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Offiziell bestätigt ist der Wechsel von Alexander Nübel von Schalke 04 noch nicht. Aber es scheint sicher zu sein, dass sich der U21-Nationaltorhüter im Sommer dem deutschen Meister FC Bayern München anschließt. Auch Nübel selbst schweigt. Dafür reden und schreiben viele andere Menschen in den sozialen Netzwerken über ihn. Das Meinungsbild ist ziemlich eindeutig. Kaum jemand kann die Entscheidung des 23-jährigen Schlussmanns nachvollziehen. Aus Enttäuschung über die Entscheidung des Schalker Leistungsträger rufen nicht wenige nach sofortigen Konsequenzen: Von der Absetzung als Kapitän der Schalker Mannschaft ist die Rede, andere fordern seine sofortige Verbannung auf die Ersatzbank und Markus Schubert als Nummer eins zwischen den Pfosten von Schalke 04, manche plädieren für einen sofortigen Verkauf Nübels in der Winterpause.

Unverständnis besteht auch darin, was den talentierten Schalker Schlussmann dazu bewogen haben könnte, zum jetzigen Zeitpunkt nach München zu wechseln. Schließlich soll Manuel Neuer, unumstrittene Nummer eins im Bayern-Team, laut Medienberichten in Kürze seinen Vertrag bis 2023 verlängern. Und der Ehrgeiz des viermaligen Welttorhüters scheint nach wie vor so groß, dass er den Weg beim FC Bayern für Nübel nicht so einfach freimachen wird. Dadurch wäre Nübels Rolle als Bankdrücker vorbestimmt. Beim Rekordmeister soll der 23-Jährige zunächst drei Jahre lang die Nummer zwei hinter Neuer sein, aber dennoch Spielpraxis erhalten. Wie sich das mit dem Persönlichkeitsbild von Manuel Neuer verträgt, der selbst bei Testspielen nur ungern auf Einsätze verzichtet, wird die Zukunft zeigen.

Schalkes vergebliche Bemühungen um Nübel

Eines kann man den Verantwortlichen auf Schalke sicherlich nicht vorwerfen, nämlich dass sie zu wenig um Alexander Nübel geworben haben. Einen Stammplatz im Tor der Knappen hatten sie Nübel garantiert und ihn vor der Saison sogar mit nur 23 Jahren und trotz bereits kolportierter Abwanderungsgedanken zum Kapitän der Mannschaft befördert. Außerdem hatten sie ihm ein üppiges Vertragsangebot unterbreitet. Statt der bisher 600 000 € sollte Nübel ab sofort 5 Millionen € pro Jahr verdienen, also acht Mal so viel. Doch sie konnten den als einer der möglichen Nachfolger Manuel Neuers als Nationaltorhüter nicht umstimmen. Aufsichtsratchef Clemens Tönnies machte aus seinem Frust kein Hehl. "Wir haben alles dafür getan, ihn auf Schalke zu halten. Nun müssen wir seine Entscheidung akzeptieren - kapieren tue ich sie nicht", klagte er in der "Bild". Und Sportvorstand Jochen Schneider stellte klar: „Wir haben Alex in den vergangenen Monaten durch Worte und Taten deutlich aufgezeigt, welch zentrale Rolle er bei uns in der Zukunft hätte einnehmen können: als Torwart und Kapitän eine mit vielen jungen Spielern besetzte Mannschaft anzuführen.“

Warum entschied sich Nübel für einen Wechsel nach München?

Die Frage bleibt, was einen jungen, ambitionierten und talentierten Schlussmann wie Alexander Nübel antreibt, die Kapitäns-Binde, den Stammplatz bei einem großen Klub und die Liebe der Fans gegen eine Reservisten-Rolle bei den Bayern einzutauschen?

Immer die Gründe kann man nur spekulieren. Ohne Zweifel verspricht sich Nübel eine größere sportliche Perspektive im München. Jeder Sportler verfolgt das Ziel, zu einem großen Klub zu wechseln, um Titel zu gewinnen und am absoluten Spitzenfußball teilzunehmen. Dagegen ist nichts einzuwenden, auch wenn dies auf Unverständnis bei manchen Fans trifft. Allerdings muss der Zeitpunkt passen und Sinn machen. Durch die unantastbare Rolle Neuers bei den Bayern muss Nübel wohl auf etwas verzichten, was Fachleute als das wichtigste für eine gute Entwicklung als Torhüter ansehen, nämlich permanente Spielpraxis. Selbst bei größtem Entgegenkommen Neuers wird er diese in München aber nur bedingt erhalten.

