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Torwart-Workshop Tettnang

Torwart-Workshop Tettnang: Lernen von Experten

Von Artur Stopper in Kolumne von Artur Stopper

Vieles lässt sich planen, das Wetter aber nicht. Und dieses war dem Torwart-Workshop in Tettnang-Laimnau am vergangenen Wochenende nicht gut gesinnt. Eigentlich sollte mit dieser Art von Veranstaltung, die Empen für Vereine in Zusammenarbeit mit AIR-Body durchführte, ein etwas veränderter Weg als bei ähnlichen Veranstaltungen beschritten werden. Wie die Bezeichnung Workshop bereits ausdrückt, verfolgten die Veranstalter die Idee, die Teilnehmer am Samstagnachmittag mehr mit ins Geschehen einzubinden und ihnen die Möglichkeit anzubieten, verschiedene Trainingsgeräte (Strobobrille, Filippi-Schild, Schreinerschmid Wall und vieles mehr) einmal selbst oder zusammen mit ihren Torhütern auszuprobieren. Nachdem der Regen und der Wind gegen Mittag aber immer stärker wurden, musste die Veranstaltung in die Halle verlegt werden, wo die Trainingsgeräte nur noch bedingt getestet werden konnten. Auch wenn dieser Teil des ersten Bodensee-Workshops buchstäblich ins Wasser fiel, gingen die Teilnehmer trotzdem mehr als zufrieden nach Hause, weil sie von den drei Referenten Thomas Schlieck (Borussia Dortmund), Dennis Neudahm (TSG Hoffenheim) und Roland Rasch (Hannover 96) hervorragende theoretische und praktische Inhalte für ihre Trainingsarbeit in ihren Vereinen an die Hand bekommen hatten. Goalguard hat die Veranstaltung für euch begleitet und im Folgenden die wichtigsten Aussagen der Referenten zusammengefasst.

Roland Rasch: Integration von Torhüter ins Mannschaftstraining

Als dritter Referent der Veranstaltung kam am Samstagmorgen Roland Rasch zu Wort. Der 30-Jährige arbeitet in der Fußballschule von Hannover 96. Er hat sich mit dem Thema beschäftigt, wie es gelingt, Torhüter sinnvoll ins Mannschaftstraining zu integrieren.

Zunächst stellte Rasch die Situation von Torhütern dar, wie sie vor allem im Amateurbereich häufiger anzutreffen ist. Nach seiner Meinung bleiben Torhüter im normalen Mannschaftstraining häufig unberücksichtigt, wenn kein Torwarttrainer zur Verfügung steht. Daher sei ihre Netto-Trainingszeit deutlich geringer als die von Feldspielern. Außerdem seien viele bekannte Trainingsformen, bei denen Torhüter miteinbezogen werden, oft spielfern. Als typische Beispiele nannte er zwei häufig im Torschusstraining verwendete Klassiker-Übungen. Bei der ersten Übung spielt der Schütze den Ball zu einem Anspielpartner an der Strafraumlinie, der den Ball zur Seite prallen lässt. Der Zuspieler schließt dann die Aktion mit einem Torschuss ab. Eine ebenso häufig verwendete Übung sind Torschüsse bei ruhendem Ball von der Strafraumlinie aus. Rasch bemängelte an dieser Art von Übungen, dass sie ohne Gegnerdruck durchgeführt und immer aus der gleichen Perspektive für den Torhüter abgeschlossen würden. Außerdem seien diese Übungen wenig spielnah, weil die meisten Tore aus anderen Aktionen und Distanzen fallen.

Eine gute Hilfestellung, um zu erfahren, welche Torabschlussaktionen häufig im Spiel erfolgen, bieten nach seiner Meinung Statistiken. Anhand einer Grafik zeigte er auf, dass die meisten Tore mit dem Fuß erzielt werden (85 %), davon 50 % mit dem rechten und 35 % mit dem linken Fuß, während nur 15 % per Kopf erzielt werden. Acht von zehn Toren fallen außerdem innerhalb des Strafraumes, nur zwei von zehn von außerhalb. Deshalb müssten Torabschlussaktionen aufgrund dieser Erkenntnisse vor allem in den Strafraum verlegt werden. Damit die im Training durchgeführten Torabschlussaktionen als Vorbereitung auf das Spiel sinnvoll sind, stellte Rasch einige Forderungen auf. Die Spieler müssten mit spielnahen Situationen konfrontiert werden, weil sie nur so lernen, Spielsituationen bzw. Spieleröffnungen richtig einzuschätzen. Die erlernten Techniken müssten zudem unter Gegner- und Zeitdruck angewendet werden, nur so würden Feldspieler als auch Torhüter sinnvoll auf das Spiel vorbereitet werden. Besonders effektiv sei es, wenn diese Trainingsformen, vor allem bei Kindern, in Wettkämpfe verpackt würden.

