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Bewertung

Bewertung: Ja, aber bitte von 90 Minuten!

Von Thorsten Albustin in Kolumne von Thorsten Albustin

Die Bürde, die ein Fußballtorhüter am Spieltag zu tragen hat, ist groß. Ein nervöser Moment, eine unkonzentrierte Spielphase, aber auch überhebliche Selbstüberschätzung werden meistens gnadenlos bestraft. Die Spielposition des Fußballtorhüters lässt mangelnde Disziplin oder eine legere Einstellung nicht zu. Der Ball ist im Tor, das Spiel des Keepers im Regelfall verkorkst. Momente, in denen die Frage „Hat jemand mal eine Schippe zum Eingraben?“ sehr häufig empfunden wird. Das nachhaltende Rascheln des Tornetzes und der vorwurfsvolle und hämische Blick des zuschauenden Umfeldes tun ihr Übriges hinzu. Der Alptraum eines ambitionierten Keepers wird real und das nächste Spiel zum unbarmherzigen Prüfstand. Denn nochmal „patzen“ ist strikt verboten. Nochmal „patzen“ bedeutet noch mehr Druck, mit der drohenden Ersatzbank im Hinterkopf. Die Ersatzbank, der quälende und dauerhafte Nachweis des Scheiterns. All dies kann passieren. Auslöser dafür war ein fehlerhafter Moment, nicht mehr, nicht weniger! Tolle Spiele in der Vergangenheit, weiterhin gute Szenen in der Gegenwart. Alles Makulatur. Darüber wird kaum noch gesprochen. Die Fehler sind das Gesprächsthema Nr.1, sie sind das, was den meisten nachhaltig in Erinnerung bleibt.

Yann Sommer auf einer Pressekonferenz in der Vorbereitung zur Bundesligasaison 2016/2017

Der mental robuste Keeper steckt dieses Szenario im Regelfall folgenfrei weg. Die meisten, auch die hochtalentierten Jungspunde, aber nicht. Es geht demnach nicht um die Elite, die Etablierten dieser Zunft, sondern um den nummerischen Großteil, um den erhofften Nachwuchs. Wir halten fest. Ist das mentale Rückgrat des Keepers zu schwach, hat er kaum Unterstützung seitens der sportlichen Leitung seines Vereines zu erwarten, hat er zudem noch Angst vor dem nächsten Scheitern oder den Schmährufen des Umfeldes, ja dann wird es eng für ihn. Hierbei wird deutlich, dass eine verunglückte Aktion eine ganze Lawine voll von Schlamassel und Verunsicherung lostreten kann. Ein Auszug, der die Schattenseiten eines Torwartlebens beschreibt. Nicht mehr, nicht weniger. Dennoch aussagekräftig genug, um die Härte dieser Spielposition auf den Punkt zu bringen. Denn die Meinung einer ‚fußballkompetenten‘ Nation ist eindeutig: „Ein Torhüter, der ‚patzt‘, ist eine Wurst!“

Diese Denkweise ist nicht richtig

Es kann aber noch schlimmer werden. Eine Frage vorweg. Kennen Sie mehr selbstkritische oder Kritik resistente Menschen? Ich denke, vorsichtig ausgedrückt, dass die Erstgenannten sicherlich nicht die Mehrheit ausmachen. Viele Insider der Fußballszene sehen den Fußballsport als Spiegelbild unserer Gesellschaft. Für mich ist er sogar die plakative „Blockbuster-Version“. Auf der einen Seite produziert das Geschäft Fußball die große Euphorie, den unnachahmlichen Reiz des berauschenden Erfolges. Dass diese faszinierende Seite im Umkehrschluss auch ein negatives Pendant hervorbringt, versteht sich von selbst. Missgunst, Neid und Feigheit beherrschen nicht selten und beispiellos eine hoch gepuschte Sportart, dessen Tragweite insbesondere in Zeiten von sportlichen Krisen spürbar wird. Der rettende Befreiungsschlag „Es sind doch immer die anderen!“, und wenn gar nichts mehr hilft „Halt der Torhüter!“ deuten an, dass die Schuldfrage sehr gerne anderweitig vergeben wird. Die Spielposition des Torhüters bietet halt die größte Angriffsfläche. Er ist in diesen Zeiten der letzte Fehler einer gesamten Fehlerkette. Es spielt dann keine Rolle mehr, dass der Angriff zum wiederholten Mal kläglich versagt hat, das Mittelfeld Bälle leichtfertig vertändelt oder die Herrschaften der Innenverteidigung erneut einen Ball dilettantisch verteidigen. Die Fehler werden zwar angesprochen, aber selten und fast nie in einer tw-typischen Deutlichkeit nachhaltig für die Beteiligten transferiert. „Ja, die Fehlerkette beginnt bereits bei X, Y, Z, aber der Torhüter muss bei diesem Ball doch raus!“ Über letzteres wird ellenlang geredet, wird in Großbuchstaben propangiert, ja, darüber wird tatsächlich nachhaltig philosophiert. Der gute Cheftrainer wird sich dieses Szenario wohl kaum erlauben. Er weiß nur zu gut, welche Tragweite dies auf seine Nr.1 haben würde. Sein Gegenstück lässt dies aber zu und geht noch einige Schritte weiter. In den kommenden Spielen, nein, besser bei den nächsten, verlorenen Partien wird begonnen, jedes Gegentor am Torhüter festzumachen oder zumindest zu hinterfragen. Alles kann passieren, alles ist zwar ärgerlich, aber letztendlich tolerierbar. Nur eines nicht: Ein Gegentor, das zu einer knappen und vermeidbaren Niederlage geführt hat. Nach dem entscheidenden Gegentor bei einer 0:1-Niederlage wird die Fehlerkette der Feldspieler besprochen, das finale, unter Umständen nur mögliche Zögern des Torhüters aber betont: „Bei dieser Flanke muss er einfach raus. Dafür hat er doch Handschuhe an!“

