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Spieltaganalyse #20

Spieltaganalyse #20: Der 30. Spieltag

Von Thorsten Albustin in Kolumne von Thorsten Albustin

Torhüter oder Torspieler? Welcher Name gefällt euch besser? Nun ja, ums reine Gefallen geht es hier natürlich weniger. Der Sinn und Zweck der jeweiligen Bezeichnung sollte uns interessieren. Eines vorweg: Ich denke wir sind uns sicherlich darin einig, dass die Bezeichnung Torspieler die Umfänge eines zeitgemäßen Torwartspieles besser umschreibt. Apropos „zeitgemäß“. Der dazu gehörige Zusatz „zeitgemäß“– wo wir gerade dabei sind Begrifflichkeiten zu durchleuchten – erscheint mir dafür am geeignetsten zu sein. Der weitläufig verwende Zusatz „modern“ scheidet für mich aus, da er auf das zuvor Geleistete namentlich nicht eingeht und zugleich als „out“ diffamiert. Denn zu Vieles, das in „Stoßzeiten“ als „in“ umjubelt wird, wird spätestens mit der Einführung neuer „Errungenschaften, als „out“ verschrien. Dumm für diejenigen, die das mitmachen! Dem Torwartspiel definitiv nicht würdig! „Zeitgemäß“ baut hingegen auf das zuvor Geleistete auf, ist offen für Neues und kann allein deshalb, nie als „out“ in die Mangel genommen werden. Hört sich wesentlich sympathischer an, oder etwa nicht?

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, Torspieler oder Torhüter? Die Bezeichnung Torspieler klingt natürlich deutlich mobiler und fordert diese Agilität aber auch auf dem Spielfeld. Allein ein Tor zu hüten reicht im heutigen Torwartspiel – das eine offensive Mitspielbereitschaft voraussetzt – bekanntermaßen nicht mehr aus. Die Begrifflichkeiten erklären sich somit von selbst: Ein Torspieler spielt, ist in Bewegung, ein Torhüter hütet und positioniert sich stoisch vor seinem Kasten! Vom Grundsatz her Gegensätze! Gehen wir noch einen Schritt weiter! Die Umfänge eines Torspielers „verschlucken“ – rein bildlich gesehen – die des Torhüters, da dessen Aufgabenfeld nur eines von vielen eines Torspielers ist.

Sven Ulreich im Spiel gegen Mainz am 22.04.2017

Fußballverbände, wie der WVF in Baden-Württemberg haben in allen Lehrveranstaltungen den Namen „Torhüter“ schon lange mit dem des „Torspielers“ ersetzt. Die Intention ist klar und macht theoretisch auch Sinn, wobei ich mich frage, ob man so weit gehen sollte. Als überzeugter Traditionalist stelle ich bewährte Namensgebungen nicht in Frage, nur weil sich ihre Aufgabenfelder erweitert bzw. verändert haben. Der Name Torhüter sollte bestehen bleiben, obwohl er auf dem Spielfeld mittlerweile mit ganz anderen Qualitäten zu glänzen zu weiß. Traditionelle Namensgebungen stehen letztendlich für einen Wert, für eine anerkannte Sache, an denen es sich verbietet, daran herum zu doktern. Eine Mercedes S-Klasse bleibt ja auch - trotz aller zeitgemäßen Modifizierungen – namentlich bestehen und hat mit dem Benz der 80er nichts mehr gemeinsam. Denn sein Name ist Programm!

Die Weiterentwicklung, den Fortschritt - gerade im Fußballtor - wollen wir in der Praxis natürlich sehen! Ohne dabei den Namen zu verändern! Welcher Torhüter der Partie Bayern München gegen Mainz 05 entpuppte sich in seiner Spielanlage heute als Torspieler? Oder doch eher als Torhüter? Auf geht´s, Torhüter!

Torhüterspielszenen

Sven Ulreich gefiel in der 15. Spielminute in einer sehr starken 1gegen1- Situation. Er blieb lange stehen und riss seine rechte Hand blitzschnell nach oben. Beim Mainzer Führungstreffer zum 1:2 hatte er Pech. Den nicht schlecht getretenen Elfer konnte er erahnen und tauchte explosiv in seine rechte, untere Torecke ab. Er war mit den Fingerspitzen noch an der Kugel dran, konnte den Einschuss aber nicht verhindern. Schade, dennoch ein sehr aktiver Akzent. Eine Unsicherheit zeigte er beim Flankenspiel. Einen ca. 8 Meter vor dem Tor herunter gefallenen Kerzenball wollte er resolut entschärfen, konnte sich das Leder aber nicht ergattern. Vor ihm hatte sich eine undurchdringliche Spielerwand formiert, durch die er nicht hindurch kam und er hätte in dieser Situation besser nicht eingreifen sollen. Ansonsten wurde er im eigenen Stadion naturgemäß wenig geprüft.

