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Statistiken

Statistiken: Sinnvoll für die Bewertung von Torhüterleistungen?

Von Artur Stopper in Kolumne von Artur Stopper

Statistiken spielen in der heutigen Sportwelt eine immer größere Rolle. Durch neue digitale Techniken der Datenerfassung lassen sich Zahlenwerte ermitteln, die früher nur unter großem Aufwand zu erstellen gewesen wären. Einige Firmen haben sich darauf spezialisiert, den Fußball zu durchleuchten und jede Aktion eines Spielers in Zahlen zu ermitteln. Auch im Torwartbereich werden inzwischen in manchen Medien diese Werte herangezogen, um die Leistung eines Torhüters scheinbar objektiv beurteilen zu können. Einige Daten können dabei sicherlich hilfreich sein, andere hingegen sind die Zeit nicht wert, die für ihre Ermittlung aufgebracht wurde. Vor allem die Aspekte Laufleistung, die Anzahl der Ballkontakte, die Passquote sowie die Anzahl der abgewehrten Schüsse werden inzwischen bevorzugt als Bewertungskriterien von Torhüterleistungen angeführt. Aber haben diese Werte wirklich eine Aussagekraft für die Beurteilung einer Torwartleistung?

Laufleistung

Einer der ermittelten Werte ist die Laufleistung eines Torhüters. Selbstverständlich sagt die in einem Spiel zurückgelegte Laufstrecke nichts über seine tatsächliche Leistung des Torhüters aus, da die absolvierte Laufdistanz sein eigentliches Kerngeschäft, nämlich Bälle zu halten, nicht berührt. Interessant kann dieser Wert für Torwarttrainer oder Torhüter aber als Erkenntnis sein, welche Laufleistung heutzutage in einem Spiel gefordert ist. Die Auswertung der Daten zeigt, dass sich die Laufleistung eines Torhüters gegenüber vor zehn Jahren nahezu verdoppelt hat. Daraus ergeben sich Erkenntnisse für das Torwarttraining. Eine mögliche Schlussfolgerung könnte sein, dass der Torhüter vermehrt seine Ausdauerleistung trainieren muss. So kann ein Lauftraining zusätzlich außerhalb der normalen Trainingszeit durchaus sinnvoll sein, um die im Spiel geforderte Distanz problemlos in ermüdungsfreiem Zustand bewältigen zu können.

Ballkontakte

Auch die Daten zur Anzahl der Ballkontakte von Torhütern werden häufig in Medien herangezogen. Dieser Wert hat aber ebenso keine Aussagekraft für die Beurteilung einer Torhüterleistung. Eines machen die Zahlen jedoch deutlich. Der moderne Torhüter ist viel stärker in das Spielgeschehen einbezogen als früher, die Ballkontakte in einem Spiel haben deutlich zugenommen. Deshalb müssen fußballerische Fertigkeiten im Training ständig geschult und geübt werden. Insofern haben die Ergebnisse im optimalen Fall eine Auswirkung auf die Gestaltung des Torwarttrainings.

Passquote

Ein häufig herangezogenes Kriterium zur Beurteilung der Leistung eines Torhüters ist die Passquote. In Zeiten, in denen man den Eindruck hat, dass die Spieleröffnung bei einem Torhüter wichtiger ist als die Zielverteidigung, also das Verhindern von Toren, scheint dieser Wert für manche Experten besonders bedeutend zu sein. Man muss sich aber zunächst vergegenwärtigen, wie diese Werte ermittelt werden. Die Passquote ist das Ergebnis aus zwei Komponenten: Aus der Anzahl der vom Torhüter gespielten Pässe und der Anzahl von Pässen, die beim Mitspieler angekommen sind. Die Passquote gibt also den Wert in Prozenten an, wie oft es dem Torhüter gelang, den gespielten Pass zum Mitspieler zu bringen. Nun gibt es im Fußball bekanntlich neben verschiedenen Spielsystemen auch verschiedene Anschauungen, wie erfolgreich Fußball gespielt wird. Es gibt Trainer, die vom Torhüter erwarten, dass er den Ball möglichst schnell und lang in die gegnerische Spielhälfte schlägt, damit die Mitspieler den sogenannten zweiten Ball erobern und schnell zum Torabschluss kommen können. Andere Trainer bevorzugen ein Spiel mit hohem Ballbesitz der eigenen Mannschaft. In diesem System soll der Torhüter den Ball sicher zum Mitspieler passen, um einen Verlust des Ballbesitzes zu vermeiden. Was man daraus ersehen kann: Je nach System hat der Torhüter also völlig unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen. Ein Torhüter, der in einem System agiert, das auf Ballbesitz ausgelegt ist, wird Risikobälle vermeiden. Er hat also ein geringes Risiko, den Ball an die gegnerische Mannschaft zu verlieren. Ein Torhüter hingegen, der in einem System spielt, in dem er lange Bälle auf die Stürmer schlagen soll, geht ein weit höheres Risiko eines Ballverlustes ein. Dieselben Aussagen lassen sich auf die Wahl der Spieleröffnung übertragen. Ein Torhüter mit einer langen Spieleröffnung hat zwangsläufig eine deutlich schlechtere Passquote als ein Torhüter mit einer kurzen Spieleröffnung, denn bei einer langen Spieleröffnung landen ca. ¾ der Bälle beim Gegner. Deshalb ist auch die Passquote eines Torhüters kein wirklicher Hinweis auf seine fußballerischen Qualitäten, obwohl dieser Wert dazu oft von Reportern herangezogen wird.

