GoalGuard.de

Spieltaganalyse #6

Spieltaganalyse #6: Der 16. Spieltag

Von Thorsten Albustin in Kolumne von Thorsten Albustin

Der 16. Spieltag der Fußballbundesliga hatte sich zum Abschluss des Fußballjahres 2016 ein ganz besonderes Bonbon zum Ausklang aufgehoben. Bayern München gegen RB Leipzig. Der obligatorische Klassenprimus und Tabellenführer FCB gegen den punktegleichen, aber extrem erfolgreichen Aufsteiger und Bayern-Jäger Nr.1 aus dem Freistaat Sachsen. Ein Duell mit sicherlich zukunftsweisender Brisanz, bei dem sich ein ausführlicher Keeper Vergleich anbot. Auf dem Papier ein auf den ersten Blick eher ungleiches Duell. Der Welttorhüter und Branchenführer Manuel Neuer lud den Bundesliga Newcomer, bis dato tadellos spielenden Peter Gulacsi auf einen heißen Tanz in der ausverkauften Allianzarena ein. Wer konnte beim heutigen Gipfeltreffen seiner Elf für den heißbegehrten Platz an der Sonne hilfreich bei Seite stehen? Wer konnte das direkte Keeper-Duell auf seiner Habenseite verbuchen? Nehmen wir die Arbeitszeugnisse dieser beiden Handschuhtragenden Akrobaten mal ganz genau unter die Lupe. Aktion für Aktion, und zwar in den grobwesentlichen Torhüter relevanten Disziplinen. Für beide Keeper und ihre Mannschaften ging es darum, mit dem heutigen Spiel ein wichtiges Ausrufezeichen für das kommende Jahr zu setzen. Auf geht´s!

Torlinie und 1 vs.1

Manuel Neuer konnte sich hier auf Grund der Dominanz seines Bayern Ensembles nur selten beweisen. Keine große Überraschung. Doch was auf seinen Kasten kam, erledigte er mit gewohnter Bravour. Sehr wichtig für ihn selbst und seine Münchner war der in die kurze Ecke platzierte, glänzend parierte Kopfball nach einem Eckball in der 28. Spielminute. Der mögliche, so wichtig gewesene Leipziger Anschlusstreffer, auf 1:2 verkürzen zu können wurde vereitelt und der moralische Strohhalm, nochmal Lunte zu riechen, rigoros verwehrt. Ein zu diesem Zeitpunkt mit spielentscheidender Big Point! Einen weiteren, frontal platzierten Distanzschuss aus 20 Meter hielt er sicher fest. Eine 1vs.1 Situation blieb Neuer mangels geforderten Leistungsnachweises verwehrt.

Robert Lewandowski scheitert an Peter Gulacsi

Peter Gulacsi konnte sich in der Höhle des Löwen naturgemäß häufiger beweisen. Und das tat er beinahe tadellos. Eine leichte Unsicherheit zeigte er bei einer scharfen, flachen und von ihm nicht fest zu haltenden Hereingabe von rechts (13. Spielminute). Diese war letztendlich der einzige, kleine schwarze Fleck auf einer ansonsten schneeweißen Weste. Er wirkte sehr sicher bei den körpernah geschossenen Distanzschüssen, fing einen stark getretenen, seitlich platzieren Schlenzer sicher ab und wehrte den klug getretenen, direkt in die Torwartecke platzierten Douglas Costa Freistoß spektakulär zum Eckball ab (85. Minute). Klasse reagiert und vor allem, nicht verspekuliert. Auch in den 1vs.1- Situationen machte er sehr erfolgreich Werbung in eigener Sache. Gutes Timing, ruhiger Stand und entsprechende Größe ließen Lewandowski zweimal verzweifeln.

Auf Grund der Vielzahl an Situationen, sich erfolgreich beweisen zu können: Vorteil: Peter Gulacsi

Flankenspiel

Neuer wurde hier nur einmal bei einem Eckball in der 8. Minute gefordert und zeigte trotz Foulspiel wichtige Präsenz. Gulacsi zeigte sein Können bei einem verpflichtend zu lösenden Flankenball von rechts und einem nicht ganz so leicht abzufangenden Kerzenball im 5-Meter-Raum. Sehr gut, vor allem torwarttypisch resolut seine beidhändige Faustabwehr nach einer Bayern-Ecke in Halbzeit zwei.