Jannik Huth stand auf der gegenüberliegenden Seite von Ulreich im Tor.

Der 23-jährige Jannik Huth konnte sich in der Allianz-Arena des Öfteren bewähren. Dabei gefiel er meistens. Er agierte mutig bei hohen Bällen und wirkte dabei sehr sicher. In der 46. Spielminute konnte er den 75.000 Zuschauern sein Können auf der Torlinie beweisen. Eine Münchner Volleyabnahme kratzte er spektakulär aus seinem linken Tordrittel. Explosiv wie ein Panther und dabei ganz lang gemacht. Super! Ähnlich stark parierte er in der 62. Minute einen FCB-Distanzschuss, den er problemlos aus seiner rechten, unteren Torecke herausfausten konnte. Ein wenig zu passiv und das ist wirklich schade kam er mir beim Münchner Ausgleichstreffer zum zwischenzeitlichen 1:1 vor. Robben zündete seinen Turboantrieb, tankte sich durch den Mainzer Strafraum und zog aus relativ spitzem Winkel trocken ab. Huth machte instinktiv die kurze Ecke zu und das Geschoss rauschte nah an seinem Körper vorbei ins lange Eck. Sein ballnaher Arm war dabei zu nah am Körper, lag sozusagen „brach“ und machte dem Robben-Knicker den Weg frei. Huth hätte den Arm besser aktivieren sollen, denn dann wäre die Abwehr des Balles ganz bestimmt noch möglich gewesen. Nichtsdestotrotz machte Huth seinen Job beim Klassenprimus gut! Ja liebe Leute, das waren die wesentlichen Torhüterszenen in 90 Minuten. Nicht viele, dennoch mit zum Teil spielentscheidendem Einfluss. Die Krux des Torwartspieles!

Torspielerspielszenen

Spielende Szenen waren von beiden natürlich häufiger zu sehen. Nicht so matchendscheidend wie die oben Genannten, für die Balance einer Gesamtleistung, aber von immenser Bedeutung. Beginnen wir wieder mit Sven Ulreich. Der 28-jährige machte mit einem sehr abgeklärten, sicheren Rückpassspiel auf sich aufmerksam. Nicht so raumgewinnend wie sein Kollege Neuer, dennoch hielt er den Ball unaufgeregt in den eigenen Reihen und blieb dabei fehlerlos. Er zeigte sich ständig, war stets auf Ballhöhe und signalisierte seinen Vorderleuten permanente Anspielbereitschaft. Er gefiel mit einem kontrollierten und lang geschlagenen Flugspiel, das auch unter Druck nie an Qualität verlor. Er stand im Vergleich zu Huth grundsätzlich etwas tiefer, war aber immer dann, wenn er mitspielen musste zur Stelle. Huth stand ihm diesbezüglich in nichts nach und konnte bei seinen Torspieler-Szenen sogar noch ein Sahnehäubchen draufsetzen. Denn er agierte sowohl mit dem rechten, als auch mit dem linken Fuß gleich gut. Sein Hüftdrehstoß ist schon jetzt eine richtige Waffe, da ihm dieser sehr präzise und flach geschlagen aus der Hand geht. Sah richtig gut aus. Der Mainzer stand relativ hoch und war daher auch dann zeitig zur Stelle, wenn er außerhalb seines Strafraumes dazwischen funken musste. Er passte den Abstand zwischen ihm und der Kugel optimal an und kam allein deshalb, nie in Turbulenzen. Huth interpretierte die Rolle des Torspielers aktiver als Ulreich und fiel in vielen Situationen als „Libero“ seiner Mannschaft auf. Ihn aber auf Grund dessen als Torspieler bezeichnen zu müssen, halte ich hingegen für einen schlechten Scherz. Denn Huth und Ulreich haben doch eigentlich nur eines getan. Sie sind dem erweiterten Aufgabenfeld des Fussballtorhüters gerecht geworden.

Fazit

Beide Keeper interpretierten das zeitgemäße Torwartspiel standesgemäß. Sie waren am heutigen Spieltag der erste Angreifer ihres Teams, konnten aber zugleich auch viele Gefahrenherde im Vorfeld aktiv entschärfen. Vorausschauend in ihrer Spielanlage, konsequent und mutig in der erfolgreichen Umsetzung. Am Ende eines Tages wird ein Keeper aber immer noch daran gemessen, wie viele Bälle er im Spiel gehalten hat. Denn das allein entscheidend, wie schon vor 30 Jahren, über Sieg oder Niederlage! Auch diesen Auftrag hatten Beide besten Willens erfüllt und machten dem Namen ihrer Spielposition alle Ehre. Dem des Fussballtorhüters! Denn derjenige, der Theorie und Praxis miteinander verknüpften kann, ist tatsächlich up to date. Und präsentiert sich zeitgemäß im Takt der Zeit!