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Analyse

Analyse: So spielt Kevin Trapp

Von Artur Stopper in Kolumne von Artur Stopper

Es war eine der größten Aufholjagden der Fußball-Geschichte. Nach einem 4:0-Sieg im Hinspiel des Viertelfinal-Champions-League-Spiel zwischen Paris St. Germain und dem FC Barcelona schien der Einzug für die Franzosen so gut wie sicher zu sein. In einem großartigen Spiel ließen sie den Katalanen nicht den Hauch einer Chance. Doch in einem unfassbaren Rückspiel schaffte der spanische Weltklub in Barcelona das Wunder: Nach der 0:4-Niederlage widerlegten die Katalanen alle Kritiker und zogen durch einen 6:1-Sieg in der Nachspielzeit noch ins Viertelfinale ein. PSG erlitt die wohl bitterste Niederlage der Champions-League-Geschichte. Mittendrin in der vielleicht größten Aufholjagd der Fußball-Geschichte standen zwei der besten Keeper, die Deutschland im Moment zu bieten hat: Kevin Trapp (PSG) und Marc-André ter Stegen (FC Barcelona). Nachdem wir im Hinspiel Marc-Andre ter Stegen unter die Lupe genommen hatten, konzentrierten wir uns dieses Mal auf die Spielweise von Kevin Trapp.

Der Ballbesitz von 70,7% für Barca zeigt bereits die Überlegung der Katalanen. Deshalb stand Kevin Trapp weitaus häufiger im Blickpunkt des Geschehens als sein Gegenüber. Ganz frei von Schuld bei den Gegentoren kann man den Ex-Frankfurter nicht sprechen. Zumindest an zwei seiner insgesamt sechs Gegentore war Trapp nicht ganz unbeteiligt. Beim ersten Tor von Suárez verharrte Trapp zu lange auf der Torlinie, weil er annahm, dass sein Mitspieler die Aktion klären würde. Ein beherzteres Eingreifen Trapps hätte das Tor möglicherweise verhindert. So köpfte Suarez den Ball über den zögerlichen Trapp hinweg über die Linie. Und auch beim sicherlich hervorragend platzierten Freistoßtor von Neymar zum zwischenzeitlichen 4:1 (88.) bewegte sich der frühere Frankfurter erst gar nicht zum Ball. Er schien vom Einschlag des Balles förmlich überrascht. Möglicherweise hatte er die Flugbahn des Balles falsch wahrgenommen.

Anteile der verschiedenen Torwartbereiche

Bei der Betrachtung der verschiedenen Torwartbereiche fällt auf, dass die Gesamtaktionen Trapps ein Spiegelbild der Partie waren. Mit 28 % ist der Anteil an Abwehraktionen relativ hoch. Überdurchschnittlich hoch ist auch die Anzahl der Spieleröffnungen. Beide Zahlen lassen sich mit der großen Überlegenheit der Katalanen erklären, durch die die Barca-Spieler zu vielen Abschlussaktionen kamen. Die Folge davon war, dass Kevin Trapp sehr oft das Spiel wieder eröffnen musste. Mit 57 % an allen Gesamtaktionen ist dieser Wert deshalb ungewöhnlich hoch. Relativ niedrig ist hingegen mit nur 15 % die Anzahl der Mitspielaktionen. Im Hinspiel in Paris hatte dieser Anteil noch bei 54 % gelegen.

Abwehrende Aktionen

Mit insgesamt 13 Abwehraktionen hatte Kevin Trapp, gemessen am Spielverlauf, keinen ungewöhnlich hohen Wert bei Abwehraktionen. Neunmal musste er Bälle abwehren oder aufnehmen (Zielverteidigung), je zweimal Flanken abfangen und fausten. Einige Male schossen die Barca-Spieler gefährlich aufs Tor, verfehlten aber meist knapp ihr Ziel. So musste Trapp nur selten sein Können bei der Abwehr von Bällen zeigen.

