GoalGuard.de

Koen Casteels

Koen Casteels: Das Knie wird zur Waffe

Von Artur Stopper in Kolumne von Artur Stopper

Der zweite Saisonsieg des VfB Stuttgart (1:0) gegen den VfL Wolfsburg wurde am vergangenen Samstag zur Nebensache. Viel mehr als dem Sieg galten die Gedanken VfB-Kapitän Christian Gentner, der in der 84. Min nach einem Zusammenprall mit Wolfsburgs Keeper Koen Casteels schwer verletzt am Boden liegen blieb. Bei der anschließenden Untersuchung stellte sich heraus, dass sich Gentner beim Zusammenstoß eine schwere Gehirnerschütterung sowie Brüche des Augenhöhlenbodens, der Nase und des Oberkiefers zugezogen hatte.

Was war passiert?

In der 84. Minute flankt VfB-Außenspieler Dennis Aogo von links an die Strafraumgrenze. Die Blicke von Yannick Gerhard (Wolfsburg) und Andreas Beck (VfB) sind in Erwartung des Balles zum runden Leder gerichtet. Gleichzeitig stürmt VfL-Schlussmann Casteels aus dem Tor, um den Ball wegzufausten. Wie es jeder Jugendtorhüter bereits früh lernt, hat er sein Knie im rechten Winkel als Schutz angezogen. Gentner steht daneben und wir vom Knie des belgischen Schlussmanns am Kopf getroffen. Der Stuttgarter sackt bewusstlos zusammen. Schiedsrichter Guido Winkmann lässt das Spiel weiterlaufen, weil er nichts mitbekommt von den schweren Verletzungen Gentners. Das rechtzeitige Eingreifen von VfB-Mannschaftsarzt Dr. Raymond Best und Physiotherapeut Gerhard Wörn verhindern Schlimmeres. Der 32-jährige VfB-Spieler wird fünf Minuten später ins Krankenhaus abtransportiert. Bis auf nicht absehbare Zeit wird Gentner den Schwaben nicht mehr zur Verfügung stehen.

Tätlichkeit oder nicht?

Sicherlich wird niemand Koen Casteels in dieser Situation eine Absicht unterstellen. Zu sehr war sein Blick auf den Ball gerichtet. Völlig unterschiedlich sieht hingegen die Bewertung der Aktion aus. Casteels beteuerte nach dem Spiel, Gentner „nicht gesehen“ zu haben. Außerdem meinte er, seine Aktion sei normal gewesen: „Dann muss man die ganze Jugendausbildung umstellen. Schon ab fünf, sechs Jahren wird den Torhütern beigebracht, das Knie beim Sprung hochzuziehen.“ Sein Gegenüber Ron-Robert Zieler bestätigte Casteels Begründung. Auch Schiedsrichter-Obmann Hellmut Krug sieht in dieser Szene nur „als unglücklichen Zusammenprall“ und verteidigt damit die Einschätzung von Schiedsrichter Guido Winkmann, der das Spiel weiterlaufen ließ und den bereits verwarnten Casteels nicht des Feldes verwies.

Frühere FIFA-Schiedsrichter wie Markus Merk und Thorsten Kinhöfer widersprechen dieser Einschätzung vehement. Auf Sky bezeichnete Merk den Vorfall als „völlig inakzeptabel“. Auch Kinhöfer sieht in Casteels Aktion nichts anderes als „ein brutales Foul“, wofür es nur Rot und einen Elfmeter für Stuttgart geben könne. Auch unter Fußball-Fans wird die Aktion Casteels völlig unterschiedlich diskutiert. Die einen sehen den Knieeinsatz von Casteels als völlig legales Mittel, weil beim einbeinigen Absprung das anderes Knie als Schwungbein und Schutz vor dem Gegner verwendet wird. Ansonsten sein der Torhüter schutzlos den Angriffen gegnerischer Stürmer ausgeliefert. Andere gestehen dem Torhüter diese Form der Selbstverteidigung nicht zu. Nach ihrer Meinung genießt der Torhüter angesehen vom Handspiel keine weiteren Sonderrechte im Spiel. Für sie ist diese Aktion als gefährliches Spiel zu werten. Darunter fallen laut Definition im Fußball-Regelwerk alle Aktionen, durch die „beim Versuch, den Ball zu spielen, jemand verletzt werden könnte“.

Kleines Meinungsbild

Die Knie-voraus-Aktion von Koen Casteels spaltet auch die Fachwelt. Die Szene in der 82. Minute hat eine rege Diskussion darüber ausgelöst, ob ein Torhüter bei hoch in den Strafraum geschlagenen Bällen aus Selbstschutz so agieren darf, wie es Casteels getan hat, oder ob ein Regelverstoß wegen der Gefährdung der gegnerischen Feldspieler vorliegt, der zumindest mit Gelb und einem Elfmeter zu bestrafen ist. Wir haben euch verschiedene Meinungen von Torhüter, Trainer und Fußball-Experten zu Casteels Aktion zusammengestellt, die sie in verschiedenen Medien geäußert haben.