltbesten Fußballern zu trainieren, erlebte Ulreich auch auf der Ersatzbank außergewöhnliche Welten, die man nur bei einem Klub wie Bayern München erlebt: Er lernte die bedeutendsten Arenen der Welt kennen, holte mehrere Titel, eine enorme Öffentlichkeit und Medienpräsenz sowie den Wettkampf mit der Creme de la Creme des internationalen Spitzenfußballs. Zugleich genoss er aber trotz dieses Rummels an der Isar eine für ihn neue Anonymität, weil er im Starensemble der Münchener als Ersatztorwart meist im Schatten all der Superstars stand. Das war zu seiner Zeit in Stuttgart anders, in der er noch eines der Aushängeschilder der Schwaben war."Ich bewege mich deutlich entspannter als in Stuttgart", sagte Ulreich einmal , wo er immer wieder angehalten und nach einem Autogramm gefragt wurde, wenn er sich durch Stuttgarts Innenstadt bewegte.

Zweifel und Gedanken an Abschied

Bereits zu Beginn der Saison äußerte der inzwischen 28-jährige Keeper in dem bereits erwähnten Spox-Interview erste Gedanken, dass er noch einmal mehr erreichen wolle, als dauerhaft die Nummer zwei im Münchener Starensemble zu bleiben: „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass es nicht manchmal kribbelt. Schließlich schaue ich auch jede Woche Bundesliga. Irgendwann will ich auch wieder regelmäßig spielen. Ich bin jetzt 28 und möchte nicht bis zum Karriereende zuschauen müssen. Im Fußball weiß man aber nie, was kommt.“

Nur 309 Minuten Einsatzzeit - Sven Ulreich auf der Bank ist ein bekanntes Bild beim FC Bayern MünchenNun scheint Sven Ulreich genug zu haben von seinem Bankjob, obwohl sein Vertag erst im Sommer 2018 endet. Vier Spiele hat Sven Ulreich in anderthalb Jahren für die Roten bislang absolviert, nur 309 Minuten Einsatzzeit! In einem Interview mit der Sport Bild äußerte der 28-Jährige vor kurzem den Wunsch, möglicherweise den Rekordmeister im Sommer verlassen zu können. „Ich bin ein ehrgeiziger Spieler. Natürlich ist es nicht mein Ziel, den Rest meiner Karriere als Nummer zwei auf der Bank zu sitzen“, sagte der Bayern-Ersatztorwart dem Blatt und fügte hinzu: „Wenn sich die Gelegenheit ergibt, bei einem anderen Verein zu spielen, werde ich mich damit ernsthaft beschäftigen.“ Sein Ziel sei es in der Zukunft, auf dem Platz das umsetzen, was er in München gelernt habe. Sven Ulreich spürt, dass ein Leben als chancenloser Ersatztorhüter trotz aller Annehmlichkeiten und Titel möglicherweise doch nichts für ihn ist. "Ich habe mir immer gesagt, dass ich - wenn ich hier zwei, drei Jahre bleibe - immer noch sechs, sieben weitere Jahre auf hohem Niveau spielen kann", schilderte Ulreich seine Gedanken der tz.

Es scheint, als habe er einen Abschnitt seiner Karriere bereits innerlich abgeschlossen und warte auf Angebote, als Nummer eins in einer Mannschaft wieder auf die Fußballbühne zurückzukehren. Ein durchaus sinnvoller Gedanke, denn mit 28 Jahren befindet er sich im besten Torwartalter. Man kann bereits erahnen, welcher „Shitstorm“ bei einer vorzeitigen Vertragsbeendigung erneut auf Ulreich einprasseln wird. Für abermalige Häme von Kritikern und geistlosen Zeitgenossen gegenüber seiner Entscheidung gäbe es aber keinen Grund. Wie jeder Mensch wählte Ulreich seinerzeit mit dem Schritt zu den Bayern einen Weg, den er aus seiner Sicht der Dinge gehen musste. Und wie jeder Mensch hat auch er das Recht, einen Weg wieder zu verändern, wenn ihm dies notwendig erscheint. Für anmaßende Häme von Personen, die für sich selbst immer das gleiche Recht einfordern, bliebe daher kein Platz!