Zweifellos hat der FC Schalke seinem talentierten Torhüter ein überaus gutes finanzielles Angebot unterbreitet und ging für Nübel bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Möglicherweise dürfte das finanzielle Angebot der Bayern aber noch besser gewesen sein, weil im Fall Nübel die Zahlung einer hohen Ablösesumme (Marktwert 15-20 Millionen €) an Schalke entfiel, da sein Vertrag ausläuft, und deshalb vermutlich ein höheres Handgeld an Nübel überwiesen werden konnte.

Möglicherweise spielen aber auch Gründe eine Rolle, die in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt sind. Seit einiger Zeit weist Manuel Neuer ein erhöhtes Verletzungs-Risiko auf. Immer wieder gibt es unterschiedliche Darstellungen darüber, ob er wieder voll belastbar ist oder in der Zukunft kürzer treten will oder muss. In diesem Fall würde eine Rotation auf der Torhüterposition durchaus Sinn machen. Andere große Vereine wie z.B. der FC Barcelona haben dieses Modell in der Vergangenheit bereits erfolgreich praktiziert. Man denke an das Gespann Claudio Bravo und Marc-Andre ter Stegen.

Welche Auswirkungen hat der Wechsel für Schalke 04?

Mindestens so spannend wie der Wechsel nach München dürfte aber auch sein, wie sich die Personalie Nübel auf die Mannschaft sowie die Schalker Fans auswirken wird. Trainer David Wagner hat in den vergangenen Monaten für erstaunliche Ruhe im schwierigen Schalker Umfeld gesorgt und den lang ersehnten Erfolg zurückgebracht. Er kann kein Interesse daran haben, dass in seinem Kader wegen Nübel Unruhe aufkommt. Deshalb muss er die neu entstandene Situation gut überlegt angehen. Der 48-Jährige muss darüber nachdenken, ob Schalkes bisherige Nummer eins nach Ablauf seiner Sperre überhaupt noch Mannschaftskapitän bleiben soll oder kann. Des Weiteren muss er darüber Gedanken machen, ob er zukünftig lieber auf den jungen aktuellen U21-Nationaltorhüter Markus Schubert, der im Moment als Nübels Vertreter durchaus zu überzeugen weiß, als Nummer eins im Schalker Kader setzt und Nübel auf die Ersatzbank beordert, denn Schubert gehört die Zukunft auf Schalke.

Unkalkulierbar werden auch die Reaktionen des Schalker Anhangs auf Nübels Entscheidung sein. Denn ein Wechsel zum FC Bayern ist bei den 04-Anhängern noch nie gut angekommen. Selbst Manuel Neuer, ein Schalker Kind und in jungen Jahren Teil der Schalker Fangemeinde, wird auch acht Jahre nach seinem Wechsel zu den Bayern bei Gastspielen in seiner ehemaligen Heimat noch ausgepfiffen.

Kein Ruhmesblatt ist der erneute ablösefreie Wechsel eines Talents aus der Schalker Knappen-Schmiede für die Schalker Macher. Denn zum wiederholten Mal beschert der Abgang eines ablösefreien Leistungsträgers den Schalkern nicht nur einen sportlichen, sondern auch einen finanziellen Verlust. Das war bereits bei Leon Goretzka (FC Bayern), Max Meyer (Crystal Palace), Joel Matip (Liverpool), Sead Kolasinac (FC Arsenal) und Kevin Kuranyi (Moskau) der Fall. Schätzungen besagen, dass der Revier-Klub auf diese Weise in diesem Jahrzehnt ca. 120 Millionen Euro an Einnahmen verloren haben soll.

Man wird sehen, ob die Rückrunde zum Spießrutenlauf für Nübel wird. Denn die Fans der "Königsblauen" werden ihm den Wechsel nach München nicht verzeihen. Schon Neuer und Goretzka wurden als Schalker nach Bekanntgabe ihrer Transfers ausgepfiffen und mit Plakaten verunglimpft. Nübel selbst wird beweisen müssen, dass er das Zeug dazu hat, den Kasten eines Weltklubs zu hüten, wenn er überhaupt in ausreichendem Maße Spielersätze erhalten wird. Der 23-jährige Schlussmann geht jedenfalls ein hohes Risiko ein. Schließlich kann er in der Bundesliga gerade mal 35 Partien vorweisen. Er wäre nicht der erste Bayern-Torhüter, der mit viel Vorschusslorbeeren in München antrat, die Erwartungen aber nicht erfüllen konnte. Oliver Kahn gab im Vorfeld der Vertragsunterzeichnung zu bedenken, dass der Klub von der Säbener Straße "eine ganz andere Welt" sei. Mal sehen, wie sich Nübel in dieser anderen Welt entwickeln kann.

Blickpunkt1. BundesligaAlexander NübelFC Schalke 04

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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