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Ein „Kindheitstraum“ war für Finn Dahmen bereits im Januar dieses Jahres in Erfüllung gegangen. Aufgrund einer Rückenverletzung des Stammtorwarts Robin Zentner durfte der 22-Jährige sein Pflichtspieldebüt für Mainz 05 ausgerechnet gegen den amtierten deutschen Meister, Pokal- und Champions-League-Sieger FC Bayern München erleben. 45 Minuten lang sah es nach einem perfekten Bundesliga-Debüt für Finn Dahmen aus, denn die Rheinhessen führten beim deutschen Rekordmeister sensationell mit 2:0. Obwohl Dahmen prächtig hielt, konnte er die 2:5-Pleite letztlich aber nicht verhindern. Die Niederlage konnte aber die Freude über seinen ersten Einsatz nur wenig dämpfen. "Ich habe mich riesig gefreut, als ich erfahren habe, dass ich spielen werde", gestand der junge Keeper nach dem Spiel am ARD-Mikrofon. Obwohl er im nächsten Spiel nach der Genesung Zentners wieder auf die Bank Platz nehmen musste, zeigte Finn Dahmen mit einem mutigen und beherzten Auftritt, dass mit ihm noch zu rechnen sein wird.

Der gebürtige Wiesbadener kickt seit 2008 bei Mainz 05, mit 10 Jahren wechselte er von seiner Heimatstadt Wiesbaden auf die gegenüberliegenden Rheinseite. Nachdem er alle Jugendmannschaften der Landeshauptstädter durchlaufen hatte, rückte er zur Saison 2017/18 in die zweite Mannschaft auf, die in der viertklassigen Regionalliga Südwest spielt, wo sich Finn Dahmen sofort als Stammtorhüter durchsetzte. Nach dem langfristigen Ausfall von Rene Adler gehörte Dahmen ab der Saison 2018/19 fest dem Profikader an und war hinter Florian Müller, Robin Zentner und dem von einer Leihe zurückgekehrten Jannik Huth der vierte Torhüter. Spielpraxis sammelte er aber weiterhin im Mainzer Reserve-Team in der Regionalliga. Nachdem Ex-U21-Nationaltorhüter Florian Müller zu Beginn dieser Saison an den Ligakonkurrenten SC Freiburg ausgeliehen wurde, rückte Dahmen zur Nummer zwei im Mainzer Kader auf. Eines zeigt sein Beispiel deutlich: Auch Kontinuität in der sportlichen Ausbildung und einem sicheren sozialen Umfeld, Geduld und vor allem permanente Spielpraxis, auch in niedrigeren Spielklassen, können zum Erfolg führen. Es muss nicht immer der schnellstmögliche Weg zu einem Verein mit großen Namen sein.

Seit gestern hat sich Finn Dahmen wohl den nächsten Kindheitstraum erfüllt und einen wichtigen sportlichen Schritt auf der großen U21-EM-Bühne gemacht. Die Überraschung war groß, als sein Name in der Startelf der deutschen U21 beim EM-Auftakt gegen Ungarn (3:0) am gestrigen Mittwochabend genannt wurde. U21-Cheftrainer Stefan Kuntz setzte auf ihn zwischen den Pfosten der DFB-Auswahl, obwohl Experten eher mit Lennart Grill, der zuletzt in Leverkusen nach dem Ausfall von Stammtorhüter Lukas Hradecky mächtig Spielpraxis sammelte und ordentliche Leistungen ablieferte, oder dem weitaus erfahreneren Markus Schubert von Eintracht Frankfurt gerechnet hatten. Im Vorfeld der EM hatte Kuntz stets offen gelassen, wer gegen Ungarn das Tor hüten werde. Ganz zuletzt hatte er sich für den Mainzer Finn Dahmen entschieden. Seine Entscheidung begründete er kurz vor Anpfiff bei ProSieben: „Es ging darum, dass wir Trainingseindrücke sehen wollten. Es war komplett pari." Deshalb sei die Entscheidung pro Dahmen, der vor der Partie zwei U21-Länderspieleinsätze vorweisen konnte, das Bauchgefühl gewesen, was Finn ein Stückchen nach vorne gebracht habe.

Für Stefan Kuntz hat also „bei Gleichstand das Bauchgefühl" entschieden. Dass die überraschende Entscheidung und damit die Enttäuschung der Kontrahenten negativen Einfluss auf die Stimmung innerhalb des Teams haben könnten, glaubt Kuntz hingegen nicht. „Untereinander haben sie die Abmachung, dass sie den anderen unterstützen, wenn die Entscheidung gefallen ist", erklärte der U21-Trainer.

Zweifellos ist es ein mutiger Schritt von Stefan Kuntz, dass er ausgerechnet in einem so wichtigen Turnier auf den unerfahrenen Finn Dahmen setzt, der im Alter von 22 Jahren erst ein Profispiel absolviert hat und ansonsten nur Viertliga-Erfahrung mitbringt. Dafür muss es gute Gründe geben. Ex-DFB-Keeper René Adler nannte bei ‚ProSieben‘ schon vor der Partie neben dem Bauchgefühl des Trainers einen weiteren ausschlaggebenden Punkt, der für Dahmen spricht: „Er ist nicht der Größte (1,88 Meter, Anm. d. Red.), dafür aber ein umso besserer Kicker.“ Diese besonders Stärke könnte tatsächlich der entscheidende Trumpf des Mainzer sein und den Ausschlag für die Entscheidung des Bundestrainers gegeben haben. Dass er das Spiel mit dem Ball beherrscht, demonstrierte der 22-Jährige gegen Ungarn überzeugend. Auch unter Druck fand er mit rechts wie links stets präzise Lösungen und schaltete sich als hochstehender Keeper immer wieder selbstbewusst ins Aufbauspiel ein. Gefühlt verbrachte er mehr Zeit außerhalb als innerhalb des Strafraumes, was natürlich auch der Überlegenheit des deutschen Teams geschuldet war. Zudem wirkte der U21-Schlussmann selbstbewusst und sicher in seinem gesamten Auftreten. Dass Finn Dahmen auch die herkömmlichen Keeper-Disziplinen der Ziel- und Raumverteidigung beherrscht, konnte er im Spiel gegen Ungarn noch nicht zeigen. Diese Fähigkeiten hatte er aber im Spiel gegen die Bayern bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Rene Adler, der den aktuellen U21-Nationaltorhüter aus zwei Jahren gemeinsamer Zeit bei Mainz 05 kennt, sieht Dahmen jedenfalls „herausragend gut ausgebildet, mit herausragender Sprungkraft.“ Wo Finn Dahmen diese Fähigkeiten gelernt hat, machte der 12-malige Ex-Nationaltorhüter schmunzelnd und mit einem Augenzwinkern deutlich: „Er konnte ja auch von den Besten lernen.“

Auf seinen Nummer-1-Status darf sich Finn Dahmen jetzt aber nicht ausruhen. Kuntz ließ vor dem Turnier-Start nämlich eine mögliche Torwart-Rotation offen: „Ich will es nicht ganz ausschließen, dass wir auch wechseln.“ Der Mainzer Keeper ist allerdings zuzutrauen, dass er seine eroberte Position nicht mehr abgibt. Seine im Spiel gegen Ungarn gezeigten Qualitäten dürften Stefan Kuntz überzeugt und in seiner Meinung bestärkt haben.

BlickpunktFinn Dahmen1. FSV Mainz 051. BundesligaNationalmannschaft

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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