Unentschieden

Strafraumbeherrschung und Mitspielverhalten

Neuers Paradedisziplin war auch heute in den wenigen von ihm zu leistenden Szenen wieder deutlich zu sehen. Er profitiert von seiner unglaublichen Agilität und setzt diesen Trumpf gekonnt und als ob es das Natürlichste auf dieser Welt wäre, mit selbstverständlicher Leichtigkeit in Szene. Permanent in Bewegung, immer im Brennpunkt des Geschehens ließ er die Strahlkraft seines vorausschauenden Mitspielverhaltens eindrucksvoll aufleuchten. Neuer agiert und bestimmt das Spiel. Das ist Fakt und macht ihn einzigartig!

Vor dem Spiel: Manuel Neuer beim Aufwärmen

Gulacsi machte seine Sache ebenfalls gut und patzte dennoch beim vorentscheidenden 0:2. Wie Weidenfeller am letzten Spieltag stand auch Gulacsi bei einem tiefen Ball der Bayern im Vorfeld zu hoch, nämlich direkt an der 16-Meter Linie. Und damit situationsbedingt falsch! Das höher angepasste Stellungsspiel ist im heutigen Zonenfußball natürlich unerlässlich, in manchen Situationen aber der definitiv falsch interpretierte Ansatz einer aktiven Mitspielbereitschaft. Denn permanent hoch zu stehen heißt nicht, dadurch automatisch richtig zu stehen. Die Konsequenz aus dieser Fehlinterpretation musste Gulacsi dann auf seine Kappe nehmen. Denn seine Handlungsfähigkeit war daraus resultierend eingeschränkt, ein nach vorne Verteidigen nicht mehr möglich und der eigentlich notwendige Weg zurück zeitlich nicht mehr machbar. Der unvermeidbare, vom abgezockten Bayern Akteur freilich bewusst gesuchte Gegnerkontakt, provozierte den Elfmeter, die Messe war aus Leipziger Sicht gelesen. Grundsätzlich: Erfolgreiches Mitspielverhalten basiert hauptsächlich auf Instinkt und auf dem richtigen Riecher, eine „Situation lesen zu können“, und nicht aus pseudo vorgegebenen, angepassten Maßnahmen.

Vorteil: Manuel Neuer

Spieleröffnung

Ein weiterer, unverzichtbarer Baustein des modernen Torwartspieles. Und dieser trägt ganz gewiss den Namen Neuers. Immer anspielbereit, ball- und spielsicher mit einer wahnsinnig schnell intakten Gedankenschnelligkeit glänzt Neuer als elfter Feldspieler seiner technisch nahezu vollkommenden Ausnahmemannschaft par excellence. Ein, maximal zwei Ballkontakte, und die Kugel wird raum- und zielbringend, mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerkes, mit der Geschwindigkeit eines Formel 1 Rennwagens an die eigenen Reihen weitergeleitet. Sensationell. Auch Gulacsi verfügt über überdurchschnittlich gute spieleröffnende Qualitäten (z.B. und u.a. sein technisch perfekter Hüftdrehstoß). Präzise, seriös und durch und durch abgeklärt. Alles in allem aber einen Ticken langsamer, mit weniger Selbstverständlichkeit und nicht mit Neuers spieleinleitender Perfektion. Das sollte aber an dieser Stelle ganz gewiss nicht als Vorwurf empfunden werden. Ich möchte „nur“ den Unterschied zwischen Weltspitze, „dem Status eines Patentbesitzers“, und dem in der Tat wirklich Gutem verdeutlichen.

Vorteil: Manuel Neuer

Fazit

Am Ende des Tages ein gewohntes, weil vertrautes Bild. Der Stern des Südens glänzt weiterhin von ganz oben und schießt die wirklich guten, aber sich noch steigern werdenden jungen Leipziger Mannen mit 3:0 hochverdient vom Feld. Für Spannung wird aber gesorgt sein. Denn in Leipzig wächst etwas richtig Gutes zusammen. Mit Gulacsi haben wir heute ohne Frage einen sehr guten Bundesliga-Keeper bestaunen dürfen. Mit Manuel Neuer, auch wenn er nur wenig geprüft wurde, den allerdings Besten seiner Zunft. Der Weihnachtsmann wünscht ab sofort allen ein frohes Fest. Und der kommt - wie wir alle wissen sollten - bekanntlich aus den „bayerischen Bergen…“