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Vorrunde 2017/18

Vorrunde 2017/18: Drei Torhüter im Blickpunkt

Von Artur Stopper in Kolumne von Artur Stopper

Es ist wieder die Zeit, in der verschiedene Medien Leser, User oder Hörer dazu auffordern, darüber abstimmen, wer im bisherigen Saisonverlauf oder am Jahresende in der jeweiligen Sparte der Beste war. Natürlich gibt es diese Aufforderung zur Abstimmung auch im Fußballsport und speziell im Torwartbereich. Aus einer Rangliste, die aus dem Abstimmungsergebnis der Leserschaft entstanden ist, lässt sich dann scheinbar objektiv ablesen, welcher Torhüter besonders gute oder weniger gute Leistungen erbracht hat. Manchmal gibt es für die Sieger sogar noch eine Auszeichnung in Form eines Pokals oder, wie man heute sagt, eines Awards. Das Problem dabei: Menschen stimmen über Leistungen ab, die sie oft gar nicht objektiv beurteilen können, weil sie meistens ihre Bewertung nur aus den Berichten der Reporter oder Journalisten entnommen haben oder oft sogar nur nach Sympathie oder Antipathie ihre Stimme abgeben. Trotzdem bleiben die Ergebnisse in den Köpfen der Interessierten hängen. Goalguard verzichtet deshalb bewusst auf solche Bewertungen ohne sachliche Grundlage und vergleichbare Kriterien. Unerwähnt lassen wollen wir aber trotzdem nicht außergewöhnliche Leistungen einzelner Torhüter im bisherigen Saisonverlauf. Wir haben uns für drei Torhüter entschieden, die wir besonders würdigen möchten.

Peter Gulacsi (RB Leipzig)

Eine ausgezeichnete Saison spielt bisher Ungarns Nationaltorhüter Peter Gulacsi bei seinem Klub RB Leipzig. Seit 2015 steht er bei den Sachsen unter Vertrag. Nachdem er in der ersten Saison lange hinter Fabio Coltorti auf der Bank Platz nehmen musste, profitierte er von einer Verletzung des Konkurrenten und ist nun seit knapp zwei Jahren Stammkeeper. Am Anfang seiner Einsätze wurde er vom Leipziger Anhang durchaus kritisch beäugt, weil der Ungar eine wenig spektakuläre Spielweise bevorzugt. In dieser Saison hat er sich aber die Zuneigung der Fans endgültig erarbeitet und sich inzwischen zum Publikumsliebling entwickelt. Mit seinen großartigen Leistungen hat er sich zugleich die Anerkennung innerhalb der Mannschaft erworben. Im Sommer wurde er von seinen Mitspielern in den fünfköpfigen Mannschaftsrat gewählt. Und auch die Anerkennung der Fachwelt ist ihm inzwischen gewiss. Für das Fachblatt Kicker ist er nach der Vorrunde der laufenden Bundesliga-Saison notenbester Torwart.

Eine ausgezeichnete Saison spielt bisher Ungarns Nationaltorhüter Peter Gulacsi bei seinem Klub RB Leipzig.

Offenbar blieben seine Leistungen auch auf der Insel nicht verborgen. Der FC Arsenal und FC Chelsea London sollen den Ungarn beobachten. Um Begehrlichkeiten der reichen englischen Vereine erst gar nicht aufkommen zu lassen, haben die Verantwortlichen bei RB Leipzig den Vertrag mit dem 27-jährigen Schlussmann vorzeitig um zwei weitere Jahre bis 2022 verlängert. „Peter ist seit unserem Aufstieg in die Bundesliga unsere Nummer eins und hat sich stetig weiterentwickelt", sagte RB-Sportdirektor Ralf Rangnick: „Er strahlt Ruhe aus, gibt der Mannschaft viel Stabilität und ist ein großer Rückhalt."

Das Geheimnis seiner Leistungssteigerung sieht Gulacsi in seiner täglichen Arbeit mit Torwarttrainer Frederik Gößling. Es gebe in einem Spiel lediglich sechs, sieben Situationen, in denen ein Torhüter wirklich eingreifen müsse, sagte Gulacsi einmal. „Aber es gibt etwa 50 bis 100 Situationen, in denen man eine Entscheidung treffen muss, ob man herauslaufen oder wegbleiben muss. Diese situativen Entscheidungen üben wir sehr intensiv.”