Da „Die Wahrheit auf dem Platz liegt“, zeigte er im anschließenden Praxisteil anhand mehrerer Übungen, wie die genannten Punkte spielgerecht in Übungsformen verpackt und durchgeführt werden können. Goalguard wird euch in Kürze einige seiner Übungen vorstellen.

Dennis Neudahm: Schritttechniken und Beinarbeit in der Torverteidigung

Der zweite Referent am Freitagnachmittag war Dennis Neudahm, U17-Torwarttrainer bei der TSG Hoffenheim. Der 30–jährige ist neben dieser Tätigkeit zudem als Koordinator für das Torhüter-Scouting der Kraichgauer und speziell für die Sichtung von talentierten Torhütern im Nahraum zuständig. Dieser Arbeitsbereich gewinnt zunehmend an Bedeutung, weil die Hoffenheimer Verantwortlichen zukünftig verstärkt junge Torhüter aus der Region im eigenen Verein entwickeln wollen, anstatt sie von anderen Vereinen zu holen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind bei den Badenern drei hauptberufliche Torwarttrainer und ein Scout sowie vier Honorar-Torwarttrainer beschäftigt.

Zu Beginn seines Vortrag „Schritttechniken und Beinarbeit in der Torverteidigung“ wurde anhand von zwei Grafiken von Hoffenheims Keeper Oliver Baumann veranschaulicht, welches Anforderungsprofil die Nummer eins der Kraichgauer in der Saison 2016/17 zu erfüllen hatte. In 36 Saisonspielen musste Baumann insgesamt 2542 Aktionen bewältigen. Das sind im Durchschnitt 70 Aktionen pro Spiel. 78,80 % all seiner Aktionen gehörten zum Bereich Spieleröffnung, 12,20 % waren dem Bereich Raumverteidigung und 9 % der Torverteidigung zuzuordnen. In der zweiten Grafik war ausgewertet, in welchem der drei Bereiche Baumann Gegentore hinnehmen musste. Keine Gegentore resultierten aus den Rubriken Spieleröffnung und Raumverteidigung. Alle 39 Gegentore der vergangenen Saison musste Baumann im Bereich Torverteidigung hinnehmen. Besonders viele Gegentore passierten aus der Nahdistanz bzw. 1:1-Situationen (69,30 %), also aus einer kurzen Distanz. Bei nur 25,60 % aller Tore war ein Abdruck des Torhüters gefordert, 5,10 % lagen im Bereich der Grundtechniken.

Anschließend stellte Neudahm eine vereinsinterne Studie zur EM 2012 vor, die zum Ergebnis kam, dass von den 96 Gegentoren im Turnierverlauf 18 % auf fehlerhaftes Verhalten des Torhüters zurückzuführen waren. Wie die Untersuchung zeigte, konnten 10 % der Gegentore dem Torhüter direkt zuordnen werden, bei 8 % war er mit beteiligt. Untersuchungsaspekte in der Studie waren das Stellungsspiel, die Grundposition (im Gleichgewicht, im Laufen, zu hoch / zu tief ..), die Entscheidung (Reaktion, Tauchen, Block …), die Organisation (Mauer, Eckball ..) und die Technik. Die Autoren kamen außerdem zu dem Ergebnis, dass hauptsächlich taktische Fehler des Torhüters die Ursachen für die Gegentore waren, technische Fehler hingegen eher selten. Anhand eines 7-minütigen Videos mit Spielszenen des Hoffenheimer Stammtorwarts Oliver Baumann stellte Neudahm dann einige Ausbildungsprinzipien der Hoffenheimer Torhüterphilosophie heraus. Als besonders wichtige Prinzipien nannte er eine gute Spieleröffnung und das permanente Schaffen einer zusätzlichen Anspielstation, eine sehr offensive Ausrichtung in der Raumverteidigung und den Grundsatz, möglichst lange und neutral stehen zu bleiben – zusammengefasst: bewusst zu spielen.

