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Torhüter in Bewegung

Torhüter in Bewegung: Warum Torhüter heutzutage so viel laufen

Von Artur Stopper in Theorie & Taktik

Früher unterstellte man Torhütern gerne, dass sie sich nur deshalb für die Position zwischen den Pfosten entschieden hätten, weil sie entweder zu schwergewichtig oder lauffaul seien. Wenn diese These jemals ihre Richtigkeit hatte, sind diese Zeiten heutzutage vorbei. Denn mit Hilfe von festinstallierten Kameras wurden die Laufwege von Torhütern vor Jahren untersucht. Das verblüffende Ergebnis: Torhüter bewegen sich in einem Spiel durchschnittlich 5 – 6 km. Der italienische Sportwissenschaftler Valter Di Salvo von der Universität Rom Torhüter analysierte vor einigen Jahren in 109 Spielen der englischen Premier League 62 Torhüter von 28 Mannschaften. Dabei kam er zum Ergebnis, dass ein Torwart in Englands Eliteliga pro Spiel durchschnittlich 5,611 Kilometer zurücklegt. Diese Distanz entspricht ungefähr der Hälfte der Laufstrecke von Feldspielern. Anders als ihre Mannschaftskollegen absolvieren Torhüter fast drei Viertel der zurückgelegten Distanz allerdings nur im Schritttempo. Nur rund hundert Meter der Strecke rennen sie mit einer Geschwindigkeit von mehr als 19,8 Kilometer pro Stunde.

Warum laufen Torhüter heutzutage so viel?

Das Torwartspiel hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Früher bestand die eigentliche Aufgabe des Torhüters darin, sein Tor zu verteidigen, um einen Torerfolg des Gegners zu verhindern. Dies ist natürlich auch heute noch die primäre Aufgabe eines Schlussmannes. Aber durch veränderte Spielsysteme sind weitere Aufgabenbereiche hinzugekommen. Das moderne Torwartspiel hat sich verändert. So muss ein Torwart bei den jeweiligen Spielsituationen mitgehen und mitverschieben. Oftmals fungiert er als Anspielstation und bietet sich für Rückpässe an.

Eine weitere Aufgabe kommt dazu. Um bei einer Viererabwehrkette die zwischen die Nahtstellen der Abwehr in die Tiefe gespielte Bälle zu verhindern, steht ein moderner Torhüter oft 20 – 30 m vor seinem Tor. Er lauert sozusagen wie ein Tiger darauf, diese Bälle schon abzufangen, bevor sie gefährlich werden. Manuel Neuer hat diese neue Spielweise bei der WM 2014 in Brasilien im Spiel gegen Algerien anschaulich demonstriert. Jeder Fußballfan wird sich noch daran erinnern, wie er den Libero einfach um eine Position nach hinten verlagert hat, als Torwart die früher übliche Libero-Position übernommen hat und dadurch torgefährliche Aktionen des Gegners im Vorhinein verhinderte. „Ich glaube, nur der Franz hat das besser gemacht“, scherzte Bundestorwarttrainer Andreas Köpke in Anspielung auf den Beckenbauer-Part aus den 70er Jahren nach dem Spiel.

Ein Torwart muss aber heute nicht nur mehr laufen, sondern auch oft sprinten. Noch einmal kann das Achtelfinal-Spiel gegen Algerien als Beleg zweier unterschiedlicher Torwart-Philosophien herangezogen werden. Algeriens Schlussmann Rais M`Bolhi (32), ein Vertreter der alten Torwartschule, begnügte sich mit ca. zwei Kilometer weniger Laufleistung als sein Gegenüber. Auch hatte er keine 19 Ballkontakte außerhalb des Strafraums und sprintete nicht siebenmal wie Manuel Neuer. Dafür bekam er 22 Torschüsse auf sein Gehäuse, sein deutscher Kollege hingegen nur sieben. Bei einem insgesamt ausgeglichenen Spiel ein beträchtlicher Unterschied, der zeigt, wie viele Chancen der deutsche Schlussmann durch geschicktes Ablaufen der Bälle bereits im Vorfeld verhindern konnte. Wenn man also all die neuen Aufgaben, die ein Torhüter im modernen Torwartspiel zu leisten hat, bedenkt, versteht es sich von selbst, dass der Torhüter eine bedeutend höhere Laufleistung und häufigere Sprints absolviert als in früheren Zeiten. Trotzdem sind Ausdauer und Schnelligkeit nur nachrangige Kriterien für die Arbeit im Strafraum. Nach wie vor sind Explosivität, Technik, Sprungkraft, Strafraumbeherrschung und taktisch richtiges Verhalten wichtiger für ein gutes Torwartspiel.

Laufleistungen der Torhüter in der Vorrunde der Saison 2017/18

Die Laufstrecke eines Torhüters gibt selbstverständlich keinen Aufschluss über seine Gesamtleistung im Spiel, da die Laufleistung kein entscheidender Faktor im Torwartspiel ist. Außerdem ist sie stark abhängig vom jeweiligen Spiel, d.h. wenn die eigene Mannschaft überlegen ist, wird ein Torwart in der Regel weniger laufen müssen, als wenn die Abwehr unter Druck gerät. Trotzdem ist es interessant, einmal einen Blick auf die Laufleistungen der Keeper zu werfen. Wir haben dazu die Vorrunde der laufenden Saison 2017/18 ausgewählt. Aus den öffentlich zugänglichen Laufleistungen der Torhüter in den bisherigen 17 Spielen der Vorrunde haben wir die durchschnittliche Laufleistung jedes Bundesliga-Torhüters ermittelt. Noch einmal: Die Laufleistung sagt nichts über die Einstellung oder Qualität eines Torhüters aus, denn die Laufleistung ist meist abhängig vom jeweiligen Spielsystem der Mannschaft oder davon, welche Philosophie des Torwartspiels der jeweilige Cheftrainer vertritt. Diese Zahlen sollen lediglich einen Hinweis darauf geben, welche Laufleistung heutzutage von den Torhütern gefordert ist.

Erstaunlich sind die relativ großen Unterschiede, die sich aus dem Vergleich der Laufleistungen ergeben. Zwischen Ralf Fährmann, der die längste Strecke aller Bundesliga-Torhüter zurückgelegt hat, und Rune Jarstein, der mit 4,54 km die kürzeste Laufstrecke aufweist, liegen immerhin 1,85 km, das heißt der Schalker Keeper ist pro Spiel im Durchschnitt fast zwei km mehr unterwegs als der Hertha-Schlussmann. Trotzdem gehört der Norweger Jarstein sicherlich zu den besten Torhütern in der Bundesliga.