Jiri Pavlenka (Werder Bremen)

Nicht weniger kritisch wurde der Tscheche Jiri Pavlenka vom Bremer Anhang empfangen. Die Bremer Verantwortlichen hatten sich vor der Saison für ihn und gegen Felix Wiedwald entschieden, obwohl dieser zum Ende der Saison mit großartigen Leistungen dazu beigetragen hatte, dass die Bremer den Abstieg verhindern konnten. Das Vertrauen der Verantwortlichen an der Weser in die Leistungsfähigkeit Wiedwalds reichte offensichtlich aber nicht aus, ihn weiter an die Hanseaten binden zu wollen. Immerhin war Wiedwald in den Monaten zuvor wegen einigen Patzern immer wieder umstritten. Als gebürtiger Bremer wurde er aber zum Schluss der Saison vom Publikum geliebt, da er die Verbundenheit mit seinem Verein wie kein Zweiter ausdrückte. Weil sein Vertrag nicht verlängert wurde, wechselte Wiedwald in der Sommerpause auf die Insel zum Zweitligisten Leeds United. Sein Nachfolger zwischen den Pfosten des Werder-Tores wurde Jiri Pavlenka, dessen Name den meisten Fans bis dahin unbekannt war und daher für den Bremer Anhang eine Art Wundertüte war.

Die Verpflichtung des 25-Jährigen Tschechen sorgte zunächst  für viel Skepsis und auch internes Rumoren bei Werder. Anfängliche Unsicherheiten trugen nicht dazu bei, das Vertrauen in den neuen Keeper steigen zu lassen.

Die Verpflichtung des 25-Jährigen Tschechen sorgte zunächst für viel Skepsis und auch internes Rumoren bei Werder. Anfängliche Unsicherheiten trugen nicht dazu bei, das Vertrauen in den neuen Keeper steigen zu lassen. Aber mit zunehmender Dauer sammelte Pavlenka mehr und mehr Punkte in der öffentlichen Wahrnehmung. Mit gestiegenem Selbstbewusstsein erklomm er eine Stufe nach der anderen auf der Leiter der öffentlichen Anerkennung und entwickelte sich zum großen Rückhalt in der Bremer Abwehr. Gerade einmal 20 Gegentore musste der Bremer Schlussmann in der Vorrunde der Bundesliga hinnehmen. Damit liegt er in der Rangliste der wenigsten Gegentore an dritter Stelle hinter Bayern München (11) und Eintracht Frankfurt (18 Gegentore), obwohl Werder mit Platz 16 nur den Relegationsplatz belegt. „Im Tor haben wir keine Baustelle mehr“, lobte die Bremer Torwart-Legende Dieter Burdenski (616 Pflichtspiele für den SV Werder) vor kurzem den Tschechen, „Pavlenka wirkt sehr sicher und souverän.“ Deshalb sieht Burdenski in Pavlenka sogar die Bremer Nummer eins für viele Jahre. „Eine Fluktuation mit einem neuen Torhüter alle zwei Jahre ist nicht gut. Pavlenka hat das Zeug, zur Konstante zu werden“, meinte der 66-Jährige frühere Nationaltorhüter.

Sven Ulreich (Bayern München)

Was musste sich Sven Ulreich nach der Bekanntgabe seines Wechsels vom VfB Stuttgart zum ungeliebten FC Bayern München alles anhören. Weil er spürte, dass die Verantwortlichen beim schwäbischen Vorzeigeverein nicht mehr von seinen Künsten überzeugt waren, traf er die Entscheidung, als Backup für Welttorhüter Manuel Neuer auf der Reservebank der Bayern Platz zu nehmen. In den ersten 21 Monaten in München kam er nur in drei Wettkampfspielen zum Einsatz. Deshalb erwog er im Frühjahr einen Vereinswechsel, um ins operative Geschäft zurückzukehren. Erst die längerfristige Verletzung von Manuel Neuer ermöglichte Ulreich die Rückkehr zwischen die Pfosten eines Bundesligatores

Einfach war für ihn die Rückkehr nicht, denn anfangs musste er gegen einige Zweifler ankämpfen. Die Zweifler erhielten zusätzliche Nahrung, als Ulreich nach einem krassen Fehler bei einem Dreißig-Meter-Freistoß des Wolfsburgers Maximilian Arnold, der nach 2:0-Führung das Spiel noch zum 2:2 kippen ließ, und nach der 0:3-Blamage bei Paris St-Germain, als er an einem Schuss von Edison Cavani vorbeigriff, Schwächen zeigte. Die Expertenrunde des Fernsehsenders „Sky“ um Lothar Matthäus spekulierte sogar über eine mögliche Augenkrankheit des Torwarts. Andere vermeintliche Experten äußerten die Vermutung, dass Neuers Ausfall den Bayern sogar die Titelchancen kosten könnten.

