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Gesundheit: Leben Torhüter gefährlich?

Von Artur Stopper in Kolumne von Artur Stopper

Die Älteren unter uns werden sich noch genau an die folgende Szene erinnern: Am 14. Oktober 2006 wirft sich Petr Cech - bereits 16 Sekunden nach dem Anpfiff der Partie - im Premier-League-Spiel Chelsea London gegen den FC Reading nach einem lang und flach in den Strafraum gespielten Pass mit den Armen voraus auf den Ball und sichert ihn. Gegenspieler Stephan Hunt will ausweichen, erwischt den tschechischen Ausnahme-Keeper aber noch mit dem rechten Fuß am Kopf. Cech bleibt benommen am Boden liegen. An den Vorfall kann er sich anschließend nicht mehr erinnern. Wie sich herausstellt, erleidet Petr Cech einen Schädelbasisbruch. Er wird noch am selben Tag operiert. Erst drei Monate später, im Januar 2007, kehrt er wieder ins Mannschaftstraining zurück. Chelsea-Teamkollege Didier Drogba ist überzeugt, dass der Zusammenstoß kein Zufall, sondern vom Reading-Stürmer provoziert war.

Weitere Beispiele

Petr Cech im Spiel gegen Spanien im Jahr 2016Leider ist Petr Cech, Welttorhüter des Jahres 2005, nicht der einzige prominente Torhüter, der von einer schweren Kopfverletzung betroffen war. Im November 2013 wurde in einem anderen Spiel der englischen Premier League, nämlich Tottenham Hotspurs gegen den FC Everton, der französische Nationaltorhüter Hugo Lloris (Spurs) vom gegnerischen Stürmer Romelu Lukaku so hart am Kopf getroffen, dass er kurzzeitig bewusstlos wurde. Sein Teamarzt empfahl einen Wechsel, aber der portugiesische Trainer André Villas-Boas widersetzte sich. Nach dem Spiel sagte er: „Hugo hat einen starken Charakter und ist eine große Persönlichkeit. Daher haben wir beschlossen, ihn auf dem Feld zu lassen.“ Auch Roman Bürki, Stammtorwart beim Bundesligisten Borussia Dortmund, wurde im Februar 2014 während seiner Zeit bei Grasshoppers Zürich nach einem Tritt des Gegenspielers Kristian Nushi (FC Luzern) so schwer am Kopf getroffen, dass er etwa 15 Minuten lang regungslos mit einer Gehirnerschütterung auf dem Rasen lag, weil für den Abtransport des Torhüters eine Trage fehlte.

Ist das Torwartspiel besonders gefährlich?

Wie eine Untersuchung aller Verletzungen bei FIFA Weltmeisterschaften zeigt, betreffen 13 Prozent Kopf- und Halsverletzungen, wovon ungefähr jede siebte Verletzung eine Gehirnerschütterung ist. Die Verletzung ist äußerlich nicht immer erkennbar. Hirn-Traumata können auftreten, ohne dass dabei eine Wunde, Abschürfung oder Schwellung am Kopf vorliegt.

Petr Cech wurde vom Knie des Gegenspielers getroffen: Seitdem trägt er einen Kopfschutz.Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, die Universität Paderborn und das Unfallkrankenhaus Berlin haben in einer aktuellen Studie festgestellt, dass in Deutschland Schädel-Hirn-Traumata besonders häufig im Fußballsport auftreten. Die hohe Zahl begründen die Verfasser der Studie damit, dass der Fußballsport in unserem Land besonders populär ist. Dabei fanden sie heraus, dass das Risiko in großem Maße von der Spieler-Position abhängt. Verteidiger sind am stärksten gefährdet, eine Kopfverletzung zu erleiden (37,9 %), gefolgt von Mittelfeldspielern und Stürmern (jeweils 27,6 %). Die gute Nachricht für Torhüter: Sie sind nur mit 6,9 % von Kopfverletzungen betroffen.

Petr Cech wurde vom Knie des Gegenspielers getroffen. Es gibt aber noch einige Varianten, wie sich Fußballspieler Kopfverletzungen zuziehen können: Ein Spieler kann unglücklich mit dem Kopf an der Torstange anschlagen, kann stürzen und mit dem Kopf aufschlagen. Er kann von einem anderen Spieler am Kopf getroffen werden, zum Beispiel mit Knie oder Ellbogen. Bei einem Kopfballduell können schon einmal die Köpfe aneinanderstoßen, oder ein Ball kann den Kopf eines Spielers treffen, der nicht darauf gefasst ist.

Konsequenzen aus Cechs Verletzung

Petr Cech hat für sich eine klare Konsequenz aus seinem Unfall gezogen. Er spielt seitdem mit einem 80 Gramm schweren Helm aus Kunststoff, ähnlich einem Rugby-Helm, auch noch über 10 Jahre nach dem Vorfall. Doch auch der Helm konnte nicht verhindern, dass Petr Cech 2008 erneut eine Gehirnerschütterung erlitt und für acht Wochen ausfiel. Immer wieder hat er in der Vergangenheit bemängelt, Torhüter würden zu wenig Schutz durch die Schiedsrichter erhalten. Der Weltfußballverband blieb nicht ganz untätig. Als direkte Maßnahme wurde im Jahr 2006 die Regel etabliert, dass ein absichtlicher Ellenbogenschlag gegen den Kopf zu einem Platzverweis führt. Dadurch konnte die Rate der schweren Kopfverletzungen bei Fußballspielen auf die Hälfte reduziert werden. Außerdem entscheidet seit 2015 ausschließlich der Mannschaftsarzt darüber, ob ein Spieler weiterspielen kann, und nicht mehr der Trainer wie im Fall Hugo Lloris.

Haben Kopfverletzungen Langzeitfolgen?

Bernd Leno wird auf dem Feld nach einem Zusammenstoß behandelt.Akute Kopfverletzungen und die Auswirkungen des Kopfballspiels beschäftigen Fußballvereine und deren Mannschaftsärzte sowie den Weltfußballverband FIFA seit vielen Jahren. Ob Kopfbälle für sich allein eine Gefahr für das Gehirn darstellen, konnte bis dato nicht definitiv festgestellt werden. Professor Günter Seidel, Chefarzt der Neurologie an der Hamburger Asklepios Klinik Nord, hält eine große Dunkelziffer für wahrscheinlich: „Störungen werden eventuell auch gar nicht mehr auf das Trauma zurückgeführt, da sie erst später auftreten. Momentan wird auch diskutiert, ob chronische Schädel-Hirn-Traumata über Jahre hinweg zu Hirnleistungsstörungen führen können.“. Die Medizin macht auf diesem Gebiet Fortschritte. Man weiß heute, dass nach solchen Verletzungen Beschwerden bleiben können, die nicht oder erst nach langer Zeit zurückgehen. Noch schlimmer ist, dass auch nach Jahren Folgeschäden am Gehirn auftreten können, die das Leben des Betroffenen massiv beeinträchtigen: Vergesslichkeit, Konzentrationsunfähigkeit, Gemütsstörungen bis hin zu Depressionen, die im schlimmsten Fall bis zum Selbstmord führen können. Diese Symptome kennen vor allem Boxer. Sie sind unter dem Begriff „Boxer-Demenz“ bezeichnet. Weil Boxer andauernd solche Traumata erleiden, führen diese auf Dauer sehr wahrscheinlich zu einer Hirnschädigung. Professor Seidel ist sich jedenfalls sicher: „Die Gefährlichkeit von Stößen, die sich auf das Gehirn auswirken, sollte also generell nicht unterschätzt werden.“