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Torwart-Seminar Bregenz

Torwart-Seminar Bregenz: Lernen von Chelsea, Barca und Fenerbahce

Von Artur Stopper in Kolumne von Artur Stopper

Bereits zum zwölften Mal fand am vergangenen Samstag das Torwarttrainer-Seminar von „Safehands – the art of goalkeeping“ in der Vorarlberger Fußballakademie in Bregenz statt. Dass sich Qualität herumspricht, war an der Anzahl der Teilnehmer abzulesen. Noch nie nahmen so viele Interessierte an dieser alljährlichen Veranstaltung teil. Wieder einmal brauchten die Angereisten ihr Kommen nicht zu bereuen. Denn mit Christophe Lollichon (Chelsea London), Xavi Ferrando (FC Barcelona) und Gökhan Güldag (Fenerbahce Istanbul) waren hochkarätige Referenten geladen, die die Ganztagesveranstaltung zu einem abwechslungsreichen und interessanten Informationstag machten. Goalguard hat für euch die Veranstaltung begleitet und stellt euch in Kurzform den Inhalt der Vorträge vor.

Gökhan Güldag: Aufwärmung und Vorbereitung zum Spiel

Als dritter Referent des Tages war Gökhan Güldag zum Thema „Aufwärmung und Vorbereitung zum Spiel“ an der Reihe. Der Chef der Nachwuchs-Torwartausbildung beim türkischen Spitzenklub Fenerbahce Istanbul stellte zunächst sehr ausführlich das Konzept vor, nach dem die Jugendtorhüter für das Nachwuchs-Leistungszentrum ausgewählt werden. Bei dem Auswahlverfahren spielen körperliche Voraussetzungen (z.B. Größe, Sprungkraft, Schnelligkeit) sowie koordinative Fähigkeiten eine große Rolle. Entsprechende Werte werden anhand unterschiedlicher Messverfahren ermittelt.

Anschließend zeigte er mit Hilfe von Videosequenzen auf, wie die Aufwärmung der Torhüter vor dem Spiel bei der Jugendabteilung von Fenerbahce gestaltet ist. Bevorzugt werden in der Aufwärmphase viele herkömmliche Übungsformen, z.B. Schüsse (direkt, als Aufsetzer, aus unterschiedlicher Distanz) auf den Keeper. Übungsteile zur Spieleröffnung oder Mitspielaktionen fehlen völlig. Eigentlich waren im anschließenden Praxisteil auch Übungen mit der Strobobrille vorgesehen. Aber aus Zeitgründen musste Gökhan Güldag darauf verzichten. So beschränkte er sich darauf zu zeigen, wie man die Schnelligkeit und die Reflexe bei Torhütern mit interessanten Wett- und Übungsformen verbessern kann. Diese Übungen wird Goalguard.de in Kürze auf der Homepage veröffentlichen.

Ferrando: Torhüter-Kommunikation während des Spiels

Den Älteren unter uns ist sicherlich die Szene noch in Erinnerung, als Oliver Kahn nach einem Fehler seines Mitspielers Andreas Herzog diesen, von hinten kommend, am Trikot packte und mehrmals kräftig durchschüttelte. Das war zweifellos auch eine Form der Kommunikation, aber eine für den Erfolg der Mannschaft sinnvolle? Xavi Ferrando, seit 11 Jahren in La Masia, der Jugendabteilung des FC Barcelona, tätig, setzte sich in seinem Vortrag „Torhüter-Kommunikation während des Spiels“ genau mit dieser Frage auseinander. Um es vorweg zu nehmen: Kahns Verhalten wäre nicht als beispielhaft dargestellt worden!

