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Elfmeter

Elfmeter: Wohin zielt der Schütze?

Von Artur Stopper in Theorie & Taktik

Eine für Zuschauer immer wieder spannende Situation – ein gegnerischer Spieler wird im Strafraum gefoult, der Schiedsrichter zeigt auf den Elfmeterpunkt. Der Fanballfan ist in innerer Wallung und hofft, falls er Anhänger der betroffenen Mannschaft ist, dass der Torhüter den Strafstoß hält. Doch wie groß sind die Chancen des Torhüters überhaupt bei einem Elfmeter? Gibt es Unterschiede im Schussverhalten zwischen Rechts- und Linksfüßer? Welche Schussecken werden besonders häufig anvisiert? Goalguard hat all diese Fragen über viele Jahre hinweg an über 1500 Elfmetern aus dem Profibereich beobachtet und gibt euch Antworten. Die Ergebnisse sind in den folgenden Grafiken dargestellt.

Der Linksfüßer

Die folgenden Ergebnisse beruhen auf der Auswertung von 360 Strafstößen, die von der Saison 2007/08 bis 2015/16 von Linksfüßer im Profibereich ausgeführt und von uns erfasst wurden

Linkfüßerschüsse in Prozent

Zunächst fällt auf, dass die beiden Ecken links und rechts unten Hauptzielzonen der Schützen sind. 46,9 % und damit fast die Hälfte aller Strafstöße landeten in einer der beiden Zielzonen. Da es rein anatomisch dem Linksfuß leichter fällt, beim Strafstoß den Schwung der Ausholbewegung in die Schussrichtung fortzusetzen als den Oberkörper und den Fuß leicht in die andere Richtung zu verdrehen, ist es sicherlich nicht ungewöhnlich, dass der Linksfuß eher in die vom Torhüter aus gesehen linke Torecke (27,2 %) statt der rechten Torecke (19,7 %) bevorzugt. Teilt man das Tor in einen Mittelteil (mittlere Säule) und in eine linke und rechte Torhälfte ein, so schießt der Linksfuß in 9,5 % aller Strafstöße den Ball in die Tormitte. In 51,5 % aller Strafstöße platziert der Schütze den Ball in die von ihm aus gesehen rechte Torhälfte, in 39,0 % aller Strafstöße bevorzugt er die linke Torhälfte. Vergleicht man die Erfolgsquote der Linksfüßer in der jeweiligen Torhälfte, kann man feststellen, dass die Schützen in der von ihnen aus gesehen rechte Torhälfte deutlich häufiger trafen (154 Strafstöße, nur 24 verschossene Elfmeter) als in der gegenüber liegenden linken Torhälfte (96 Strafstöße, 35 verschossene Elfmeter). Immerhin konnten die Torhüter mehr als jeden dritten Strafstoß auf dieser Seite abwehren. Offensichtlich fällt es einem Linksfuß schwerer, den Ball durch den „verdrehten“ Bewegungsablauf in der von ihm aus gesehen linken Torecke unterzubringen als in der rechten.

Wenig überraschend ist, dass der Torhüter bei der Abwehr von Strafstößen am erfolgreichsten war, wenn der Ball vom Schützen in den körpernahen Bereich des Torhüters gespielt wurde. Völlig chancenlos war der Torhüter hingegen, wenn der Schütze den Ball im oberen Bereich des Tores unterbringen konnte. Diese Zone wurde aber von den Elfmeterschützen nur in 9,9 % aller Strafstöße avisiert, weil dafür ein überaus platzierter Schuss mit einem hohen Risiko des Scheiterns verbunden ist.

Welche Torecke bevorzugt der Rechtsfuß?

Für die folgenden Ergebnisse von Rechtsfüßer wurden insgesamt 1212 Elfmeter von der Saison 2007/08 bis einschließlich 2015/16 im bezahlten Fußball herangezogen. Es ist grundsätzlich festzustellen, dass die Untersuchungsergebnisse der Linksfüßer in Umkehrung auf die Rechtsfüßer übertragen werden können.

Rechtsfüßerschüsse in Prozent

So wie für den Linksfuß der Bewegungsablauf zum von ihm aus gesehenen rechten Toreck anatomisch einfacher ist, so ist für den Rechtsfuß der Bewegungsablauf zum linken Toreck (vom Schützen aus gesehen) natürlicher. Deshalb wählten in 27,5 % aller Strafstöße die Schützen das linke Toreck (vom Schützen aus gesehen), 18,6 % hingegen entfielen auf das rechte Toreck. Wie bereits beim Linksfuß festgestellt wurde, sind auch beim Rechtsfuß die Torecken links und rechts unten die bevorzugten Zielzonen der Schützen. Mit zusammen 46,1 % landete fast die Hälfte aller Strafstöße in einer der beiden Zielzonen. Lässt man die mittlere Säule der Grafik unberücksichtigt und vergleicht, in welche Torhälfte der Schütze häufiger geschossen hat, so kann man feststellen, dass der Schütze in 50,8 % aller Fälle die von ihm aus gesehen linke Torhälfte bevorzugte und nur in 39,3 % aller Strafstöße die rechte Torhälfte wählte. Wie beim Linksfüßer war auch beim Rechtsfüßer der Torhüter ohne Abwehrchance, wenn der Schütze den Ball im oberen Tordrittel unterbrachte. Das war bei 9,5 % aller Strafstöße der Fall. Interessant ist auch, dass bei 63,9 % aller Strafstöße der Ball ins untere Tordrittel geschossen wurde, also der Schütze oft den flachen Ball bevorzugte.

Eine reelle Chance hat der Torhüter bei Strafstößen nur, wenn er aus der Bewegung des Schützen beim Anlauf zum Elfmeter die richtige Ecke erahnt (antizipiert) und kurz vor der Ausführung des Strafstoßes in die vermutete Ecke hechtet. Mathematik lässt sich nämlich leicht berechnen, dass der Torhüter bei einem platziert geschossenen Elfmeter keine Chance hat, wenn er erst mit der Ausführung des Schusses abspringt. Deshalb sollten Torhüter folgende Tipps beachten:

  • Da nur ca. 9-10 % aller Schüsse in die Mitte des Tores erfolgen, macht es wenig Sinn, in der Tormitte stehen zu bleiben.
  • Hilfreich kann es für den Torhüter sein, den Schützen durch verschiedene Störaktionen zu irritieren und in seiner Konzentration zu stören.
  • Über die genaue Beobachtung des Bewegungsablaufes des Schützen (Körperhaltung, Blicke, …) kann der Torhüter möglicherweise die Zielzone antizipieren (voraussehen).
  • Rechtsfüßer schießen aus der Sicht des Torhüters deutlich häufiger in die rechte Torhälfte, Linksfüßer hingegen öfter in die linke!

Beim Elfmeter sollte sich der Torhüter immer die Aussage von Oliver Kahn vor Augen halten: „Der Einzige, der beim Elfmeter verlieren kann, ist der Schütze“. Der Torhüter kann also gelassen an diese Situation herangehen, da von ihm nicht unbedingt erwartet wird, dass er den Ball hält. Der Druck liegt eindeutig beim Schützen, der versagt hat, wenn er den Ball nicht im Tor unterbringt. Wichtig für den Torhüter ist, selbst eine gute Konzentration und innere Spannung aufzubauen, um seine Wahrnehmungsfähigkeit zu verbessern und eine Muskelanspannung zu erzeugen, damit er explosiv abspringen kann.