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Manuel Neuer wirkte angefressen, als er sich am Samstagabend nach dem Remis seiner Mannschaft FC Bayern München gegen RB Leipzig zu den Aussagen von Marc-André ter Stegen in den vergangenen Tagen äußerte. Seine Reaktion war ungewohnt deutlich für den ansonsten eher verbal zurückhaltenden Torwart. Besonders ärgerte ihn, dass das „nicht das erste Mal gewesen“ sei. Neuer, der den Teamgedanken seit jeher lebt und intern extrem viel kommuniziert, war besonders angefressen darüber, dass sein Teamkollege vom FC Barcelona die Medien als Ansprechpartner für seine Unzufriedenheit auswählte. „Ich suche nie das Gespräch mit der Presse“, sprach er im Schlusssatz des Interviews den Stein des Anstoßes an. Der Tenor seiner Aussagen gegenüber ter Stegen war klar: Rede nicht, zeige Respekt und stelle den Teamgedanken in den Vordergrund!

Eines vorneweg: Von einem „Torwartkrieg“, wie ihn die BILD bereits am Horizont aufkommen sieht, ist die Auseinandersetzung der beiden noch weit entfernt. Das Problem ist entstanden, weil Deutschland zwei Weltklasse-Torhüter besitzt, von denen nur einer spielen kann. Ter Stegen liefert seit Jahren bei seinem Klub FC Barcelona Top-Leistungen auf höchstem Level ab, sowohl in der spanischen Primera Division als auch auf internationalem Parkett. Zweifellos gehört der 27-jährige Schlussmann zu den besten Torhütern der Welt. Doch trotz weltweiter Anerkennung blieben ihm bisher nur 22 Länderspieleinsätze in der deutschen Nationalmannschaft vergönnt, zu wenige für einen Torhüter seiner Klasse. Mit Manuel Neuer, der aktuellen Nummer eins im DFB-Team, hat er allerdings einen Konkurrenten vor sich, der es mit dem Leistungsvermögen des Barca-Keepers jederzeit aufnehmen kann. 90 Länderspiele sowie die viermalige Wahl zum Welttorhüter sprechen dafür eine deutliche Sprache.

Bei der Bewertung der Äußerungen ter Stegens darf man allerdings den Zeitpunkt seiner Aussagen nicht unbeachtet lassen. Offensichtlich hatte ihm Bundestrainer Joachim Löw einen Einsatz gegen Nordirland in Aussicht gestellt, nach der Niederlage gegen die Niederlande (2:4) in Hamburg aber seine Absicht verändert, weil dem Spiel in Nordirland drei Tage später durch die Niederlage gegen Oranje eine besondere Bedeutung zukam. Für den ehrgeizigen Barca-Keeper natürlich eine große Enttäuschung. So ließ der 27-jährige Schlussmann ach seiner erneuten Rolle als Bankdrücker bei den EM-Qualifikationsspielen gegen die Niederlande und in Nordirland seinem Frust freien Lauf. Die Reise sei ein "harter Schlag" für ihn gewesen, brachte er seine Enttäuschung zum Ausdruck.

Schon einmal sah sich der Weltklasse-Torhüter um die Früchte seiner Arbeit gebracht. Vor der WM 2018 hatte sich Marc-Andre ter Stegen Hoffnungen auf einem Wechsel im deutschen Tor gemacht, nachdem Manuel Neuer bis kurz vor der WM aufgrund einer Verletzung am Mittelfuß monatelang ohne Spielpraxis war. Vergeblich, denn der Bundestrainer vertraute weiterhin auf seinen langjährigen Leistungsträger und Kapitän, trotz ungewissen Ausgangs. Nach dem enttäuschenden Auftritt der deutschen Nationalmannschaft und dem frühen Ausscheiden war von einem Neuaufbau im Nationalteam die Rede. Ein neuer Hoffnungsschimmer für den 27-jährigen Ausnahme-Keeper. Dass er auch jetzt noch kaum Länderspiel-Einsätze erhielt, muss den ehrgeizigen Barca-Schlussmann tief enttäuscht haben.

