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Viele Jahre lang hatte Bundesligist FC Augsburg Ruhe auf der Torwartposition. Der Schweizer Nationaltorhüter Marvin Hitz stand von 2014 bis 2018 für Konstanz und Zuverlässigkeit zwischen den Pfosten der Schwaben. Seitdem er aber im Sommer 2018 die Stammtorhüterposition in Augsburg mit der Ersatzbank beim BVB eingetauscht hat, besteht in Augsburg ein Torwartproblem. Zunächst durfte sich Fabian Giefer, der vom Schalke 04 nach Augsburg gekommen war, auf dieser Position probieren. Nach zwei eklatanten Fehlern wurde er vom damaligen Cheftrainer Manuel Baum aus der Stammformation genommen und durch Andreas Luthe ersetzt. Doch auch dieser konnte die Verantwortlichen bei den Fuggerstädtern nicht restlos überzeugen. Deshalb machte sich der Verein auf die Suche nach einem neuen Keeper. Den schien man mit Tomas Koubek beim französischen Erstligisten Stade Rennes gefunden zu haben. Im Sommer 2019 wechselte der tschechische Nationaltorhüter für die stolze Ablösesumme von 7,5 Millionen Euro nach Augsburg. Doch die Fehlerkette riss auch unter ihm nicht ab. Große Zweifel an seiner Leistungsfähigkeit stellten sich bereits nach den ersten Einsätzen ein. Ausräumen konnte er sie im Laufe der Saison nicht. So wurde er gegen Ende der Saison vom neuen Cheftrainer Heiko Herrlich wieder durch Andreas Luthe ersetzt, den Herrlich bereits aus seiner Zeit in Bochum kannte.

Mit Rafal Gikiewicz kommt ein weiterer Torhüter

„Der Nächste, bitte“, lautet wohl das Motto der Augsburger Führungsgilde. Zur kommenden Saison 2020/21 wurde der polnische Schlussmann Rafal Gikiewicz ablösefrei vom Ligakonkurrenten Union Berlin verpflichtet. Der 32-Jährige unterschrieb einen Vertrag bis 2022, mit einer Option für ein weiteres Jahr. Manch einen verwunderte diese Entscheidung, hatte sich doch Andreas Luthe im Saisonfinale zu einem stabilen Rückhalt entwickelt und die Torwartdebatte vorübergehend beruhigt. Seine überzeugenden Leistungen hätten durchaus zu Ansprüchen auf die Nummer eins im Tor der Augsburger berechtigt, zumal der 33-jährige Schlussmann über ein großes Standing innerhalb der Mannschaft verfügt, ein Aspekt, der speziell auf der Torwartposition nicht zu unterschätzen ist. Seine guten Leistungen konnten die FCA-Verantwortlichen aber nicht mehr umstimmen. Offenbar war aber die Entscheidung für Gikiewicz schon vor längerer Zeit gefallen, weil die Verantwortlichen wohl Luthe die Position als Nummer eins nicht zutrauten, sondern ihn eher als verlässliche Nummer zwei sahen.

Was wird aus Koubek und Giefer?

Ungewiss bleibt weiterhin die Zukunft von Koubek und Giefer. Ein Abschied des Tschechen würde ein großes Minusgeschäft für den FC Augsburg bedeuten, denn der 27-jährige Koubek würde bei einem Verkauf nicht annähernd die enorme Investition von 7,5 Mill. Euro einbringen, die er den Verein gekostet hat. Zudem dürfte es schwierig sein, überhaupt einen Abnehmer für den Schlussmann, der noch einen Vertrag bis 2024 besitzt, nach seinen schwachen Leistungen zu finden. Trotzdem schließt der Verein einen vorzeitigen Verkauf nicht aus.

Bei Fabian Giefer wäre sicherlich ein vorzeitiger Abschied aus seinem Vertrag bis 2021 denkbar, statt weiterhin ein Dasein auf der Tribüne zu fristen. Aber ein Torhüter, der sich nur wenig präsentieren konnte und die meiste Zeit auf der Ersatzbank verbrachte, steht nicht zu oft auf dem Wunschzettel von Vereinen. Zudem hatte Giefer in den vergangenen Jahren immer wieder mit Verletzungsanfälligkeit und damit längeren Ausfallzeiten zu kämpfen.

