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Thomas Kraft

Thomas Kraft: Zurück im Schaufenster

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Fast zwei Jahre ist es her, dass Thomas Kraft zum letzten Mal für Hertha BSC zwischen den Pfosten eines Bundesligaspiels stand. Weil sich Stammtorhüter Rune Jarstein verletzt hatte, bekam der Hertha-Ersatzkeeper am Freitagabend gegen Borussia Dortmund (1:1) seine Chance. Er nutzte sie überzeugend. Der 29-Jährige, der nach über vier Jahren als Nummer eins im September 2015 seinen Stammplatz an Jarstein verloren hatte, bot gegen die Borussia eine starke Vorstellung. Neben der Sicherheit in der Spieleröffnung überzeugte Kraft auch mit seinen Paraden bei den Schüssen von Christian Pulisic und Jeremy Toljan. „Thomas macht es gut, das haben wir gewusst", resümierte Hertha-Trainer Pal Dardai im kicker die Leistung seines Ersatztorwarts. Da Jarstein wegen eines Muskelfaserrisses im Oberschenkel voraussichtlich noch mehrere Wochen ausfällt, ist Kraft weiter gefragt. Nach fast zwei Jahren der Enthaltsamkeit darf er sein Können im Schaufenster Bundesliga weiterhin präsentieren und sich vielleicht für weitere Aufgaben empfehlen.

Vom Auf- und Abstieg Kraft bei Bayern München

Sieben Jahre hatte der aus dem Westerwald stammende Schlussmann beim deutschen Rekordmeister Bayern München verbracht. Im Altere von 16 Jahren war er zu den Bayern gewechselt, wo er zunächst für die U-19-Junioren spielte. Ab der Saison 2006/07 gehörte Kraft als Vertragsspieler und dritter Torwart dem erweiterten Profikader des FC Bayern an. Zu Beginn der Saison 2008/09 unterzeichnete Kraft einen Profivertrag mit der ersten Mannschaft. Gleichzeitig war er Stammtorhüter der zweiten Mannschaft, zunächst in der Regionalliga Süd und ab 2008 in der 3. Liga. In 104 Spielen kam er in der Bayern-Reserve zum Einsatz. Ab der Saison 2010/11 stand Kraft als zweiter Torwart hinter Hans-Jörg Butt im Kader der ersten Mannschaft. Nun führte sein Weg schnell nach oben. Louis van Gaal, der damalige Cheftrainer beim deutschen Rekordmeister, entschied in seiner bekannten Eigenwilligkeit, zur Rückrunde Hans-Jörg Butt aus dem Tor zu nehmen und stattdessen auf Thomas Kraft als Nummer eins zu setzen. Für viele war diese Entscheidung nicht nachvollziehbar, da Butt bis dahin eine solide Saison gespielt hatte und deshalb eigentlich kein Anlass für eine Degradierung bestand. Dass die Bayern-Bosse diese Entscheidung unbedingt verhindern wollten, weil sie im Wechsel ein großes Risiko sahen, machte Karl-Heinz Rummenigge klar: „Der Vorstand hat van Gaal ganz klar darauf hingewiesen. Er hat es trotzdem gemacht.“ Spätestens ab diesem Zeitpunkt sollte das Verhältnis zwischen den Klub-Bossen und ihrem Trainer gereizt bleiben. Anfänglich konnte Kraft van Gaals Entscheidung durch gute Leistungen rechtfertigen. Aber als mehrere Patzer zu Punktverlusten der Münchener führten, leiteten die Bayer-Verantwortlichen die Entlassung des Niederländers ein. Wie gereizt die Atmosphäre in der bayrischen Hauptstadt inzwischen geworden war, zeigt die Reaktion von Uli Hoeneß, der noch nach der Entlassung gegen van Gaal schoss: „Mit der Entscheidung, Jörg Butt aus dem Tor zu nehmen, ging die ganze Scheiße los.“ Nach der Trennung von van Gaal im April 2011 beorderte Interimstrainer Andries Jonker wieder Jörg Butt für die letzten fünf Spieltage der Saison ins Tor. Als außerdem bekannt wurde, dass Manuel Neuer von Schalke 04 trotz einiger Widerstände der Bayern-Fans („Koan Neuer“) als neue Nummer eins zur kommenden Saison verpflichtet werden sollte, verlängerte Kraft seinen auslaufenden Vertrag nicht und verließ enttäuscht die bayrische Landeshauptstadt.