Was musste sich Sven Ulreich nach der Bekanntgabe seines Wechsels vom VfB Stuttgart zum ungeliebten FC Bayern München alles anhören. Weil er spürte, dass die Verantwortlichen beim schwäbischen Vorzeigeverein nicht mehr von seinen Künsten überzeugt waren, traf er die Entscheidung, als Backup für Welttorhüter Manuel Neuer auf der Reservebank der Bayern Platz zu nehmen.

Doch Sven Ulreich widerlegte in beeindruckender Weise in den vergangenen Wochen alle Zweifel an seiner Bundesliga-Tauglichkeit. Immer wieder sicherte er mit großartigen Aktionen Erfolge der Bayern und befindet sich in Top-Form. Obwohl Neuer im Kasten des FC Bayern fehlt, läuft es sportlich also rund. Für viele unerwartet konnte der Schlussmann, der vor seinem Wechsel an die Isar 17 Jahre lang in Diensten des VfB stand, den schwerwiegenden Ausfall der eigentlichen Nummer eins mit Bravour kompensieren. Cheftrainer Jupp Heynckes lobt den Ex-Stuttgarter: "Sven ist ein sehr guter Torhüter geworden, das ist für uns Gold wert in einer Phase, in der Manuel verletzt ist.“ Besonders auffallend ist seine inzwischen gute Spieleröffnung. Hier hat er sich gegenüber seiner Stuttgarter Zeit deutlich verbessert. Seine Leistungen sind so überzeugend, dass TV-Experte Lothar Matthäus, der Ulreich vor kurzem noch zum Augenarzt schicken wollte, nun die Nummer zwei des Rekordmeisters sogar schon im erweiterten Kreis der Nationalmannschaftskandidaten sieht. Ulreich quittierte die Äußerung des Rekord-Nationalspielers nur mit einem unverständlichen Lächeln: „So schnell geht das im Fußball. Vor ein paar Wochen hat Lothar Matthäus noch gesagt, ich hätte ein Augenproblem. Jetzt sagt er das. Von daher ist das auch nicht ernst zu nehmen." Geholfen hat ihm gegen die respektlose Kritik nach den Anfangspatzern eine veränderte relaxte, innere Einstellung: „Ich spiele jetzt. Wenn es nicht gut genug ist, müsst ihr mich halt herausnehmen. Damit fahre ich eigentlich immer gut.“ Es bleibt zu hoffen, dass der sympathische Schlussmann diese Sicht auf die völlig überzogene Bedeutung des Fußballs beigehalten kann.

Unklar ist noch die Entscheidung über seine weitere sportliche Zukunft. Der Ersatz von Weltmeister Manuel Neuer hat allerdings nicht ausgeschlossen, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag mit dem Rekordmeister aus München zu verlängern. „Ich kann mir alles vorstellen. Der Verein muss aber auch wollen, dass ich bleibe. Wir haben noch nicht miteinander gesprochen", sagte der 29-Jährige dem "Kicker". Er beteuerte, dass der FC Bayern sein erster Ansprechpartner sei, aber man müsse sich Gedanken machen, was im Sommer kommt. „Ich bin jetzt 29, mit 33 muss ich nicht noch einmal irgendwo anfangen“, stellte Ulreich klar. Viel Besseres als Bayern München gibt es sicherlich nicht für ihn. Aber mit der Wahrscheinlichkeit, nach der Rückkehr Neuers wieder mit der Ersatzbank vorlieb nehmen zu müssen, muss er sich auseinandersetzen. Einstweilen wünsche ich Sven Ulreich weiterhin die Anerkennung und den Respekt, den er sich durch seine Leistungen verdient hat. Der 29-jährige Schlussmann ist aber schon zu lange dabei, um nicht zu wissen, dass diese Meriten in der heutigen Medienwelt bei schwächeren Leistungen schnell wieder aufgebraucht sein werden.