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Torwarttypisch

Torwarttypisch: Mentalität schlägt Qualität

Von Thorsten Albustin in Kolumne von Thorsten Albustin

Als alter Bayern München Fan kann ich mich auch heute noch an ein ganz besonderes DFB-Pokalspiel in den 90er Jahren erinnern. Der große FCB gab sich im vermeintlich kleinen Weinheim die Ehre und scheiterte mit 0:1 am Underdock. Der mit Amateurfußballern versehende FC Weinheim kämpfte Deutschlands Elite-Fußballer nieder. Im Tor der Bayern der unvergessliche, charismatische Raimond Aumann, der beim Spiel entscheidenden Elfmeter chancenlos verladen wurde. Eine Pokalsensation, wie sie im Buche steht! Mentalität schlug an diesem Nachmittag Qualität und bewies, wie einflussreich der Wille und die Motivation „Alles geben zu wollen!“ im Fußball sind. Eine Eigenschaft, die besonders für das Torwartspiel unverzichtbar ist!

Die Mentalität, nein, besser die torwarttypische Mentalität ist mit der entscheidendste Faktor einer verheißungsvollen, „lebendigen“ Torhüterlaufbahn. Ganz gleich in welcher Liga! Denn auch im Amateurfußball sorgt eine torwarttypische Mentalität für den besonderen Glanz im Strafraum, für eine gewinnbringende Siegerautorität. Sie bringt den Strafraum zum Glühen, baut die Barrieren einer Unüberwindbarkeit auf! Torhüter müssen verrückt sein? Nicht unbedingt! Wobei ein wenig davon niemals schaden kann. Vielmehr sogar tatsächlich sein muss!

Ex-Bayern-Torhüter Raimond Aumann auf Besuch bei einem FC Bayern Fanclub.

Mit welchen Schlagbegriffen lässt sich eine torwarttypische Mentalität treffend beschreiben? Wie wäre es damit: Ehrgeizig, mutig, fleißig, selbstbewusst, laut- und nervenstark, und, und, und. Die Betonung „extrem“ darf ruhigem Wissen vor jeden dieser Positionsmarker hinzugefügt werden. Der echte Keeper muss viele dieser Attribute in sich tragen, um dem Wettkampf seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken. Einen gewinnbringenden Ruf zu erlangen, der die eigenen Spielern stärkt, und den gegnerischen Protagonisten Furcht und Zittern beibringt. Die dazu benötigte Mentalität ist für ein erfolgreiches Torwartspiel unverzichtbar und mit der wichtigste Leistungsbote einer spielgerechten Entwicklung. Gute Keeper sind meist sehr spezielle Typen mit Ecken und Kanten, die sich nicht nur rein äußerlich, sondern vor allem durch ihre Art und Weise vom Groh abheben. Die allein durch ihre Mentalität Besonderes erreichen können, sich wesentlich schneller verbessern und den technisch talentierteren, aber zu „normal“ gebliebenen Konkurrenten locker den Rang ablaufen. Schauen wir uns dazu ein paar Beispiele an, die meiner Meinung Substanz verleihen.

Oliver Kahn beim Krafttraining in Donaueschingen im Juli 2007.Ich selbst kann aus Erfahrung sprechen und hatte den Vorteil eine gewinnbringende Torhüter Mentalität am eigenen Leib erfahren zu dürfen. Zu meiner Jugendzeit trainierte ich durchweg auf Asche und musste mich ohne Torwarttraining durchschlagen. Mein sportlicher Einstieg in den Herren-Fußball trug damals den Namen Kreisliga A, und wurde Jahre später durch meinen unermüdlichen Einsatz und Ehrgeiz mit 3 Bundesligaspielen belohnt. Aber auch die uns allen bekannte Torhüterprominenz durfte sich auf Grund herausragender mentaler Eigenschaften an einem einzigartigen Werdegang erfreuen. Nehmen wir das Beispiel Oliver Kahn. Er spielte in seiner Jugendzeit in keiner DFB Auswahl und wurde letztendlich zum Besten seiner Zeit. Sein unbändiger Wille sich stetig verbessern und gewinnen zu wollen war dazu sicherlich unabdinglich. Und zeichnete ihn auch auf seinem Karriere Zenit, mittlerweile millionenschwer, bis zur letzten Spielminute seiner Sportlerkarriere aus! Der gehaltene Ball, nicht der EURO, schien seine Ambition, seine ganz persönliche Befriedigung gewesen zu sein. Vorbildlich!

Manuel Neuer im Trikot des FC Schalke 01 im Januar 2010.Manuel Neuer war in seinem ersten U19 Jahr auf Schalke nicht die unumstrittene Nr. 1 und hat als heutiger Welttorhüter das Torwartspiel mit seiner offensiven Spielweise letztendlich revolutioniert. Seine unerschütterliche Ruhe und Gelassenheit waren schon in jungen Jahren seine Erfolgsgaranten und wurden im Profifußball zu weiteren, aber wegweisenden Trümpfen. Zwei Extrembeispiele? Ohne Frage! Beispiele, die aber für jeden Keeper, ganz gleich auf welcher Spielebene, gelten sollten. Der besondere Einsatz einer Charakterstärke wird die Spreu vom Weizen trennen. Das steht fest! Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass diese alles, oder auch gar nichts möglich macht. Denn Talent und eine dazugehörige, gute Ausbildung sind allenfalls Eintrittskarten, die ohne das „mentale Zubrot“ als uneingelöst verfallen werden.

