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Spieltaganalyse #19

Spieltaganalyse #19: Der 29. Spieltag

Von Thorsten Albustin in Kolumne von Thorsten Albustin

Ein aktives Torhüterspiel setzt zwei Eigenschaften voraus: 1.) Das Heft des Handelns in die eigene Hand zu nehmen. 2.) Die externen Lasten erfolgreich bei Seite zu wischen. Die Umsetzung dieser Vorgaben sollte zumindest das mittelfristige Ziel aller Keeper sein. Da wir uns im Fußballtor aber nun mal nicht bei „Wünsch dir was!“ befinden, müssen wir uns diese Qualitäten in der Regel hart erarbeiten. Unsere mentalen Kräfte wirksam schulen! Denn die Wenigsten bekommen das in die Wiege gelegt. Menschen sind bekanntermaßen keine Roboter und lassen sich insbesondere unter Druck leichter aus der Bahn werfen. Gerade im Fußballtor, in dem die Lasten eines erwartungsfreudigen Umfeldes manchmal schwer auf den Schultern liegen können, hätte das fatale Folgen. Unser Ziel muss demnach sein, uns von dieser Last zu befreien. Wir müssen uns vor Augen führen, dass der Glaube an uns selbst und an das eigene Leistungspotential Berge versetzen kann und den größten Drucksituationen dann auch standhalten wird. Denn dass wir unser Handwerk vom Grundsatz her beherrschen, stellen wir in den etlichen Torschussübungen unseres Trainingsalltages nahezu täglich unter Beweis. Demnach gilt es an der mentalen Umsetzung im Wettkampf fleißig zu feilen, damit wir unser tatsächliches Leistungsvermögen auch im Stress – wenn es wirklich darauf ankommt – komplett abrufen können.

Extremsportler wie die Bergsteigerlegende Reinhold Messner machen es uns bei ihren waghalsigen Expeditionen eindrucksvoll vor. Angesprochen auf seine eventuellen Ängste beim Aufstieg einer Steilwand beantwortete Messner einmal so: „ Ich habe gar keine Zeit, Angst zu empfinden, da ich mich permanent auf den nächsten Handgriff konzentrieren muss! Täte ich dies nicht, befände ich mich sofort in akuter Lebensgefahr!“. Was können wir daraus schließen? Der Reiz und die Schwierigkeit einer Aufgabe lenken den Fokus beim Könner auf die jetzt zu leistende Aufgabe und wirken sich obendrein noch leistungsfördernd aus. Bringen den Athleten an seinen tatsächlichen Leistungszenit! Puschen ihn zur Höchstleistung!

Lukas Hradecky rettet vor dem heranstürmenden Marco Reus

Dafür müssen jedoch externe Einflussfaktoren wie Umfeld, Tabellensituation oder auch Spielstand konsequent ausgeblendet werden. Können unsere Bundesliga-Cracks mit den Fähigkeiten eines Reinhold Messners mithalten? In welchen Spielsituationen war Lukas Hradecky diese Stärke im absoluten Stress anzumerken? In welchen Situationen drückte der „Belastungsschuh“ sein Leistungsvermögen nach unten? Der Vorteil des Torwartspieles? Hier geht es im Gegensatz zu einer Everest-Besteigung bei einem fehlerhaften Verhalten glücklicherweise nicht um Leben und Tod! Lukas Hradecky! Ab in die „gelbe“ Wand! Und zwar ohne Seil …

