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VfB Stuttgart

VfB Stuttgart: Rückkehr der verlorenen Söhne

Von Artur Stopper in Blickpunkte

Im Nachwuchszentrum des VfB Stuttgart wurden sie einst ausgebildet, bevor sie den Weg zu anderen Vereinen suchten oder suchen mussten. An den beiden vergangenen Wochenenden kehrten die verlorenen Söhne mit ihren aktuellen Vereinen wieder an die Stätte ihrer Ausbildung zurück. Die VfB-Fans konnten sich im Stuttgarter Mercedes-Benz-Stadion ein Bild machen von der sportlichen Entwicklung Bernd Lenos (Bayer Leverkusen) und Sven Ulreichs (FC Bayern München). Das Ergebnis war eindeutig. Beide Torhüter zeigten auf beeindruckende Weise, zu welch ungewöhnlicher Klasse sie inzwischen gereift sind, trotz ständiger Häme und Beleidigungen durch den harten Kern der VfB-Fans, oder besser solcher, die sich dafür halten. Die Spieler beider Klubs wussten jedenfalls nach dem Spiel, bei wem sie sich dafür bedanken mussten, dass sie keine Federn in Stuttgart gelassen hatten. Schwerlich ist hingegen nachzuvollziehen, warum sich die beiden Torhüter von diesen sogenannten Stuttgarter Fans auf so herabwürdigende Weise beschimpfen lassen mussten. Denn schließlich haben eher frühere Entscheidungsträger des Vereins zu verantworten, dass beide Torhüter inzwischen nicht mehr in Stuttgart spielen.

Lenos Gründe für den Wechsel zu Bayer

Ausgerechnet der heutige VfB-Vorstand Michael Reschke hatte Bernd Leno einst für die damals stolze Summe von acht Millionen Euro zur Werkself nach Leverkusen geholt. Ein damals hoher Geldbetrag für einen jungen Torhüter, der erst 20 Jahre alt war und sein Können bis dahin nur im Nachwuchsteam des VfB Stuttgart in der Dritten Liga bewiesen hatte. Dass Leno außergewöhnliches Talent besitzt, war bereits den DFB-Verantwortlichen aufgefallen. Im Gleichschritt mit seinem Dauerkonkurrenten Marc-Andre ter Stegen durchlief er sämtliche Nachwuchsteams des DFB. In Stuttgart selbst hingegen standen die Zeichen nicht so gut für einen schnellen Aufstieg zwischen die Pfosten des Bundesligateams. Denn diesen Platz nahm zu dieser Zeit ein anderes großes Torwarttalent aus der Nachwuchsschmiede des VfB ein, von dem die Entscheidungsträger des VFB ebenso überzeugt waren. Sein Name: Sven Ulreich.

Sven Ulreich am 16.12.2017

Deshalb folgte Bernd Leno dem Ruf aus Leverkusen, als die Werksklub einen Ersatz und möglichen Nachfolger für den langzeitverletzten Nationaltorhüter Rene Adler suchte. Weil die Verantwortlichen bei Bayer von der Entwicklungsfähigkeit Lenos überzeugt waren, investierten sie diesen hohen Geldbetrag in das Talent aus Stuttgart. Eine sinnvolle Entscheidung, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte. Der Rest ist bekannt. Schnell mauserte sich der junge Schlussmann zu einem der besten Torhüter in der Bundesliga und wurde ein Mitglied der Nationalmannschaft.

Nachdem zuletzt seine Leistungen, gemessen an seinem sonstigen Level, eher durchwachsen waren, zeigte er an seiner früheren Wirkungsstätte, welch außergewöhnlicher Torhüter er ist. Mit drei, vier großartigen Paraden sicherte er seinem Team die Führung und somit den Sieg. Die ständigen Pfiffe der Stuttgarter Zuschauer, die jede seiner Aktionen begleiteten, scheinen den Leverkusener Schlussmann eher beflügelt zu haben. „Wenn man in seiner Heimat beschimpft wird – mehr Motivation gibt es nicht“, diktierte er nach dem Spiel in die Schreibblöcke der Reporter. Unbeeindruckt von den ständigen Schmährufen lieferte er eine Leistung ab, die erkennen ließ, warum der Name Bernd Leno immer wieder auch im Zusammenhang mit großen internationalen Vereinen genannt wird.

