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Spieltaganalyse #18

Spieltaganalyse #18: Der 28. Spieltag

Von Thorsten Albustin in Kolumne von Thorsten Albustin

„Wie groß ist er denn?“, will der Scout von dem Berater eines jungen Keepers wissen. „1,82 Meter!“ – sagt dieser bestimmend. Der schimmernde Euro, der zuvor noch in seinen Augen zu sehen war, verliert urplötzlich an Glanz. Er scheint zu ahnen, was nun kommen wird. Das abwertende Lächeln des Scouts war ja auch nicht zu übersehen. „Du, ich glaube schon, dass dein Junge kein Schlechter ist. Aber der kommt für uns nicht in Frage. Er ist für einen Keeper einfach zu klein. 1,90 Meter + X sollten es schon sein.“ Rums, das hat gesessen und weitere Versuche, ihn jetzt noch umzustimmen, sind vergebene Liebesmüh. Die U17 eines Bundesligavereines muss sich also weiter auf die Suche nach einem geeigneten, nein, nach einem größeren Kandidaten begeben. Talent und Potential waren für den Grund dieser Abfuhr nicht ausschlaggebend. Das interessierte den Mann mit „den Adleraugen“ – nachdem ihm die Körpergröße bekannt war - sowieso nicht mehr. Nein, das alternativlose K.O.-Kriterium hieß schlicht und ergreifend: zu klein!

Ich hingegen behaupte, dass Talent und die Qualität eines jungen Keepers ausschlaggebend sein müssten. Wir sprechen in unserem Fallbeispiel ja nun mal nicht über einen Kleinwüchsigen – der hätte im Fußballtor tatsächlich nichts zu suchen - sondern über einen Burschen mit einer stattlichen Körpergröße von 1,82 Meter. Man höre und staune, erst 16 Lenze alt. Es müssen aber auf Teufel komm heraus mindestens 1,90 Meter sein, da groß in diesen Kreisen automatisch mit gut, mit Potential gleichgesetzt wird. Wie konterte einst der legendäre Wiener Vollblutmusiker Falco auf eine respektlose Frage:

Dein Horizont reicht gerade bis zu dieser Tür, aus der du gleich, hoffentlich, wieder verschwinden wirst.

Falco

Diesem Zinnober sollte man eigentlich mit genau dieser Bissigkeit begegnen. Denn etliche Torhüter von früher, aber auch die von heute haben dieser Fehleinschätzung durch erstklassige Leistungen schon immer den Wind aus den Segeln genommen. Fabien Barthez, Neville Southall, Andreas Köpke, Jean-Marie Pfaff - um nur einige Koryphäen aufzuzählen - waren allesamt unter 1,85 Meter und gehörten dennoch der absoluten Weltelite an. Zu jener würden sie im Übrigen auch heute noch zählen! Yann Sommer wird heute den gegenwärtigen Beweis antreten. Und das auf höchstem Spielniveau! Obwohl er von bestimmten Personen als zu „klein“ eingestuft werden würde!

Yann Sommer pariert einen Elfmeter von Marco Fabian im Spiel gegen Eintracht Frankfurt am 01.04.2017

Eine kompakte Körpergröße hat im Fußballtor nämlich auch unbestrittene, leistungsfördernde Vorteile. Wie wäre es z.B. damit: Eine erhöhte Aktionsschnelligkeit, ein schnelleres Abtauchen bei flachen Geschossen, oder auch eine explosivere Handlungsschnelligkeit. Doch wie sieht es in den Disziplinen aus, in denen die Größe eines Torhüters tatsächlichen Einfluss auf die Leistungsstärke nehmen könnte (gilt im Übrigen für Groß und Klein…)? Natürlich nur auf dem Papier, rein theoretisch! Das Flankenspiel bietet sich als Proband für die angeblich zu Kleinen ideal an. Und dient gleichermaßen als Nachweis, dass „klein“ auch hier richtig „groß“ sein kann und groß nicht automatisch „groß“-artig ist. Jetzt lasse ich aber Yann Sommer für mich argumentieren. Sechs Qualitätsmerkmale zeichnen ihn seit jeher aus und sind für ein erfolgreiches Gelingen grundsätzlich erforderlich. Diese trennen die Spreu vom Weizen und nicht die Größe!