Ich habe viele Keeper in meinen Jahren als Torwarttrainer kennen gelernt und ich weiß wovon ich spreche. Ich hatte es, gerade im Leistungsbereich, mit durchweg hochtalentierten Torhütern zu tun, von denen aber zu viele das gewisse Etwas haben vermissen lassen. Die das unverzichtbare Herz, im Unbequemen bestehen zu können nicht hatten und ihrem mehr als guten Torwartpotential keine spezielle Note verleihen konnten. Gerade deshalb, weil die Ecken und Kanten, das besondere I-Tüpfelchen einfach fehlten. Die zumindest eine herausragende mentale Eigenschaft nicht zu erkennen war und sie dadurch ihr durchaus überdurchschnittliches Können im Wettkampf nicht ausreizen, vor allem aber nicht konstant abrufen konnten. Verdammt schade, denn die antrainierten und technischen Fähigkeiten, das Optimale erreichen zu können waren definitiv vorhanden und standen im Stress, unter Druck, dennoch zu oft nicht parat.

Eine torwarttypische Mentalität mit zumindest 2-3 mentalen Leistungsspitzen füllt den eigenen 16-Meter-Raum mit Leben aus, die auch dem ahnungslosesten Beobachter nicht verborgen bleibt. Das positiv „bekloppte Leistungsindiz“ eines Keepers ist auch heute, nach wie vor ein unverzichtbarer Karrieregarant! Unterscheidet den echten Keeper nicht durch seinen Torhüterdress vom Rest, sondern in erster Linie durch seine Art und Weise, seinen Typus. Die Liga, und da wiederhole ich mich gerne, spielt dabei keine Rolle! Denn Talent und Ausbildungshilfe sind nun einmal unterschiedlich vergeben. Da hat der liebe Gott seine Finger im Spiel! Jeder Torhüter muss sich mit seiner Startposition arrangieren, um diese dann auszubauen. Dennoch kann der auf unterem Amateurniveau spielende Senioren-Keeper mehr torwarttypische Echtheit verbreiten als der mit viel Talent ausgestattete Leistung-Keeper, der als Figur, am Spieltag aber kaum wahrgenommen wird! Und sein Potential auf Grund fehlender Mentalitäts-Gene niemals ausschöpfen wird!

Andreas Lengsfeld (Torwart des SSV Jahn Regensburg) diskutiert mit Gerrit Müller vom SF Siegen über den geforderten Elfmeter.

In meiner neuen Rolle als Cheftrainer eines Bezirksligisten (RWS Lohberg) erlebte ich zuletzt einen dieser echten Keeper. Ein super Moment! Ja, in der Amateurbezirksliga, leider auf der gegnerischen Seite! „Du kotzt mich an!“, faltete er in Halbzeit Zwei einen seiner leicht indisponierten Mitspieler zusammen und puschte sich durch seine positive Aggressivität von einer Glanztat zur Nächsten! Meinem Co-Trainer und mir gingen trotz Rückstand unserer Mannschaft das Herz auf und wir konnten uns ein wohltuendes Schmunzeln nicht verkneifen. Nein, für mich war es vielmehr ein Genuss mitanzusehen, wie sehr dieser Junge seine Spielposition lebte! Ein wenig erinnerte er mich auch den jungen Keeper, der ich einst einmal war! Ein phantastischer Moment, der unserer konstruierten, kommerziellen, auf Funktion gedrillten Scheinwelt die kalte Schulter zeigte! Rums!

Ja, echte Keeper leben von dieser authentischen Ausdrucksstärke und sind gerade deswegen die wahren Erfolgsgaranten ihrer Mannschaft. Doch lassen die auf Produktivität ausgerichteten Leistungszentren die Entwicklung eines mit Ecken und Kanten behafteten Typen überhaupt noch zu? Typen, die auch außerhalb des Platzes mal unangenehm „Bellen“ wollen, weil sie das einfach mal brauchen? Dafür, oder auch gerade deshalb, in den brisanten Situationen eines Spieles aber die Kastanien aus dem Feuer holen. Auf Grund ihrer Eigenständigkeit, wegen ihrer vom Herzen her gesteuerten Egozentrik! Die Antwort darauf geben Sie sich im Zeitalter der „flachen Hierarchien“ (Ist der Fußball denn wirklich schon so politisch geworden?) bitte selbst.

Für mich steht hingegen fest. Mentalität schlägt Qualität! Nicht nur in Weinheim, sondern auch im Fußballtor. Natürlich nicht immer. Das ist auch klar. Treffen im Idealfall aber beide Qualitäten aufeinander, wird dieses Paket die Tore zu einer lukrativen Laufbahn definitiv öffnen und den Strafraum nicht als trostlosen Beichstand verkümmern lassen. Profitieren werden davon mit Sicherheit alle. Der von Sieg zu Sieg hechtende Keeper, der fordernde Verein und der Zuschauer, dem die Echtheit einer torwarttypischen Nr. 1 nicht mehr los lassen wird. Sympathie entsteht durch Echtheit … Und das ist auch gut so!

Euer,
Thorsten Albustin