Zunächst zeigte Ferrando aber anhand einer Grafik auf, wie die Torhüter-Ausbildung beim FC Barcelona strukturiert ist. Im Profibereich sind für das A- und B-Team sowie für die U19 drei Torwarttrainer hauptamtlich tätig, in der Jugend-Akademie La Masia von der U8 bis zur U16 vier. Das Thema von Ferrandos Vortrag war „Die Torhüter-Kommunikation während des Spiels“. Zunächst stellte er fest, dass jeder Mensch in seinem Alltag immer kommuniziert, egal, ob er etwas sagt oder nicht. So ist das auch bei einem Torhüter. Jeder Torwart kommuniziert zunächst mit sich selbst. Diese innere Kommunikation drückt sich in der Körperhaltung sowie in seinem Agieren aus. Hegt er Zweifel an seiner Leistungsfähigkeit oder hat Versagensängste, strahlt er diese Unsicherheit auch aus. Umgekehrt hat der Torhüter eine selbstbewusste Ausstrahlung, wenn er von sich überzeugt ist. Wie wichtig der Körperausdruck eines Torhüters ist, machte er in einer Zahl anschaulich. Rund 50 % der Kommunikation bei einem Keeper mache die Körpersprache aus (Gesicht, Hände, Augen, Gesten, Körperhaltung …), war Ferrandos Aussage. Ebenso wichtig ist aber auch die Kommunikation zwischen dem Torhüter und seinen Mitspielern. Oft fallen nach Ferrandos Ansicht Tore wegen fehlender Kommunikation unter den Spielern. Deshalb müsse man besonders jungen Torhütern beibringen, dass sie überhaupt reden und sie dann dazu anleiten, wie man richtig miteinander kommuniziert. Denn dieselbe Information könne sprachlich völlig unterschiedlich ausgedrückt werden. Meist bestehe ein Unterschied zwischen dem, was ein Torhüter denkt, was er sagt und was der Mitspieler versteht. Im Training müsse deshalb ständig geübt werden, dass und wie die Informationen bei Mitspielern richtig ankommen.

Um die richtige Kommunikation führen zu können, sei zunächst die Grundvoraussetzung, dass der Torhüter selber das Spiel versteht, denn nur dann könne er die richtigen Anweisungen geben. Wie richtig kommuniziert wird, vermitteln die Torwarttrainer bei Barca zunächst innerhalb der Torhüter-Gruppe, dann in einer Kleingruppe zusammen mit Feldspielern und zuletzt im Spiel mit der gesamten Mannschaft. In Spielanalysen wird ermittelt, welche Anweisungen des Torhüters notwendig sind, und anschließend entschieden, wie man die Kommunikation im Training verbessern kann. Anhand von Videoszenen aus dem Jugendbereich machte er deutlich, wie bereits sehr junge Torhüter sich mit der gesamten Mannschaft je nach Spielsituation ohne Worte mitbewegen, weil sie die jeweilige Spielsituation innerlich reflektieren. Dieses Verhalten bezeichnete er als Kommunikation mit sich selbst. Mit einer Grafik machte er deutlich, welche Gedanken im Kopf eines Torhüters vorhanden sein können. Dazu zählen Anweisungen des Trainers, das Verhalten von Mitspielern, eventuell Gedanken zum Schiedsrichter oder auch zu den Zuschauern und der Umgebung. Die jungen Torhüter müssten zuerst erkennen, dass sie mit ihren Mitspielern sprechen müssen und warum. Zunächst sei es nicht wichtig, was sie sagen, sondern allein, dass sie anfangen zu reden. Wie die Barca-Trainer die sehr jungen Torhüter zum Sprechen bringen, verdeutlichte Ferrando anhand einer Videosequenz, in der ein junger Torhüter mit verbundenen Augen von einem anderen Torhüter von Reifen zu Reifen dirigiert wurde. Wichtig war dabei neben der Führung auch die Ermunterung des „Führenden“(z.B. „Mach dir keine Gedanken …). Manchmal machen sich die TW-Trainer bei Barca auch dazu Notizen, was der Torhüter während des Spiels in verschiedenen Situationen (Stellen der Mauer, Stellen der Spieler nach Spielunterbrechung usw.) gesagt hat. Diese Äußerungen dienen als Grundlage, um zu besprechen, welche Anweisungen gelungen und welche verbessert werden müssen. Mit weiteren Tipps zeigte er auf, wie z.B. ein junger Torhüter zum lauten Sprechen ermuntert oder hinter dem Tor vom TW-Trainer sinnvoll gecoacht werden kann. Manchmal bekommen die Torhüter der Akademie aber auch selbst die Aufgabe, jüngere Torhüter zu coachen.

