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Spieltaganalyse #14

Spieltaganalyse #14: Der 24. Spieltag

Von Thorsten Albustin in Kolumne von Thorsten Albustin

Die Aura eines Keepers gewährt nicht nur Einblick in dessen Seele, sondern signalisiert auch dem Gegner, welche Art von Schnapper ihm im Match entgegen springen kann. Eine vor Selbstvertrauen strotzende Raubkatze mit scharfen Klauen oder eher ein scheues Kätzchen, das jedem Konflikt artig aus dem Weg gehen möchte. Vielleicht etwas drastisch formuliert, aber ganz bestimmt nicht an der Wahrheit vorbei. Denn eine charismatische Aura im Torwartspiel drückt nicht nur den Tatendrang, die Leistungsstärke eines Keepers aus, sondern wird auch dem Gegenspieler nicht verborgen bleiben. Interaktive Schwingungen, die keinen von uns kalt lassen! Ein ehemaliger Bundesligaprofi, der im Verlauf seiner Karriere in den „Genuss“ kam, dem FCB in der Allianz Arena begegnen zu dürfen, erzählte mir diese Anekdote: „ Wenn du dem Oliver Kahn im Spielertunnel vor dem Einlaufen in die Augen geschaut hast, wusstet du sofort, dass du dieses Spiel nur verlieren kannst! Der hat dich allein mit seinen Blicken geschlagen!“ Während seiner Schilderungen bemerkte ich - trotz seines Lächelns - ,dass ihm die damalige Ehrfurcht immer noch anzumerken war. Lag dieses Match doch immerhin schon 10 Jahre zurück. Die Präsenz eines Keepers ist demnach ungemein wichtig und sollte vor allem im Wettkampf, wie ein rot aufblinkendes Warnsignal, erkennbar sein. Den im Privatleben eigentlich netten Typen im „Gewand eines Keepers“ zu einem „Krieger“ werden lassen. Fassen wir die wichtigsten Merkmale einer erfolgsbringenden Präsenz kurz zusammen. Welche Faktoren sollten aufeinandertreffen? 1.) Ein aufrechter, selbstbewusster Gang. 2.) Eine vom Erfolgsdenken gezeichnete Mimik. 3.) Eine emotionale, erfolgsbesessene Gestik. 4.) Ein unüberhörbares „Organ“, das die eigenen Reihen lautstark und bestimmend in Richtung Attacke lenkt (Coaching). 5.) Zu guter Letzt: Die oft zitierte „Bierruhe“. Vor allem in hektischen Spielphasen.

Rune Jarstein beim DFB Pokal Achtelfinale zwischen Borussia Dortmund und Hertha BSC am 08.02.2017

Die heutige Analyse der Partie Hertha BSC gegen Borussia Dortmund durchleuchtet die Torwartleistung des Berliners Rune Jarstein nach fünf charismatischen Kriterien. Wie sagte einst Oliver Kahn: „ Erfolg kommt von innen!“. Also: Agierte Jarstein wie ein „König auf dem Feld“ oder nahm er eher die „Rolle des Bettlers“ an? Frech, ich weiß! Er wird diese Provokation ganz sicher entschärfen! „Wetten dass“! The show must go on …

Der Gang

Rune Jarstein läuft erhobenen Hauptes über den Rasen und repräsentiert seine 1,90 Meter standesgemäß. Einem Top-Keeper entsprechend. Bei seitlichen Standards (Eckbällen und Freistößen) bleibt er betont aufrecht stehen. Seine Arme hebt er dabei nach oben und weist auf seine Lufthoheit hin. Sein Selbstbewusstsein ist ihm deutlich anzusehen.