„Schmeißt die Ballkanonen an…“

  • Flankenspiel / Qualitätsmerkmal 1: Richtige Positionierung: Yann Sommer steht bei Eckbällen gegen sich in der Mitte seines Kastens. Bei seitlichen oder frontal vor das Tor geschlagenen Flankenbällen positioniert er sich 4-5 Meter vor der Torlinie. Die einzig richtige Entscheidung, um den freien Raum zwischen ihm und der auf 16-Meter Höhe aufgerückten Abwehrreihe wirksam zu schließen. Die unverzichtbare, absolute Aktionsbereitschaft - den Ball dann auch tatsächlich haben zu wollen - ist bei ihm jederzeit erkennbar.
  • Flankenspiel / Qualitätsmerkmal 2: Richtige Wahrnehmung (Auge): Sommer beobachtet die Kugel mit Argusaugen und verschätzt sich so gut wie nie. Sein Timing zum Ball stimmt jederzeit und wenn er sein Tor verlässt, erobert er auch die Kugel. Er gefällt grundsätzlich durch ein gelungenes Wechselspiel zwischen „notwendigem Herauskommen und strategisch richtigem Bleiben“.
  • Flankenspiel / Qualitätsmerkmal 3: Timing Lauf / Fußarbeit: Der Schweizer Nationaltorhüter verfügt über eine überragende Fußarbeit. Er agiert mit kleinen, schnellen Schritten und ist nahezu immer in der Lage, seine Position zum Ball situationsgerecht zu justieren und bei Bedarf entsprechend zu korrigieren.
  • Flankenspiel / Qualitätsmerkmal 4: Absprungtechnik: Sommers fantastische Dynamik kommt ihm auch beim Flankenspiel zu Gute. Er ist, wie bereits oben erwähnt, extrem schnell auf den Beinen und beeindruckt durch eine enorme Sprungkraft. Sommer wirkt leicht wie eine Feder und gewinnt explosiv an Höhe. Seine enorme Sprungkraft ermöglicht es ihm, dabei bessere Werte, als viele seiner über 1,90 Meter großen Torhüterkollegen, zu erzielen. Und das „trotz“ seiner 1,82 Meter.
  • Flankenspiel / Qualitätsmerkmal 5: Durchsetzungsvermögen: Yann Sommers athletische Voraussetzungen sind tadellos. Das Schweizer Kraftpaket lässt sich im Luftkampf ganz und gar nicht abkochen und zieht seine Aktionen kompromisslos durch. Er agiert ungebremst und entschlossen in Richtung Ball und verteidigt sein Terrain mit beindruckender Durchschlagskraft.
  • Flankenspiel / Qualitätsmerkmal 6: Fang und Fausttechniken: Yann Sommer ist ein Allrounder und spielt sein technisches Potential auch beim Flankenspiel aus. In der Ballsicherung wirkt er sehr sicher. Sommer greift mit lang ausgestreckten Armen zum Leder und fängt dieses im Regelfall am höchsten Punkt ab. Auch beim Fausten macht er eine durchweg gute Figur. Technisch perfekt und zielgenau „durch“ den Ball beim einhändigen, resolut und kompromisslos klärend beim beidhändigen Fausten.
  • Grundsätzliches: Das heutige Torwartspiel zeigt auf, dass das Flankenspiel immer noch ein sehr wichtiges Aufgabenfeld eines jeden Keepers ist. Dennoch fallen mittlerweile andere Disziplinen deutlich gravierender ins Gewicht, denn zu viele Standards sind kaum noch zu erreichen. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Keeper 2,00 Meter, oder nur 1,80 Meter groß ist. Denn der Großteil der Flanken, nein, besser der Torschussflanken (mit unglaublich Speed!) werden zumeist vom Tor weg geschlagen und sind vom Torhüter schlicht und ergreifend nicht zu erreichen. Andere Disziplinen, wie ein aktives Mitspielverhalten, oder auch fußballerische Fertigkeiten, werden sehr viel häufiger eingefordert. So auch heute. Hierbei brilliert Sommer als wahrer Libero seiner Elf, der über alle technischen Mittel einer zeit- und raumgewinnenden Spieleröffnung verfügt. Sommer hatte es heute mit zwei Flankenbällen zu tun, seiner Gegenüber Horn kam auf sage und schreibe drei Aktionen. Noch Fragen?

Mein heutiges Fazit hätte ich auch schon ein paar Tage eher schreiben können. Erstens weiß ich das Flankenspiel eines Yann Sommers sehr zu schätzen, zweitens war ich mir zu 100 % sicher, dass er meine vorherigen Argumente bestätigen würde. Grundsätzlich geht es mir dabei doch nur um eines. Gerade im Torwartspiel dürften vom Grundsatz her nur diejenigen sichten, die den Kasten auch von innen kennen. Die das Gefühl für den Typen, der diesen „lebt“, im Blut haben. Denn nur sie können die richtige Entscheidung treffen! Ab und an können auch „Kleinere“ höher als „Größere“ springen. Nicht nur im Fußballtor! Auch wenn es der „Groß“-Teil wahrscheinlich nie kapieren wird!