Frankfurts Trainer Nico Kovac hat vor kurzem in einem Gespräch treffend festgestellt, dass die Passquote allein nicht aussagekräftig sei, da auch der Ort, die Distanz und der Winkel des Zuspiels zu berücksichtigen sei, um eine wirklich verlässliche Aussage über den Passgeber machen zu können. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen! Es muss die Frage erlaubt sein, ob ein Torhüter, der zumeist nur Pässe über wenige Meter spielt, tatsächlich für seine hohe Passquote gelobt werden soll.

Abgewehrte Schüsse

Ein weiterer Gesichtspunkt, der zur Beurteilung von Torhütern in den Medien herangezogen wird, ist die Anzahl der abgewehrten Schüsse. Errechnet wird diese Quote, indem die Anzahl der Schüsse aufs Tor durch die Anzahl der gehaltenen Schüsse geteilt wird. Als Beleg für die Leistungsfähigkeit eines Torhüters wird also der in Prozentangabe errechnete Wert herangezogen. So einfach funktioniert das, ein bis auf die Zehntelstelle errechneter Wert kann ja nicht trügen! Völlig unberücksichtigt bleibt dabei, aus welchem Abstand die Schüsse erfolgt sind, wie platziert die Schüsse waren oder ob der Torhüter bei den Toren überhaupt durch eine vielleicht bessere Positionierung eine Abwehrchance hatte. Dies wäre aber das entscheidende Kriterium bei der Beurteilung einer Torhüterleistung. Dazu wäre natürlich Sachverstand gefragt. Das Zusammenrechnen von Zahlen ist bedeutend einfacher. Anschaulich wird die Sinnlosigkeit dieses Wertes an einem einfachen, sicherlich extremen Beispiel. Wenn z.B. Torhüter 1 in einem Spiel 10-mal von gegnerischen Spielern angeschossen werden würde, ohne überhaupt zu reagieren, ergäbe sich bei ihm eine 100 %-Quote an abgewehrten Schüssen. Hätte Torhüter 2 hingegen vielleicht fünf äußerst schwierige Bälle entschärft, musste aber zwei Tore, bei denen er überhaupt keine Abwehrchance hatte, hinnehmen, hätte dieser nur eine Quote von 80 % abgewehrter Schüsse. Laut der gängigen Verwendung dieser Daten in den Medien wäre die Leistung von Torhüter 1 höher zu bewerten, da er ja mehr Schüsse abgewehrt hat. Wird dieser Wert aber der tatsächlichen Leistung beider Torhüter gerecht?

Richtig problematisch wird die Verwendung dieser Quote des Torhüters, wenn sie, wie in „welt.de“ vom 9.11.2017, zur Meinungsmache in der Öffentlichkeit herangezogen wird. Der offizielle Datenpartner der Bundesliga ist in der laufenden Saison 2017/18 die Firma Opta. Ihre erfassten Spieldaten von Torhütern brachten eine Überraschung zum Vorschein: Deutschlands Nationaltorwart Bernd Leno konnte nur 61 Prozent aller Torschüsse abwehren und landete in der Bundesliga-Torhüterstatistik in dieser Rubrik auf dem vorletzten Platz. Für die Redakteure von „welt.de“ war dies ein Wert, der gerade im Hinblick auf die bevorstehende Fußball-WM in Russland kein gutes Zeichen an den Bundestrainer sei. Welt.de blieb natürlich bei dieser Bewertung der Daten nicht allein. Der Internetdienstanbieter „msn.de“ verbreitete die für die Beurteilung der Torhüterleistungen untauglichen Daten in der reißerischen Überschrift „Nationaltorwart ist zweitschlechtester Keeper der Liga“. Was diese unreflektiert in die Öffentlichkeit gegebenen Aussagen für die Wahrnehmung und Bewertung des Bayer-Torhüters in der Fußballwelt bedeuten, kann man sich leicht ausmalen. Der unkritische Fußballfan wird zur Kenntnis genommen haben, dass Bernd Leno in dieser Form nicht die richtige Wahl für das DFB-Team sein kann. Der inzwischen übliche Shitstorm in den sozialen Medien durfte anschließend natürlich auch nicht fehlen. Man sieht: Statistische Zahlen gaukeln Objektivität vor, bekanntlich lügen Zahlen ja nie. Wie in anderen Lebensbereichen auch ergeben diese Zahlen nur dann einen Sinn, wenn sie richtig ausgewertet und fachmännisch gedeutet werden.

Fazit

Obwohl die angesprochenen statistischen Werte in der medialen Aufbereitung von Fußballspielen zunehmend Verwendung finden, taugen sie kaum zur Beurteilung von Torhüterleistungen. Sinnvoll kann nur ein Beurteilungskatalog sein, in dem Kriterien wie z.B. die Wahl der richtigen Technik bei der Abwehraktion, die richtige Positionierung zum Schützen oder die richtige Entscheidung in der jeweiligen Spielsituation als Bewertungsaspekte herangezogen werden. Dafür braucht man fundierte Fachkenntnis, die leider in größeren Teilen der Kommentatoren-Schar zu wenig anzutreffen ist.