Ulreichs Gründe für den Wechsel nach München

Auch Sven Ulreich wurde in seiner früheren sportlichen Heimat nicht gebührlicher empfangen. Immerhin hatte der gebürtige Schorndorfer über 17 Jahre lang dem Verein die Treue erwiesen. Und sicherlich stünde der Bayern-Keeper noch heute zwischen den Pfosten des VfB, wenn ihm nicht irgendwann das Vertrauen in seine Leistungsfähigkeit von damaligen Entscheidungsträgern der Schwaben entzogen worden wäre. Ulreich selbst war und ist immer noch ein VfB-ler mit Leib und Seele. Deshalb war der inzwischen 29-jährige Keeper durchaus mit gemischten Gefühlen zu seinem Heimatklub angereist: „Es wird etwas ganz besonderes für mich, und es ist gleichzeitig auch ein bisschen komisch. Die Gästekabine in Stuttgart kenne ich ja nicht so gut, und wenn ich als Gegner den Rasen der Mercedes-Benz-Arena betrete, ist das nach den vielen Jahren beim VfB vielleicht schon ein bisschen seltsam“, äußerte er vorab in einem Interview mit der Südwest-Presse. Und natürlich hatte er auf einen freundlichen Empfang des Stuttgarter Publikums gehofft, auch wenn ihm bewusst war, dass ein Wechsel eines VfB-Profis zu den ungeliebten Bayern beim Stuttgarter Anhang immer besonders kritisch gesehen wird. Zudem hatten die Begleitumstände des Wechsels ihren Teil dazu beigetragen, dass Sven Ulreich üble Kommentare im Netz über sich ergehen lassen musste. Von „Frührentner“ und „Abzocker“ war in sozialen Netzwerken und BILD die Rede. Ulreichs Wechselgründe wurden reduziert auf die Begriffe gutes Gehalt, viele Titel und wenig Arbeit.

Strafraumszene: Bernd Leno am 08.12.2017

Die wahren Gründe für seinen Wechsel nach München machte Ulreich erst vor kurzem öffentlich. Eigentlich wollte der Schlussmann selbst seinen Herzensklub VfB Stuttgart nie verlassen. „Es kam damals ja oft so rüber, dass ich auf einen Wechsel gedrängt hätte und vom VfB wegwollte. Das stimmt aber so nicht“, sagte Ulreich der „Stuttgarter Zeitung“ und fügte an: „Ich wollte nicht weg.“ Vielmehr wurde ihm ein Wechsel offenbar ans Herz gelegt. „Mir wurde von der damaligen sportlichen Führung schon früh recht deutlich kommuniziert, dass man nicht mehr bedingungslos auf mich setzt. Ich wurde gefragt, ob ich mich nicht mal nach etwas Neuem umschauen wolle“, sagte er. Dies sei ein „eindeutiges Zeichen“ gewesen. „Erst dann bin ich aktiv geworden. Auf einen Wechsel gedrängt hatte ich nie, aber so wurde es dann von VfB-Seite nach außen dargestellt.“ Auch nach seinem Wechsel nach München ist er im Herzen weiterhin ein Stuttgarter geblieben. „Beim VfB bin ich groß geworden, es ist nach wie vor mein Herzensklub, ich habe mit meiner Familie in Stuttgart ein Haus gebaut. Ich werde der Stadt und dem Verein immer eng verbunden sein, zumal ich nach meiner Karriere wieder in Stuttgart leben werde“, äußerte er.

Respekt statt Hassparolen

Die wahren Gründe für den Vereinswechsel der beiden Ex-VfB-Keeper sind wohl bei einigen unbelehrbaren Stuttgarter Pseudo-Fans zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten, wenn diese Gründe überhaupt wichtig sind für Menschen, die Hassparolen dem Nachdenken vorziehen. Und sicherlich müssen heutige Fußball-Profis mit dem Verhalten manch geistiger Tiefflieger leben lernen, dafür gibt es zu viele. Wir leben in einer Zeit, in der Beleidigungen, Spott und Shitstorm im Netz alltäglich geworden sind. Ob junge Menschen wie Leno und Ulreich tatsächlich vollkommen unbeeindruckt sind von den Hassparolen in den Stadien, wie sie gerne als Zeichen der Stärke vorgeben, bleibt ihr Geheimnis. Verdient gehabt hätten Leno und Ulreich eher Anerkennung für ihre großartigen Leistungen und Respekt vor ihrem Können. Auch Menschen mit dieser Denkweise gibt es noch in Stadien, auch wenn deren Äußerungen deutlich ruhiger ausfallen. Meinen Respekt haben die beiden jedenfalls!