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Spieltaganalyse #12

Spieltaganalyse #12: Der 22. Spieltag

Von Thorsten Albustin in Kolumne von Thorsten Albustin

Felix Wiedwald wechselte in der Saison 2011/2012 von Werder Bremen zum damaligen Zweitligisten MSV Duisburg. Bei Werder machte er mit famosen Leistungen in der Amateurmannschaft auf sich aufmerksam, ohne einen Liga-Einsatz bei den Profis verbuchen zu können. Der Wechsel zum MSV zahlte sich für ihn aber aus und er löste in seiner zweiten MSV-Saison den wesentlich etablierteren, aber glücklosen Florian Fromlowitz im Duisburger Gehäuse ab. Wiedwald entwickelte sich schnell zum Leistungsträger (47 Spiele), und nach dem Zwangsabstieg des MSV in Liga 3 wechselte Wiedwald in der Saison 2013/2014 als Nr.2 zur Eintracht nach Frankfurt. Der damals 22-Jährige war zurück in Deutschlands Elite-Liga und stellte seine Klasse, wenn er gefordert wurde (11 Spiele), unter Beweis. Werder registrierte Wiedwalds starke Entwicklung und lotste den verlorenen Sohn 2015 zurück an die Weser. 46 Erstligapartien stehen für den 1,90 Meter großen Hünen seitdem auf Werders Konto, in denen er die Höhen, aber auch die Tiefen seiner Spielposition kennen lernen sollte. Felix Wiedwald boxte sich gegen alle ihm sich entgegenstellenden Hindernisse durch und präsentierte sich am letzten Wochenende in Galaform.

Felix Wiedwald im Dress des SV Weder Bremen

Mich selbst verbindet ein persönliches Erlebnis mit ihm. 2012/2013 war ich Co-Trainer der damaligen MSV-Amateure und hütete - mittlerweile 39 Lenzen alt und so ganz nebenbei – das Tor eines A-Ligisten. Und das überwiegend auf harter Asche. Meine grün und blau angeschwollenen Hüften sehnten sich nach einer wirklich brauchbaren Polsterhose, die er mir, nachdem ich ihn darauf angesprochen hatte, wie selbstverständlich schenkte. Felix Wiedwald ist ein charakterlich einwandfreier Junge und ein toller Keeper, der den eisigen Mechanismen des Mediengeschäftes Profifußball heute mal wieder die Stirn bieten wollte. Ich drückte ihm natürlich ganz fest die Daumen! Welche Szenen ließen seinen Puls höher schlagen? Konnte er seinen Aufwärtstrend weiter fortsetzen und seinen grün-weißen Mannen wiederholt ein starker Rückhalt sein? Schauen wir uns die 10 prägnantesten Ausschläge seiner Herzfrequenz aus der heutigen Partie mal etwas genauer an. Das „Torhüter EKG“ skizziert die emotionalen Grenzbereiche Wiedwalds und entspricht meinem Bauchgefühl. Die spannende Frage: „Würde er das so bestätigen?“

Auswertung des Gesundheitschecks

  • 3. Minute → Pulsschlag 170 → „Stressfaktor“: Ein erster Wolfsburger Torschuss aus ca. 25 Meter. Die Kugel fliegt über die Kiste. Dennoch: Für Wiedwald ein wichtiger „Hallo-Wach Effekt, der den Blutdruck nach oben treibt.
  • 13. Minute → Pulsschlag 160 → „Stressfaktor“: Werder führt mittlerweile mit 1:0 und Wolfsburg bläst zur Attacke. Werders Nr.1 muss innerhalb von 2 Minuten einen Eckball und zwei Flankenbälle (allesamt nicht von ihm zu erreichen) über sich ergehen lassen. Eine turbulente Anfangsphase. Wiedwald steht unter Strom.
  • 19. Minute → Pulsschlag 160 → „Stressfaktor“: Anschlusstreffer zum 1:2 für den VFL Wolfsburg. Wiedwald versucht der scharf getretenen Flanke entgegenzutreten und macht zwei mutige Schritte vor. Der Ball ist aber unerreichbar und der Bremer bemüht sich, sich schnellstmöglich wieder zu positionieren. Beim Wolfsburger Kopfballtreffer ist er dann machtlos und hat keine Zeit zum durchschnaufen.
  • 36. Minute → Pulsschlag 120 → „Stressfaktor“: Der Werderaner fängt einen Flankenball sicher im 5-Meter-Raum ab. Dieser Ballkontakt war wichtig, um ein wenig runterzufahren, Sicherheit zu spüren.→
  • 39. Minute → Pulsschlag 175 → „Stressfaktor: Schreckmoment für Wiedwald! Eine Wolfsburger Hereingabe wird direkt abgeschlossen und knallt gegen den Pfosten. Glück gehabt! Das Adrenalin schießt durch seine Venen!
  • 46. Minute → Pulsschlag 130 → „Stressfaktor“: Wiedwald wehrt einen „Flatterball“ sicher zur Seite ab. Die Halbzeitpause tat gut (endlich durchatmen…) und der Bremer macht bis dato ein gutes Spiel. Er ist voll im Match und wehrt die Kugel relativ stressfrei ab.
  • 48. Minute → Pulsschlag 125 → „Stressfaktor“: Seine Sicherheit wird auch in dieser für ihn kniffligen Situation deutlich. Scharf getretene Flanke von links, die flach und ca. 4 Meter vor seiner Kiste aufsetzt. Wiedwald handelt intuitiv richtig und grätscht in Richtung Ball. Der Schütze schießt ihn an und der Ball rauscht über den Kasten. Stark gemacht!
  • 61. Minute → Pulsschlag 140 → „Stressfaktor“: Die Bremer Nr.1 faustet einen seitlichen Freistoß resolut aus der Gefahrenzone. Er wirkt sehr präsent und ist der erhoffte Rückhalt seiner Mannen. Der Turm in der Schlacht! Dennoch steigt sein Pulsschlag! Der Grund: „Positive, leistungsfördernde Adrenalinausstöße!“
  • 71. Minute → Pulsschlag 175 → „Stressfaktor“: Diese Situationen lassen keinen Keeper kalt. Frontaler Freistoß aus ca. 22 Meter. Stress pur. Die Kugel rauscht über das Gehäuse. Glück für Werder! Wiedwald kann wieder durchatmen? Mitnichten, denn die Wolfsburger sind drückend überlegen.
  • 75. Minute → Pulsschlag 150 → „Stressfaktor“: 25 zu 5 Torschüsse für die Wolfsburger. Aber 2:1 für Werder. Wiedwald wird in den Schlussminuten nicht mehr großartig gefordert. Seine Vorderleute verteidigen vorbildlich. Dennoch steht er unter Dauerstrom, denn der nächste, „überlebenswichtige“ Dreier ist zum Greifen nah…

Liegt der Ruhepuls bei einem Leistungskeeper in der Regel nicht höher als bei 55-60 Schlägen, so schnellt dieser in den Adrenalin durchtränkten Sekt oder Selters Szenen des Fußballtorwartspiels doch sehr beachtlich in die Höhe. Kein Wunder, denn ein Keeper hat immer nur den einen Versuch. Held oder Depp? Ein einziger Moment kann über diesen Status entscheiden! Wiedwalds Adrenalinausstöße hatten ihm am heutigen Abend aber zu einer tadellosen Partie verholfen. Er konnte seine starke Form bestätigen, das Bremer 2:1 festhalten und seinen Kritikern einen schon längst fälligen Maulkorb verpassen. Den sollte er aber durch weitere Glanztaten festigen.

Denn Aasgeier kreisen nicht nur in der Wüste…