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Bundesliga: Die Torhüter-Ballmagneten

Von Artur Stopper in Theorie & Taktik

Jeder Fußballfan kennt sie, jeder Fußballfan liebt sie: Statistiken rund um das Leder. Wie oft war Spieler X am Ball? Wie viele Flanken schlug Y? Und welcher Profi läuft eigentlich am meisten bei Mannschaft Z? Von Reportern und Journalisten werden diese statistischen Werte gerne verwendet, um scheinbar objektive Kriterien zur Beurteilung von Spielerleistungen zu haben. Die erfassten Daten haben aber bei weitem nicht die Aussagekraft, die ihnen Medien gerne zusprechen. Ein häufig verwendeter Wert sind die Angaben, wie viele Ballkontakte ein Spieler in einer Partie hatte.

Was bedeutet der Begriff Ballkontakt?

Die offizielle Bezeichnung dafür lautet Ballbesitzphase. Vereinfacht gesagt heißt das: Wenn ein Spieler den Ball bekommt, etwas damit macht und ihn dann wieder los ist, zählt das als ein Ballkontakt. Es ist also für die Erfassung des Wertes ohne Bedeutung, ob er drei Gegenspieler stehenlassen oder bloß den Ball mit einer Berührung hat abtropfen lassen hat. Anders ausgedrückt: Unter einem Ballkontakt wird der Zeitraum verstanden, in dem ein Spieler Ballkontrolle hat. Seit 1999 erfasst die DFL (Deutsche Fußball Liga) unter anderem offizielle Spieldaten zum Wert „Ballbesitzphasen“.

Anzahl der Ballkontakte abhängig von Spielposition

Dass nicht alle Spieler einer Mannschaft die gleiche Anzahl von Ballkontakten in einem Spiel haben, versteht sich von selbst. So befindet sich z.B. kein Stürmer unter den 25 Bundesliga-Spielern mit den meisten Ballkontakten. Auffällig viele Ballkontakte weisen in einem Spiel die „Sechser-Position“ sowie die Innenverteidiger auf. Das hängt damit zusammen, dass die „Sechser-Position“ in modernen Spielsystemen die Schaltstation geworden ist, von der aus das Spiel aufgebaut wird. Die Innenverteidiger wiederum spielen als Anspielstationen bei Ballbesitzphasen eine wichtige Rolle.

Der unbestrittene König der Ballkontakte ist immer noch der ehemalige Bayern-Spieler Xabi Alonso, der in der Saison 2014/15 am 6.Spieltag mit 213 Ballbesitzphasen beim Sieg in Köln einen außergewöhnlichen neuen Bundesliga-Rekord aufstellte. In seiner Zeit bei den Münchenern war er die Schaltzentrale im Bayern-Spiel, das unter Pep Guardiola auf Ballbesitz angelegt war. Als sogenannter „Sechser“ wurde Alonso aufgrund seiner Spielposition von seinen Mitspielern gesucht. Hinzu kam, dass er mit einer absolvierten Laufdistanz von 11,43 km sehr laufstark war und damit oft anspielbar war. Der extrem ballsichere Spanier war an nahezu jedem Angriff seiner Mannschaft beteiligt.

Bemerkenswert ist, wie deutlich Alonsos Wert über den sonst in einem Spiel üblichen Ballkontakten liegt. Werte von über 100 Ballkontakten sind bereits sehr hoch. Dies zeigt ein Blick auf die Daten der vergangenen Saison 2016/17. Mit durchschnittlich 109 Ballkontakten pro Spiel erreichte Thiago von Bayern München den höchsten Wert von Diego Demme (RB Leipzig) und Niklas Süle (TSG Hoffenheim, jetzt Bayern München).

Die Ballmagneten unter den Torhütern

Natürlich kommen Torhüter aufgrund ihrer Spielposition nicht annähernd auf solche Werte. Wir haben die Vorrunde der aktuellen Saison 2017/18 daraufhin untersucht, wie viel Ballkontakte für Torhüter durchschnittlich üblich sind und welche Torhüter besonders viele Ballkontakte aufweisen. Das Ergebnis: Die Bundesliga-Keeper hatten in der Vorrunde im Durchschnitt 38,4 Ballkontakte pro Spiel. Innerhalb der Torwartgilde gibt es aber teils beträchtliche Unterschiede.

Während Roman Bürki (Borussia Dortmund) mit 50,5 Ballbesitzphasen pro Spiel den höchsten Durchschnittswert aufwies, erreichten Ralf Fährmann (31,5), Christian Mathenia (33,8) und Sven Ulreich (34,8) die niedrigsten Ballkontaktwerte.

Aussagekraft der Werte

Diese Werte sagen selbstverständlich nichts über die tatsächlichen Leistungen der einzelnen Torhüter aus. Sie geben vielmehr Auskunft darüber, wie stark ein Torhüter taktisch in das Spiel seiner Mannschaft eingebunden ist. Bei Sven Ulreich oder Peter Gulacsi (40,2) lassen sich die niedrigen Werte relativ leicht erklären. Torhüter von Spitzenteams weisen in der Regel insgesamt niedrigere Ballkontaktwerte auf, weil ihre Mannschaft als meist überlegenes Team häufig in der gegnerischen Hälfte agiert und deshalb die Torhüter weniger in die Ballzirkulation der Mannschaft eingebunden sind. Interessanter ist die Betrachtung von Schalkes Schlussmann Ralf Fährmann. An fehlender Laufbereitschaft kann Fährmanns niedrigster Bundesligawert nicht liegen, denn mit 6,39 km im Durchschnitt ist er der lauffreudigste Torhüter der Bundesliga. Entscheidend für diesen Wert ist wohl das taktische Spielsystem von Schalke-Cheftrainer Domenico Tedesco, der auf ein aggressives Mittelfeldpressing und blitzschnelles Umschalten setzt. Nach Balleroberung soll das Spiel schnellstmöglich in die gefährliche Zone verlagert werden. Bei einem solchen Spielsystem ist Fährmann als Anspielpunkt verständlicherweise weniger gefragt.

Auch der Höchstwert von BVB-Keeper Roman Bürki ist aus dem Dortmunder Spielsystem heraus erklärbar. Zwar war auch Peter Boszs System, das das spezielle Ajax-Gen in sich trägt und sich dem auf totalen, bedingungslos auf Angriff getrimmten Fußball verpflichtet fühlt, extrem offensiv ausgelegt. Aber nach Ballgewinn im Mittelfeld und sofortiger Gegnerbedrängung erfolgte oft der sichere Rückpass zum Torhüter, um von dort aus das Spiel neu und sicher aufzubauen. Diese typisch niederländische Spielweise prägte schon die überragenden Ballkontaktwerte von Torwart-Legende Edwin van der Sar, der bereits bei der WM 2006 in Deutschland teils über 60 Ballkontakte in einem Spiel aufwies.