Im Stress geglänzt …

  • 1. Minute: Direkt nach Spielbeginn ein mit Druck gespielter Rückpass auf Hradecky. Der Dortmunder Angreifer lief ihn aggressiv an. Der Frankfurter verarbeitete den Ball optimal mit nur einem Kontakt und schlug ihn souverän aus der Gefahrenzone heraus.
  • 10. Minute: Ein verunglückter, frontal geschlagener Flankenball aus ca. 30 Metern landete sicher in Hradeckys Händen. Der Ball war lange in der Luft, der Hesse ließ sich davon nicht beeindrucken und packte unaufgeregt zu.
  • 13. Minute: Ein frontal vor das Tor geschlagener BVB-Freistoß. Die Frankfurter Nr. 1 stand entsprechend hoch auf Höhe der Fünf-Meter-Linie, spielte sehr gut mit und klärte resolut mit beiden Fäusten. Den Raum zwischen dem aufgerückten Pulk und ihm selbst konnte er somit effektiv schließen.
  • 19. Minute: Einen verunglückten, zu kurz geratenen Rückpass konnte Hradecky entschlossen vereiteln. Er ging dem Leder ungebremst und resolut entgegen und klärte grätschend vor dem einschussbereiten Dortmunder. Das anschließende 1 gegen 1 Duell verbuchte er ebenfalls gekonnt auf seiner Habenseite.
  • 41. Minute: Nächster Flugball unter enormem Gegnerdruck. Der Frankfurter zeigte sich erneut souverän und schlug die Kugel weit aus der Gefahrenzone heraus.
  • Sein souveränes Flugballspiel setzte er in Halbzeit zwei nahtlos und ohne Wackler fort. Er hatte die „BVB-Wand“ fußballerisch voll im Griff.
  • 84. Minute: Lukas Hradecky fängt einen direkt getretenen Freistoß aus ca. 22 Meter mit Leichtigkeit ab. Auffällig dabei seine gute Fußarbeit (Er hatte den Ball erlaufen..) und sein sicheres Zupacken.
  • 90. Minute: Der Frankfurter gefiel in der Schlussminute mit einem herausragenden 1vs.1-Verhalten. Der Dortmunder Angreifer schießt wuchtig aus spitzem Winkel und aus ca. 10 Metern auf die Torwartecke. Hradecky klärt reaktionsschnell und glänzend per Fuß.

Den Frankfurter „Absturz“ nach der 1:3-Niederlage konnte er hingegen nicht verhindern.

Im Stress gewackelt …

  • 2. Minute: Hatte die stürmische BVB-Anfangsphase ihn doch etwas aus der Ruhe gebracht? Bei der Dortmunder 1:0 - Führung wirkte Hradecky etwas unentschlossen, hinterließ den Anschein, sich von der Situation vereinnehmen zu lassen. Gab er das Heft des Handeln für kurze Zeit aus den Händen? So oder so: Einen BVB-Lupfer in den Strafraum will Hradecky auf Höhe des 5-Meter-Eckes erlaufen. Der BVB Spieler läuft ebenfalls im höchsten Tempo zum Ball. Kurz bevor Hradecky den Ball erreicht, bricht er seinen Laufweg ab. Sicherlich wollte er einen möglichen, Elfmeterreifen Kontakt zum BVB-Spieler vermeiden. Der Dortmunder schob seinen Körper gekonnt zwischen den Ball und Hradecky, passte den Ball zügig in die Mitte und ein weiterer BVB-Kicker lochte spektakulär per Hacke ins leere Frankfurter Gehäuse ein.
  • 38. Minute: Hadreckys Flugballspiel konnte in dieser Situation dem intensiven BVB-Anlaufverhalten nicht standhalten und er schlug das Spielgerät unkontrolliert vor die Füße eines BVB-Spielers. Dieser nahm die Einladung Hadreckys glücklicherweise nicht an. Den direkt darauf folgenden Rückpass klärte er auf „Nummer Sicher gehend“ unschön ins Seitenaus.

Fazit

Lukas Hradecky hatte seine Fähigkeiten, im Stress zu bestehen, heute mehrfach bewiesen. Zwei Wackler fielen während der gesamten 90 Spielminuten auf, eine akute „Absturzgefahr“ ließ sich hingegen zu keiner Zeit feststellen. Dafür ein großes Kompliment! Denn der beste und stärkste Lastenzug kann ohne ein funktionierendes Steuergerät seine Zugkraft nicht entfalten. Das Steuergerät des Menschen ist sein Kopf. Und der muss funktionieren! Nicht nur an der Steilwand, sondern auch im Fußballtor …