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Der moderne Torwart kann mehr

Der moderne Torwart kann mehr: Anspielstation, Initiator und Wächter

Von Artur Stopper in Theorie & Taktik

Es ist allseits bekannt, dass sich das Torwartspiel gegenüber dem Beginn dieses Jahrhunderts deutlich verändert hat. Bestand bis dahin die fast ausschließliche Aufgabe des Torhüters darin, sein Tor sauber zu halten, so hat sich seine Aufgabenbereich im modernen Torwartspiel um ein Mehrfaches erweitert. Früher war seine Tätigkeit beendet, wenn er den Ball gefangen und zum Mitspieler weitergeleitet hatte. Er beteiligte sich bis zum nächsten Angriff des Gegners nicht am Spiel. In modernen Spielsystemen hingegen ist er ständig in das Spiel mit eingebunden. Er ist also Torwart und Feldspieler zugleich. Um diese veränderten Aufgaben deutlich zu machen, hat der Württembergische Fußballverbund die Torwartposition mit einem neuen Begriff belegt: Torspieler. Worin unterscheidet aber das Spiel heutiger Torhüter vom Spiel ihrer Vorgänger?

Eine weitere Anspielstation

Der moderne Torhüter fungiert heute in vielen Situationen als zusätzlicher Feldspieler. Bei Ballbesitz bietet er sich seinen Mitspielern als zusätzliche Anspielstation an, um den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Besonders in Phasen, in denen seine Mannschaft unter Druck steht, kann er auf diese Weise mithelfen, das Spiel zu beruhigen. Zu Zeiten eines Edwin van der Sar war das Spiel der niederländischen Nationalmannschaft darauf angelegt, dass der Ball sofort zu zu ihm gespielt wurde, sobald ihn einer seiner Mitspieler erobert hatte. So wurde die Spielsituation beruhigt und ein kontrollierter Spielaufbau eingeleitet.

Initiator des Spielaufbaus

Da der Torwart aufgrund seiner Position immer das gesamte Spielfeld im Blickfeld hat und als einziger Spieler ohne Gegenspieler ist, eignet sich seine Position vorzüglich für das Aufbauspiel seiner Mannschaft. Er erkennt aus seiner Position sofort, ob er z.B. durch einen Handabschlag einen ungeordneten Gegner überraschen kann oder ob er besser das Spiel von hinten heraus mit einem Kurzpass, Abwurf oder Abrollen des Balles ruhig eröffnet. Dazu ist es wichtig, dass er nach der Balleroberung sofort mit einem Blick zu seinen Angreifers erfasst, ob ein langer und schneller Ball in die Tiefe auf die Stürmer mit einemmöglichen schnellen Verlust des Balles oder ein ruhiger Spielaufbau geeigneter erscheint.

Wächter der eigenen Spielhälfte

Auch beim Ballgewinnspiel seiner Mannschaft spielt der Torhüter eine wichtige Rolle. Während er beim Aufbauspiel seiner Mannschaft, je nach Spielsituation, bis über den Strafraum hinaus mit vorrückt, um als Anspielstation bereit zu stehen, nützt er diese Position beim Ballbesitz des Gegners. Wenn die Abwehrreihe, wie heute zumeist üblich, auf einer Linie agiert, ist sie anfällig für Bälle, die durch die Abwehrreihe hindurch in den Rücken der Abwehr gespielt werden. Genau diese lang gespielten Bälle und Pässe läuft der Torhüter ab und macht sie durch seine Balleroberung unschädlich. Uns allen sind noch Situationen gegenwärtig, wie Manuel Neuer bei der WM 2014 in Brasilien im Spiel gegen Algerien gleich reihenweise gegnerische Bälle ablief und so eine Torchance der Algerier schon im Entstehen verhinderte.

Diese Beispiele zeigen, welche Vorteile ein Torhüter bringt, der diese Spielweise beherrscht. Ohne diese Qualifikationen ist ein Torhüter im Profibereich und im gehobenen Amateurbereich chancenlos. Nur noch ca. ¼ aller Torhüteraktionen betreffenden die Abwehr von Schüssen auf das Tor. Den Großteil des Torwartspiels bestimmen mitspielende Aktionen sowie die Spieleröffnung. Deshalb muss dieser Bereich ein stetiger Bestandteil des Torwarttrainings sein.