Bundestorwarttrainer Andreas Köpke reagierte auf die kritischen Aussagen der beiden Nationaltorhüter gelassen. Er habe "kein Problem" damit, "denn da ist nichts unter die Gürtellinie gegangen", sagte der 57-Jährige der Zeitung "Die Welt". Damit hat er wohl angemessen reagiert. Denn war ist bei einer ruhigen Betrachtung der Sachlage wirklich passiert. Ter Stegen hat seine Enttäuschung zum Ausdruck gebracht, ohne seinen Konkurrenten zu kränken. Manuel Neuer hingegen hat seinen Rivalen daraufhin ungewohnt deutlich zurechtgewiesen und seine Position gegenüber seinem Konkurrenten klar verteidigt, und das in einer Art, die nicht verletzend oder beleidigend war. Mehr war nicht, und mehr sollte man auch nicht daraus machen! Ein Fehlverhalten des Ex-Gladbacher spricht Neuer aber zu Recht an: "Er hat bei der Nationalmannschaft nichts gesagt. Ich weiß nicht, ob uns das hilft. Wir sind eine Mannschaft und sollten alles dafür tun, dass wir als Mannschaft auftreten.“ Unzufriedenheit kann nur in einer Aussprache mit dem Trainerteam formuliert werden, die Medien sind dafür ohne Zweifel nicht der richtige Ort.

Reaktionen auf die Kritik ter Stegens

Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann sieht Neuer sportlich weiter im Vorteil. "Wenn beide 100 Prozent spielen, dann ist Neuer besser. Er hat halt alles und ist komplett", sagte der 49-Jährige in der Sendung "Sky90". Lehmann gefällt Neuers "leicht arrogante" Art: "Er bestätigt das auch auf dem Platz und hat daher alle Argumente, weiterzuspielen."

Bodo Illgner, 54 Mal für Deutschland zwischen den Pfosten aktiv, fordert von Löw ein Machtwort. "Beide Torhüter haben mit Sicherheit ihren Anspruch auf die Nationalmannschaft, bringen hervorragende Leistungen. Nun sind die Trainer gefordert, ein Gleichgewicht zu finden", sagte er der "Welt".

Ex-Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack lobte Neuer für seine Reaktion: "Als er darauf angesprochen wurde, habe ich endlich diesen Führungsspieler gesehen. Ich fand es sehr gut. Das hätte er schon früher machen können." Ballack kann Neuer verstehen, denn für beide Charaktere sind Respekt und Hierarchien die Basis für eine funktionierende Mannschaft.

Wie kann Löw damit umgehen?

Trotz aller Enttäuschung muss ter Stegen erkennen, dass für die Position des Torhüters eben im Spiel nur ein Platz zur Verfügung steht. Wer diesen einnimmt, entscheidet der Trainerstab, der Unterlegene muss sich im Sinne der Mannschaft fügen. Beispiele aus der Vergangenheit gibt es genug. Auch der spätere mehrfache Welttorhüter Oliver Kahn musste sich bei der WM 1996 hinter Andreas Köpke anstellen, ebenso 2006, als er im Zweikampf mit Jens Lehmann unterlegen war, obwohl sein Grollen unüberhörbar war.

Sollte Löw im Disput um die Hierarchie im DFB-Tor keine Einigung herbeiführen können, plädiert Ex-Nationaltorhüter Bodo Illgner zugunsten einer "guten Atmosphäre" im DFB-Team " dafür, auf einen der beiden zu verzichten und dafür einen Spieler als Ersatztorwart zu nominieren, "der leistungsmäßig Nummer drei oder vier ist, (...) um den Frieden in dieser Mannschaft zu gewährleisten".

Solange Manuel Neuer weiterhin so starke Leistungen abliefert wie im Moment, wird sich Marc-Andre ter Stegen wohl oder übel noch gedulden müssen. Denn neben seinen hervorragenden sportlichen Leistungen verkörpert der 90-fache Nationaltorhüter noch mehr: Loyal gegenüber dem Trainerstab und der Mannschaft, ein sportlich vorbildliches Verhalten, ohne Allüren gegenüber Mitspieler und Fans. Diese Ebene muss Marc-Andre ter Stegen erst noch erreichen. Und sollte Bundestrainer Löw den Vorschlag Illgners, möglicherweise auf einen der beiden bei einem kommenden Großturnier aus atmosphärischen Gründen zu verzichten, stünde ihm mit Bernd Leno, Kevin Trapp oder Alexander Nübel genug ausgezeichnetes Personal zur Verfügung. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg!

BlickpunktNationalmannschaftMarc-André ter StegenManuel Neuer

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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