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Spieltaganalyse #5

Spieltaganalyse #5: Der 15. Spieltag

Von Thorsten Albustin in Kolumne von Thorsten Albustin

Der „moderne“ Fußballtorhüter zeichnet sich durch eine vorausschauende und mitspielende Wettkampfphilosophie aus. Er agiert offensiv und ist stets bemüht, Spielsituationen schon dann zu entschärfen, bevor diese in Tornähe überhaupt für akute Gefahr sorgen. Die Qualitäten des früheren Linientigers reichen heute bei weitem alleine nicht mehr aus und wurden mit dem Handlungsspektrum eines Liberos ähnelnden Allrounders verpflichtend erweitert. Einem vorausschauenden Allrounder, der die vergrößerten Abstände zwischen der aufgerückten Abwehrreihe und dem Tor wirksam schließt und mit mutiger Aktivität im und außerhalb des Strafraumes zu gefallen weiß. Der „moderne“ Schnapper glänzt mit einem selbstbestimmenden Offensivdenken und hat sich zum Ziel gesetzt, die Torlinienverteidigung als wirklich Letzte aller Abwehrmaßnahmen einzusetzen.

Als erster Angreifer seiner Mannschaft verfügt er zudem über herausragende fußballerische Qualitäten und setzt seine Mitspieler gedankenschnell und gekonnt in Szene. Ein situationsgerechtes Stellungsspiel (1.), eine aktive Mitspielbereitschaft im und außerhalb des 16ers (2.) sowie die fußballerischen Fertigkeiten einer effektiven Spieleröffnung (3.) müssen für die „moderne“ Interpretation des Torwartspieles spieltauglich parat stehen. Wie interpretierte der Schalker Ralf Fährmann beim Heimspiel seiner Knappen gegen den angereisten SC Freiburg diese charakteristischen Merkmale? Welche Rückschlüsse lassen sich aus der heutigen Partie ziehen?

1.) Ein situationsgerechtes Stellungsspiel – Der Grundstein aller erfolgreichen Handlungen

Ralf Fährmann im Spiel gegen den SV Werder BremenDie Qualität eines situationsgerechtem Stellungsspiels ist nicht nur für die Aktionen außerhalb des Strafraumes, sondern auch innerhalb des Strafraumes - wie z.B. beim 1 vs.1-Verhalten und beim Torlinienspiel - von immenser Bedeutung. Fährmann setzte sich in diesen Momenten optimal in Szene. Beispielsweise in der 17. Spielminute. Die Freiburger spielten einen tiefen Pass durch die Nahtstelle der ansonsten sehr aufmerksamen Schalker 3er-Kette, der Freiburger Angreifer lief den richtigen Laufweg und konnte 13 Meter vor dem Tor freistehend abschließen. Der Ball flog über das Gehäuse, was vor allem an Fährmann lag! Bevor der einschussbereite Angreifer zum Abschluss ansetzen konnte, stand der 1,96 Meter große Hüne schon 2 Meter breitschultrig vor ihm. „Super gelesen“ und vor allem optimal positioniert baute sich Fährmann wie eine Wand auf und provozierte das Freiburger Fehlschussverhalten. Auch bei flachen oder auch hohen Hereingaben in den Straftraum sowie bei den wenigen Prüfungen auf der Torlinie, die er mit Leichtigkeit vereiteln konnte, stellte er seine perfekt getimte Aktionsbereitschaft unter Beweis.

2.) Eine aktive Mitspielbereitschaft im und außerhalb des Strafraums

Das im Vorfeld zu tätigende Laufverhalten eines Keepers ist demnach der Schlüssel für ein erfolgreiches Mitspielverhalten. Der Bärenanteil einer final zu lösenden Ballaktion! Fährmanns Mitspielverhalten für Rettungsaktionen außerhalb des Strafraumes wirkte hingegen reservierter. Auf der einen Seite hatte er kaum Möglichkeiten, sich in diesem erweiterten Terrain auszuzeichnen, da das Restverteidigungsverhalten seiner Vorderleute durchweg gut war. Andererseits fiel auf, dass Fährmann die optimale Positionierung im eigenen Strafraum vorzieht und für ein erfolgreiches Mitspielverhalten außerhalb „seines Reviers“ nicht hoch genug steht. Nicht höher stehen möchte?

3.) Die fußballerischen Fertigkeiten einer effektiven Spieleröffnung

Fährmann gefiel während der gesamten Spielzeit durch ein sehr sicheres, aber auch eher risikoloseres Rückpassspiel.Fährmann gefiel während der gesamten Spielzeit durch ein sehr sicheres, aber auch eher risikoloseres Rückpassspiel. Er wurde von seinen Mitspielern sehr häufig als letzte Anspielstation gesucht und wirkte bei der Weiterleitung der Pässe sehr abgeklärt und konzentriert. Kam er unter Druck, bevorzugte er das lang geschlagene, aber zielgerichtete Flugballspiel. Den Vorteil einer Überzahl bringenden, Mannschaftsteile überbrückenden Spieleröffnung ließ er zu oft aus. Der sichere Ball hat in seiner Spielanlage Priorität, der Druck befreiende Entlastungseffekt, der den Gegner in eine unvorteilhafte, weil unorganisierte Rückwärtsbewegung versetzt, fehlte. Fährmanns Handlungsschnelligkeit hätte dafür deutlich schneller ausfallen müssen. Ich sehe ihn daher eher als den ersten Aufbauspieler anstatt als den ersten Angreifer seiner Elf an, da er die Qualität, ein Spiel schnell zu machen, zu oft vermissen ließ. Summa Summarum eine durchweg solide Partie Fährmanns, die aber die ein oder andere versäumte Komponente eines „modernen Torwartspieles“ aufdeckte. Kein Beinbruch, denn Fährmann gehört ohne Frage auch ohne diese Mittel zu den Besten seiner Zunft.