Mitspielende Aktionen

Wie bereits betont, war der Anteil Trapps an mitspielenden Aktionen in diesem Spiel relativ gering (15 %). Im Hinspiel in Paris hatte dieser Anteil noch bei 54 % gelegen. Das lag vor allem am Matchplan der Katalanen. Während das PSG-Team im Hinspiel in Paris die Partie völlig offen gestalten konnte und deshalb die PSG-Abwehr meist hoch stand, also weit aufgerückt war, konnte Trapp immer wieder als sichere Anspielstation gesucht werden. Beim Spiel in Barcelona hatten die Barca-Verantwortlichen die Lehren aus dem Hinspiel gezogen und eine andere Taktik ausgegeben. Die Barca-Spieler setzten in diesem Spiel ihre Gegenspieler bei deren Ballbesitz sofort extrem unter Druck. Durch dieses ständige Pressing konnten sich die Franzosen kaum aus ihrer Spielhälfte befreien und verloren die kaum eroberten Bälle meist sofort wieder an die Spanier. Weil der Abwehrverband der Franzosen deshalb weit in die eigene Hälfte zurückgedrängt war, konnte Trapp nur selten so angespielt werden, dass er nicht sofort von den gegnerischen Stürmern unter Druck gesucht werden konnte. So lässt sich die relativ geringe Anzahl an Mitspielaktionen (nur 7) also mit dem taktischen Verhalten von Barca erklären.

Nimmt man genauer unter die Lupe, wie Trapp die Rückpässe verarbeitete, stellt man fest, dass Trapp nur bei einer einzigen langen Spieleröffnung den Ball mehrfach berührte, bevor er ihn nach vorne schlug. Ansonsten musste er jeden Rückpass direkt entweder kurz oder lang verarbeiten. Auch diese Statistik zeigt, dass Trapp durch das extreme Pressing des Gegners nur selten die Zeit hatte, das Spiel ruhig und kontrolliert zu eröffnen.

Spieleröffnung

Wie die Grafik 1 bereits zeigte, war dieser Teilbereich des Torwartspiels bei Kevin Trapp in diesem Spiel mit 57 % besonders ausgeprägt. Interessant ist, welche Form der Spieleröffnung Trapp besonders häufig wählte. Normalerweise versucht der Deutsche in der Regel, das Spiel mit einem kurzen Zuspiel zu einem Mitspieler zu eröffnen. Wie die folgende Grafik zeigt, konnte er seine ansonsten bevorzugte Spieleröffnung dieses Mal nicht umsetzen.

Die Grafik verdeutlicht, dass Trapp zu 41 % den langen Bodenabschlag zur Spieleröffnung einsetzte. Nimmt man den Handabschlag hinzu, eröffnete Trapp das Spiel häufiger lang als kurz (56 %). Anfangs versuchte er die kurze Spieleröffnung, aber nachdem er erkennen musste, wie extrem seine Mitspieler bei Ballbesitz von gegnerischen Spielern gepresst wurden und kaum den Ball in den eigenen Reihen für einen kontrollierten Spielaufbau halten konnten, stellte er sein Spiel um und schlug die Bälle möglichst weit weg aus dem Gefahrenbereich seines Tores. Immerhin landete ca. die Hälfte der langen Bälle bei den Mitspielern. Dies ist für die lange Spieleröffnung ein relativ hoher Wert und zeigt, wie zielgenau Trapp Bälle spielen kann. Meist wählte er als Zielzonen die Außenbereiche des Spielfeldes auf Höhe der Mittellinie.

Fazit

Die Untersuchung des Torwartspiels von Kevin Trapp bringt zum Ausdruck, dass ein Torhüter seine Spielweise den Gegebenheiten des Spiels anpassen und gegebenenfalls auch auf die taktische Ausrichtung des Gegners im Spiel reagieren muss. Dies zeigte sich bei Trapp vor allem in der Wahl der Spieleröffnung, aber auch im Umgang mit Rückpässen.