Ähnlich wie bei Borussia Dortmund wird auch in Hoffenheim der Trainingsalltag mit einer speziell dafür ausgerichteten Software genau dokumentiert. Alle Aspekte des Torwarttrainings sind dabei den Oberbegriffen Technik, Taktik, Athletik und Psyche zugeordnet. Die Trainingsinhalte werden tagtäglich mit dieser Software in den genannten Bereichen festgehalten, so dass für alle Beteiligten stets abrufbar ist, in welchen Bereichen mit den Torhütern gearbeitet wurde. Außerdem werden die genaueren Trainingsinhalte, z.B. Spieleröffnung, Grundtechniken, 1vs1, Abdruck, Raumverteidigung usw. in das Software-Programm eingetragen. So lässt sich jederzeit überprüfen, in welchen Schwerpunkten bei der Trainingsarbeit mit welchen Anteilen gearbeitet wurde.

Zum Schluss seiner Präsentation gab Neudahm noch Einblicke in die wöchentliche Trainingsarbeit mit den Torhütern. Er stellte dar, an welchen Tagen in der Regel welche Schwerpunkte im Training durchgeführt werden. Außerdem erklärte er, wie eine typische Trainingseinheit in Hoffenheim aufgebaut ist. Nach der Aufwärmung werden zunächst in der Hinführung Grundtechniken geschult oder gefestigt. Daran schließt sich der Hauptteil an, der unterschiedliche Schwerpunkte (Abdruck, 1vs1, Raumverteidigung) zum Thema haben kann. Der daran anschließende Teil des Trainings wird in Hoffenheim Spielphasenform genannt. Dieser Schwerpunkt entspricht dem Komplextraining bei Borussia Dortmund, in dem möglichst spielnah trainiert wird, d.h. immer mit einem zumindest leichten taktischen Aspekt. Am Ende der Trainingseinheit stehen immer Spielformen mit der gesamten Mannschaft. Die anschließende Regeneration findet individuell statt, d.h. jeder Spieler ist für seine Erholungsphasen selbst verantwortlich, er wird dabei nicht überwacht.

Sehr interessant war auch der Praxisteil am Samstagmorgen. Dennis Neudahm führte mit anschaulichen Übungen vor, wie der Torhüter durch entsprechende Schritttechniken (Zwischenschritt in verschiedenen Variationen, Kreuzschritt) möglichst schnell in die Grundstellung kommt und welche Schritttechnik in welcher Situation am besten angewendet wird. Die Wahl der jeweiligen Lauftechnik ist vor allem abhängig von der zu überwindenden Distanz. Im zweiten Teil seiner praktischen Ausführungen zeigte Neudahm mit Hilfe verschiedener Übungen, wie der Torhüter aus der Grundstellung heraus bestimmte Schritttechniken einsetzt, um in Kombination mit der richtigen Torverteidigungstechnik einen Torerfolg des Gegners zu verhindern.

Thomas Schlieck: Die Raumverteidigung

Der erste Referent des Workshops war Thomas Schlieck, Torwart-Koordinator bei mehrmaligen deutschen Meister Borussia Dortmund. Bereits im dritten Jahr arbeitet er nun bei den Schwarz-Gelben, nachdem er zuvor diese Position bei RB Leipzig und Schalke 04 bekleidet hatte. Zu Beginn seiner Präsentation stellte Schlieck die Struktur des Torwartbereichs bei Borussia Dortmund dar. Neben Teddy de Beer und Matthias Kleinsteiber im Profibereich sind weitere vier Torwarttrainer im Jugendbereich hauptberuflich beim BVB beschäftigt. Zusätzlich wird das Team unterstützt durch einen Athletiktrainer, einen Sportpsychologen, Physiotherapeuten, einen Pädagogen und durch Videoanalyse.

Anschließend zeigte Schlieck auf, welche Leitlinien das Torwarttraining des BVB bestimmen. Grundsätzlich wird in Offensiv- und Defensivspiel unterschieden. Diese beiden Oberbegriffe sind dann weiter unterteilt: In der Defensive in Tor- und Raumverteidigung sowie in der Offensive in Aktionen mit dem Fuß bzw. mit der Hand. Diesen genannten Unterbegriffen sind alle möglichen Torhüteraktionen zugeordnet. Im nächsten Schritt ging der 47-Jährige auf die Grundsätze ein, die sowohl bei der Tor- also auch Raumverteidigung in der Torhüter-Ausbildung beim BVB festgelegt sind. Er nannte unter anderem als Prinzipien „Torverteidigung geht vor Raumverteidigung“ und „Antizipieren statt Spekulieren“. Orientierung für die BVB-Torwarttrainer sind außerdem die sieben Prinzipien des Torwartspiels, die Hans Leitert in seinem Buch aufgestellt hat, sowie die gemeinsamen Richtlinien, wie sich die Torhüter im Raum verhalten sollen, um die optimale Ausgangsposition für klare Entscheidungen zu finden. Auch für das Offensivspiel gelten bestimmte Grundsätze. Hierzu gehören z.B. die Forderungen, die optimale Position zur Kette einzunehmen, immer anspielbar zu sein, zuerst den Blick in die Tiefe zu suchen oder die ständige Vororientierung.