Im letzten Teil seines Vortrags stellte Ferrando Beispiele „nicht effektiver“ und „effektiver Kommunikation“ vor. Zur nicht effektiven Kommunikation zählte er z.B. Verhaltensweisen wie Mitspieler anbrüllen, die falsche Wortwahl verwenden, zu schnelles oder zu langsames Reden, eine falsche Körpersprache oder ununterbrochen reden. Viel besser sind für ihn andere Kommunikationsformen: Hilfen in respektvollem Ton ausdrücken, Mitspieler loben, bei der Ansprache den Namen nennen oder eindeutige Anweisungen geben. Dazu zählt er konkrete Aufforderungen wie „näher ran, berühre den Gegner“ statt allgemeiner Formulierungen wie „auf geht´s“. Nach Ferrandos Meinung sollten alle Formen der Kommunikation stets den Respekt vor dem Mitspieler zum Ausdruck bringen. Doch woher weiß ein Torhüter, was er in der jeweiligen Situation sagen soll? Dazu hat Barca einen eigenen Sprachcode innerhalb des Vereins entwickelt. Egal, wer spielt oder in welchem Barca-Team ein Torhüter spielt, alle Spieler verwenden dieselben Wörter. Zu den vier Bereichen Torverteidigung, Raumverteidigung, Verarbeitung von Rückpässen und dem Angriffsspiel zeigte er mit Hilfe verschiedener Videosequenzen aus dem Jugendbereich mit eingeblendeten Sprechblasen auf, wie die bei Barca ausgebildeten Torhüter in der jeweiligen Spielsituation mit ihren Mitspielern kommunizieren. In seiner Zusammenfassung wies Ferrando noch einmal auf die Wichtigkeit der Kommunikation hin. Zum einen helfe der Torhüter damit seinen Mitspielern, zum anderen sei sie auch für den Torhüter selbst wichtig, weil er dadurch auch bei großer Überlegenheit seiner Mannschaft aufmerksam bleibt. Außerdem behalte der Torhüter bei ständiger Kommunikation die so wichtige Körpersprache bei. Selbstverständlich müssten die kommunikativen Anforderungen dem Alter der Torhüter angepasst werden.

Im anschließenden Praxisteil zeigte Xavi Ferrando anhand von einigen interessanten Übungen, wie die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung des Torhüters sowie seine Entscheidungsfindung in 1vs1-Situationen verbessert werden können. Einige dieser Übungen werden wir in Kürze auf Goalguard veröffentlichen.

Lollichon: Die Kontrolle der Tiefe

Den Vormittag der Veranstaltung gestaltete mit Christophe Lollichon (Chelsea London) einer der Top-Torwarttrainer Europas. In seiner neunjährigen Zusammenarbeit mit Petr Cech, dem Welttorhüter von 2005, 124-maligen tschechischen Nationaltorwart und heutigen Stammtorhüter von Arsenal London sowie einigen anderen hochkarätigen Torhütern, sammelte er viel Erfahrung im Training von Torhütern. An dieser Erfahrung ließ er seine Zuhörer in seinem Vortrag anhand von Videosequenzen teilhaben.

Zunächst stellte der 54-jährige Franzose kurz seine grundsätzliche Sichtweise des modernen Torwartspiels dar. Für ihn ist der Torhüter ein weiterer Feldspieler, der zusätzlich aber noch die Hände verwenden darf. Auf dieser Ausgangsthese baut er sein Torwartspiel auf. Seine Denkweise sieht er im Torwartspiel von Welttorhüter Manuel Neuer verkörpert. Nach Lollichons Meinung war Ex-Bayern-Trainer Pep Guardiola für die sportliche Weiterentwicklung von Manuel Neuer ein Glücksfall. Bedingt durch die Spielphilosophie des Spaniers habe Neuer die neuen Impulse erhalten, die sein heutiges Torwartspiel bestimmen, nämlich nicht nur ein guter Torhüter auf der Linie zu sein, sondern als eine Art Libero den Raum hinter der hoch stehenden Abwehr abzusichern und Bälle in die Schnittstellen der Abwehr abzulaufen.