Seine Entscheidung für die Hertha

So wechselte Kraft 2011 ablösefrei von Rekordmeister Bayern München zu Hertha BSC. Obwohl die Hauptstädter zu diesem Zeitpunkt gerade erst in die Bundesliga zurückgekehrt waren, entschied er sich für die Berliner und unterzeichnete einen Vierjahresvertrag. Sport-Geschäftsführer Preetz zeigte sich damals froh über den Transfer: „Thomas Kraft war von vielen Vereinen umworben, da er ein Schlussmann mit großem Können und Potential ist.“ Und auch Thomas Kraft zeigte sich ob seiner neuen Aufgabe überzeugt: „Ich freue mich sehr, den Weg von Hertha BSC in der Bundesliga mitzugehen. Die Begeisterung, die Euphorie, die in Berlin um Hertha entstanden ist, habe ich aufmerksam verfolgt - beides war Grund dafür, hier für vier Jahre zu unterschreiben", sagte Kraft. Viele Jahre füllte er seine Rolle zur Zufriedenheit der Berliner Verantwortlichen und der Fans aus. Kraft war Herthas Stammtorhüter, bis er die Rolle als Nr. 1 in Rune Jarstein verlor. Im September 2015 verletzte sich Kraft beim Spiel in Wolfsburg an der linken Schulter und musste nach dem Pausenpfiff ausgewechselt werden. Eine langwierige Schulterverletzung plagte ihn so sehr, dass er über einen längeren Zeitraum von Rune Jarstein ersetzt werden musste. Der norwegische Nationaltorhüter nutzte seine Chance und gab seine Position als Nummer eins im Hertha-Tor nicht mehr ab, zumal er Stärken in den Bereichen zeigte, in denen Thomas Kraft gemeinhin Schwächen attestiert wurden. Er ist ein guter Fußballspieler. Doch trotz seiner Degradierung verhielt sich Kraft immer vorbildlich. Öffentlich war nie ein kritisches Wort von ihm zu hören.

Trotz Rolle als Nummer zwei Vertrag verlängert

Obwohl er nun schon über einen langen Zeitraum die Rolle als Nummer zwei ausfüllt, verlängerte der inzwischen 29-Jährige bei der Hertha. Im Frühjahr des vergangenen Jahres unterzeichnete er einen Vertrag über weitere zwei Jahre bis 2019. Viele hatten damit gerechnet, dass sich Krafts Ehrgeiz mit dieser Rolle nicht verträgt und er deshalb eine neue Herausforderung sucht. Über die Gründe, warum er sich trotz finanzieller Abstriche weiterhin an die Hertha gebunden hat, kann man nur spekulieren. Sicherlich mag der Umstand, dass er sich mit seiner Familie sehr wohl fühlt in Berlin, dazu beigetragen haben. Sportliche Gründe waren wohl aber entscheidender. Mit der Vertragsverlängerung hat er sich für weitere zwei Jahre einen Platz als Bundesliga-Torhüter gesichert. Vielleicht hat ihm auch das Beispiel Sven Ulreich bei Bayern München gezeigt, wie schnell aus einem schon Abgeschriebenen wieder ein Held im Tagesgeschäft Fußball erwachsen kann. Sollte sich Jarstein verletzen und schwankende Leistungen aufweisen, ist Kraft jedenfalls zur Stelle. Zudem hat er sich unter Torwarttrainer Zsolt Petry auch fußballerisch stark verbessert, so dass ihm diese Schwäche nicht mehr vorgehalten werden kann. Der Rest ist warten … Manchmal ist das Pech des einen das Glück des anderen! Er hat es schon am eigenen Leibe erlebt.