Die Mimik

Die Gesichtszüge des Norwegers wirken hochkonzentriert. Ohne großartige Regung, mit permanent fokussierendem Blick. Die Ruhe, die der Herthaner grundsätzlich ausstrahlt, spiegelt sich ohne Zweifel auch in seinen Gesichtszügen wieder. Cool bis in die Haarspitzen lässt er sich zu keinem Zeitpunkt zu einer hektischen Regung hinreißen. Extraklasse! Jarstein wirkt während der gesamten Spielzeit wie ein Tennisspieler, der zum Match entscheidenden Aufschlag ansetzt. Er ist das emotionale Gegenstück eines Oliver Kahns, zermürbt seine Gegner aber gleichermaßen. Mit beeindruckender Coolness!

Die Gestik

Der 32-Jährige aktiviert seine Mannen dann, wenn es erforderlich ist. Seine Gesten wirken klar und deutlich, sein Repertoire ist vielfältig. Die Techniken der Zeichensprache nutzt er aus - es ist halt laut im Stadion (Beispiel: Das Auf- und Zuklappen der Hand: „Ihr müsst mehr miteinander sprechen!“). Jarstein setzt seine Gesten situationsbeginnt richtig ein. Er hebt bei lapidarem Fehlverhalten drohend den Zeigefinger und klatscht seinen Mitspielern nach gelungenen Aktionen anerkennend zu. Frühzeitig weist er seine Mitspieler - zeigend, mit einem lang ausgestrecktem Arm - auf die sich annähernden Gefahrenherde hin. Steht er mal nicht im Brennpunkt, drosselt er seine Gestik auf Sparflamme. Die Berliner Nr.1 wirkt dann beinahe unberührt und verbreitet Gelassenheit, die er auf seine Vorderleute überträgt. „Schaut mich an, mich kann nichts und niemand erschüttern!“.

Das Coaching

Bei akuter Gefahr im und um den Strafraum packt der ansonsten so kühl wirkende Norweger seine verbalen „Waffen“ aus. Coaching par excellence. Jarstein stellt seine Reihen fordernd ein und baut sie nach überstandenen Spielszenen puschend auf. Auf vorangegangene Fehler weist er lautstark (deutlich zu sehen…) hin. Nicht übertrieben oft und ohne sich selbst zu profilieren. Nein, der im pinkfarbenden Dress (Geschmackssache…) spielende Berliner meldet sich dann zu Wort, wenn es die Situation erfordert. So muss es sein!

Der Ruhepol

Rune Jarstein glänzt durch seine skandinavische Ruhe. Die Mentalität seines Heimatlandes kann er bei Leibe nicht verleugnen und spielt diesen Trumpf im Fußballtor gekonnt aus. Cool wie ein Eisschrank können ihm auch die brisantesten Szenen nichts anhaben. Dem hektischen Treiben vor ihm zum Trotz. Jarstein lässt sich davon nicht beeindrucken! Er explodiert hingegen, wenn es tatsächlich brennt, wenn seine Torwartkünste gefragt sind. Dann taut er auf und agiert blitzschnell und intuitiv richtig in Richtung Leder. Ein beindruckendes Wechselspiel!

Der 43-malige norwegische Nationalkeeper machte seine Sache wie gewohnt sehr gut. Seine bis dato überdurchschnittlich guten Saisonleistungen konnte er auch heute erneut bestätigen und beindruckte auch durch seine ausdruckstarke Präsenz. Das Wechselspiel zwischen einem aktiven Torwarthandwerk und einer erfolgreichen Inszenierung bleibt hingegen unbestritten. Die Aura eines Keepers lebt davon und zehrt von dem bis dato Geleisteten. Diese Erfahrungen stärken ihm im Jetzt den Rücken, lassen ihn die gegenwärtigen Aufgaben schlicht und ergreifend einfacher erscheinen. Umgekehrt natürlich genauso. Denn Torhüter, die sich ihrer Sache sicher sind, münzen ihr positives Selbstbild im Regelfall in starke Leistungen um. Rune Jarstein stellt dies Woche für Woche unter Beweis. Und gilt gerade deswegen als einer der konstantesten, stärksten Keeper der Liga!

In diesem Sinne, immer den Kopf oben halten. Auch wenn es verständlicherweise manchmal schwer fällt. Bis nächste Woche!