Hätte mehr Vertrauen geholfen?

Die Frage bleibt, warum der FC Augsburg vier gut bezahlte Torhüter unter Vertrag nehmen musste, obwohl alle drei bisherigen Torhüter vor ihrer Verpflichtung nach intensivem Scouting für bundesligatauglich eingeschätzt und deshalb mit einem gut dotierten Vertrag ausgestattet wurden. Es muss hinterfragt werden, warum keiner der Torhüter trotz großer Vorschusslorbeeren wirklich überzeugen konnte.

Einen Schuldigen scheinen die FCA-Verantwortlichen schon ausgemacht zu haben. Zdenko Miletic, der seit 2007 für die Augsburger Torhüter verantwortlich war, wird zur kommenden Saison 2020/21 durch Kristian Barbuscak ersetzt, den Cheftrainer Heiko Herrlich seit der gemeinsamen Zeit bei Jahn Regensburg kennt und der seit Jahren bei Jahn den Beweis erbracht hat, dass er sein Metier beherrscht. Vielleicht kann seine Arbeit mit neuen Impulsen dazu beitragen, wieder Ruhe auf der Torhüterposition einkehren zu lassen.

Zudem muss die Frage erlaubt sein, warum Tomas Koubek trotz großer Vorschlusslorbeeren die Erwartungen nicht annähernd erfüllen konnte, warum Fabian Giefer sein zweifelsohne großes Leistungspotenzial nicht abrufen konnte und warum Andreas Luthe erst seit dem Trainerwechsel zu Heiko Herrlich überzeugende Leistungen ablieferte. Eine mögliche Erklärung für die instabilen Leistungen der genannten Torhüter ist vielleicht ihr gemeinsames Schicksal: Nach ersten Patzern und Unsicherheiten wurde ihre Bundesligatauglichkeit sofort in Frage gestellt, sie spürten kein oder nur wenig Vertrauen, weder innerhalb des Vereins noch in der Öffentlichkeit und den Medien. Die Note 5 oder 6 mag in der Schule noch zu verkraften sein, unter den Augen von Millionen BILD-Lesern oder Fernsehzuschauern ist sie ein sportliches Todesurteil, zumindest im Wiederholungsfall. Der TV-Experte und ehemalige Bundesligaspieler Thomas Broich forderte deshalb vor kurzem zurecht in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung: „Man darf niemals den Respekt für die Leistung der Spieler und Trainer verlieren, auch oder gerade in Schwächephasen. Ich plädiere dafür, Spielern und Trainer gegenüber viel nachsichtiger zu sein, als das heute in der medialen Berichterstattung häufig der Fall ist.“ Broich, der selbst ein sehr sensibler Spieler war, glaubt deshalb, dass man „im Fußball weiteraus mehr über die wirklich tiefe Psychologie des Spiels und der Spieler sprechen sollte als über rein physische und taktische Themen“.

Im Alten Rom entschieden die Zuschauer bei Wettkämpfen mit einem Daumen hoch oder nach unten über das weitere Schicksal der Gladiatoren. Viel hat sich nach weiteren 2000 Jahren menschlicher Evolutionsgeschichte nicht verändert. Die Urteile über Sportler und hier speziell Torhüter werden weiterhin im gleichen Tempo gefällt. Statt Unterstützung und Verständnis, speziell nach längeren Verletzungsphasen oder fehlender Spielpraxis, erfolgt in solchen Situationen meist sofort der Ruf nach neuem Personal. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, wie sich Giefer, Luthe oder Koubek entwickelt hätten, wenn sie – auch nach Patzer - die Unterstützung und das Vertrauen seitens der Verantwortlichen gespürt hätten, weil sie von der Klasse der Keeper überzeugt gewesen wären. Vielleicht wäre dann der Kauf eines weiteren Schlussmanns gar nicht nötig gewesen.

Blickpunkt1. BundesligaFC Augsburg

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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