Wir stellen fest, dass ein mangelndes Gefühl von Selbstanzeige und Fingerspitzengefühl die ohnehin schon große Bürde des Keepers nochmals vergrößert. Vergrößert? Nein, nahezu unerträglich macht. Weitere gut gezeigte Szenen in der erwähnten Partie, gewonnene Punkte in den Partien zuvor, werden von nun an wissentlich verschwiegen. Ich spreche hier nicht über einen klaren Torwartfehler – den jeder ambitionierte „Schnapper“ folgenfrei wegstecken und verarbeiten muss, sondern um das penetrante Eintrichtern eines Fehlers, der in einer fragwürdigen Szene eigentlich gar keiner war. Der Keeper wird systematisch um seine Stärke gebracht, und das bald darauf wirkliche „Patzen“ ist dann nur noch eine Frage der Zeit. Es bedarf schon einer enormen mentalen Stärke des Torhüters, einer wohl kalkulierten und feinfühligen Aufbauarbeit des Torwarttrainers, um dieser Kampagne den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Ein Umdenken muss her!

Der Einfluss der Medien kommt erschwerend hinzu. Bei dem Blick auf die vielen und variantenreichen Statistiken der Feldspieler fällt auf, dass sämtliche Spielaktionen mittlerweile erfasst werden. Das vollbrachte Arbeitspensum wird durch den gesteigerten Fortschritt der technischen Hilfsmittel immer ausführlicher und detaillierter dokumentiert, was aber auch unverkennbare Vorteile mit sich bringt. Laufwege, gewonnene und verlorene Zweikämpfe, oder erfolgreich gespielte Pässe, alles wird prozentual und zahlenmäßig dem wissbegierigen Zuschauer/Leser serviert. Ein Gesamtbild entsteht, das eine Beurteilung der Gesamtleistung zulässt. Das ist gut. Ein ähnliches Procedere findet in manchen Medien mittlerweile auch beim Torhüter statt. Der gehaltene Torschuss ist dabei nur noch ein Bewertungskriterium von vielen. Vereitelte Großchancen, abgefangene hohe Flankenbälle, aber auch angekommene Pässe und Flugbälle gehören dann zu einer konstruktiven Spielanalyse dazu. Jede Disziplin wird bei einer Optimal-Quote von 100 % mit einer jeweils gleich großen Maximalpunktezahl honoriert und drückt damit die wirkliche Gesamtleistung eines Torhüters aus. Dieses Bewertungssystem ist gerecht und zeitgemäß, da es die vielen Aktionen in 90 Spielminuten erfasst. Die Frage, warum nicht alle Fachblätter diese Vorgehensweise nutzen, muss erlaubt sein. Denn häufig ist es immer noch ein Fehler, der aus der ohne ihn vergebenen Note 2 eine 4-5 macht. Im Klartext gesprochen bedeutet das, dass eine misslungene Aktion in 90 Spielminuten das gesamte Spiel mit schlecht publiziert. Ich kenne kaum eine Ballsportart, in der ein Sportler so gnadenlos bewertet wird. Ich kenne kaum einen Journalisten oder einen Berufstätigen, der sich nach dieser Bewertungshärte bewerten lassen würde. Ein Fehler in 2 Stunden, und die gesamten 2 Stunden zuvor wären „Bockmist“ gewesen? Nein, diesem Stress möchte sich niemand aussetzen. Der Torhüter aber soll, und zwar vor den Augen vieler bis tausender Beobachter?

Nein, damit sollte Schluss sein!

seiner erbrachten Arbeitszeit zu bewerten bzw. bewerten zu lassen. Dies bedeutet natürlich auch, dass der gehaltene, vielleicht spielentscheidende Elfmeter nicht andere gezeigte Schwächen überdecken darf. Das entspräche ebenfalls keiner leistungsfördernden Objektivität. 90 Minuten gilt es zu analysieren. 90 Minuten, die alle spektakulären Big-Points und routinierten Pflichtaufgaben beinhalten. Selbstverständlich sind gerade die vom Erfolg besessenen Torhüter halt jene Typen, die diesen Belastungskick als Herausforderung ansehen und ihn selbstbewusst trotzen wollen. Aber würde sich, gerade für die jungen, in der Entwicklung stehenden Keeper die Fehlerquote nicht deutlich verringern, wenn die Maßnahme einer fairen Gesamtbewertung- zumindest in der Trainingskabine - nicht gang und gebe würde? Wunschdenken? Vielleicht. Meiner Ansicht nach aber plausibel genug, zumindest mal darüber nachzudenken. Was von der berichterstattenden und schreibenden Medienzunft oder auch von exzentrisch veranlagten Fangruppierungen wohl kaum zu erwarten ist, sollte zumindest für die Trainer und die sportliche Leitung gelten. Bei allem nachzuvollziehenden Erfolgsdruck sollte die gerechte Sportlerbewertung eines jungen Menschen überwiegen. Viele Trainer, die ihr Handwerk verstehen, haben diese Erkenntnis sicherlich schon länger verinnerlicht. Der Rest sollte schnellst möglichst nachziehen! Denn es ist ihr Torhüter, der ihr entgegengebrachtes Vertrauen, aber auch Verständnis, mit konstanter Leistung zurückzahlen wird.