Der Titel seines Vortrags „Tactical Role oft the Goalkeeper in the Management oft the Depth“ bezog sich genau auf diese Spielsituation, die aus dem veränderten Rollenverständnis des Torhüters entstanden ist: Er muss nicht mehr nur das Tor oder den Raum innerhalb des Strafraumes verteidigen, sondern muss Bälle, die in „die Tiefe“ des Raumes gespielt werden, erahnen und klären. Mit dieser Spielweise können aus Lollichons Sicht viele Bälle vom Torhüter abgefangen werden, bevor sie zur Gefahr werden. Deshalb ist für ihn das wichtigste Wort im Torwartspiel nicht Timing, Technik, Organisation oder Aufmerksamkeit, wie es einige Teilnehmer der Veranstaltung vorgeschlagen hatten, sondern der Begriff Antizipation. Ein guter Torhüter muss für ihn Situationen richtig einschätzen können und Aktionen des Gegners kommen sehen. Besonders wichtig sei dies in Spielen gegen Gegner, die sehr tief stehen und mit schnellen Angriffsspielern auf Konter lauern. Anhand von Videosequenzen aus Spielen seines Klubs Chelsea London diskutierte er mit den Zuhörern darüber, welche Position des Torhüters in der jeweiligen Situation nach seiner Meinung richtig gewesen wäre, um die Tiefe des Raumes zu kontrollieren. Mit Hilfe von Video-Animationen zeigte er den Teilnehmern zusätzlich, wie sich die Position des Torhüters je nach Spielsituation verändert.

Dass diese Spielweise durchaus auch Risiken beinhaltet, machte er an einer Szene deutlich, in der Thibaut Courtois 2015 gegen Stoke City ein Tor aus einer Entfernung von 63 m hinnehmen musste. Ausschließlich auf die schnellen Stoke City-Stürmer konzentriert, beachtete Courtois nicht andere mögliche Gefahrenquellen, in diesem Fall Weitschüsse. Deshalb hält es Lollichon für wichtig, diesen „Doppelfokus“ zu schulen. Wichtig in seiner Arbeit ist ihm außerdem eine intensive Videoanalyse, mit deren Hilfe sich neben der Analyse des eigenen Torhüters auch das Verhalten der gegnerischen Spieler erkennen lässt. Mit Hilfe dieser Videoanalysen könne man den eigenen Torhüter besser auf die Besonderheiten bestimmter Spieler vorbereiten und somit die Antizipation für bestimmte Spielsituationen verbessern. Für ihn notwendig ist auch, dass der Cheftrainer die Philosophie, durch ein offensives Torwartspiel einen Spieler mehr auf dem Feld zu haben, gleichzeitig dafür aber ein höheres Risiko einzugehen, mitträgt.

Als weiterer Aspekt stand die Frage im Raum, wie sich Reflexe verbessern lassen. Lollichon plädierte dafür, von Jugend an so viele Sportarten als möglich in die Ausbildung der Torhüter einzubauen. Viele unterschiedliche Bewegungsabläufe verbessern nach seiner Meinung die Koordination sowie die Körperkontrolle, eine wichtige Grundlage für das Torwartspiel. Besonders hob er die Bedeutung von Gymnastik sowie den Einsatz eines Trampolins (kein Gartentrampolin!!) hervor. Mit diesem Gerät könne vor allem die Körperkontrolle des Torhüters verbessert werden, eine wichtige Voraussetzung in vielen Torwartaktionen. Außerdem sei das Trampolin auch für das Präventivtraining hervorragend geeignet.

Abschließend ging Lollichon noch ausgiebig auf die Frage ein, wie der Torhüter bei Freistößen aus dem Halbfeld und hoch stehender Abwehr positioniert sein sollte. Entscheidend sei in diesem Fall, dass es eine Absprache mit dem Cheftrainer gebe. Wenn der Trainer eine hoch stehende Abwehr bevorzuge (außerhalb des Strafraumes), solle der Torhüter nachrücken, um den Raum zwischen Tor und 16-m-Linie besser zu schützen. Er müsse seine Position also der Position der Abwehr anpassen. Wiederum machte Lollichon an verschiedenen Videosequenzen und Animationen deutlich, wo er die richtige Position des Torhüters in der jeweiligen Situation sieht. Nach diesem intensiven Theorieteil zeigte Lollichon im sich daran anschließenden Praxisteil in verschiedenen Übungen, wie der Torhüter seine Wahrnehmung und seine Entscheidungsfindung verbessern kann.