Einen großen Stellenwert nimmt im Torwartbereich der Borussia die Videoanalyse ein. Um das Verhalten der einzelnen Torhüter analysieren und einheitlich bewerten zu können, wurden Kriterien erarbeitet, nach denen die Torhüter bewertet werden. Bei der Torverteidigung sind dies die Prinzipien optimale Position und Distanz, Stehen im Gleichgewicht, richtiger Auftakt, Fangfehler, Mut, Fokus, Entscheidung in der Raumverteidigung und Andere. Manche Gesichtspunkte, wie z.B. optimale Position und Distanz sowie die Entscheidung, sind auch Beobachtungspunkte bei der Raumverteidigung. Als weitere Aspekte kommen Entschlossenheit sowie Fangen und Fausten unter Druck hinzu. Anhand dieser Bewertungskriterien kann mit Hilfe einer standardisierten Vorlage aus möglichst objektiven Fakten ein Profil jedes Torhüters erstellt werden, aus dem ersichtlich wird, wo seine Stärken beziehungsweise Schwächen liegen. Diese Daten sind wichtig für die weitere Trainingsteuerung. Außerdem bilden sie eine gute Grundlage für Gespräche zwischen Spielern und Trainern, weil mit den Daten das Leistungsvermögen und damit auch die Selbsteinschätzung des Torhüters objektiviert werden können. Zur Trainingssteuerung arbeitet das Torwart-Trainerteam zusätzlich mit einem online-Kalender, in den alle Torwarttrainer die Trainingsschwerpunkte prozentual eintragen, an denen sie im Training gearbeitet haben. Ein Programm rechnet dann aus, wieviel Prozent der Trainingszeit in den einzelnen Bereichen trainiert wurde. Mit Hilfe der Auswertungsergebnisse kann man erkennen, in welchen Bereichen möglicherweise Nachholbedarf besteht oder überproportional viel gearbeitet wird. Thomas Schlieck legt dann als Torwart-Koordinator fest, in welchen Trainingsschwerpunkten kurz-, mittel- oder langfristig gearbeitet werden soll.

Anhand zweier Spielanalysebogen zu Roman Bürki aus der Saison 2014/15 (noch beim SC Freiburg) und der Saison 2015/16 stellte Schlieck gegenüber, wie mit den standardisierten Vorlagen die Aktionen erfasst und die Fehler Rubriken zugeordnet werden können. Im Vergleich der Ergebnisse der beiden Analysebogen machte er deutlich, in welchen Bereichen bei Roman Bürki eine Entwicklung stattgefunden hatte und wo er zum damaligen Zeitpunkt noch Schwächen hatte.

Zum Schluss gab Thomas Schlieck noch anhand von Videosequenzen Einblicke in die Trainingsarbeit beim BVB. Besonders wichtig sind für ihn im Trainingsalltag Komplexübungen, also die Verbindung von Torverteidigung und Spieleröffnung, sowie Übungen, bei denen Torhüter Entscheidungen treffen müssen. Allerdings machte er deutlich, dass sie die jeweiligen Spielsituationen nur dann erfolgreich bewältigen können, wenn ihnen zuvor Lösungsstrategien vermittelt wurden, mit denen sie die Situationen richtig lösen können. Mit verschiedenen Videosequenzen aus der BVB-Trainingsarbeit machte er anschaulich, wie die Komplexübungen und Übungen zur Entscheidungsfindung in Dortmund gestaltet sind. Im praktischen Teil am nächsten Tag zeigte er bei weiteren Übungen durch Korrekturen, wie der Torhüter bei der Raum- und Torverteidigung seine Position immer wieder neu der Position und dem Verhalten des Schützen anpassen muss, um beim Torabschluss richtig zu stehen. Einige dieser Übungen erscheinen demnächst auf Goalguard.