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Seit Donnerstag ist es offiziell bekannt. Bundesligist Union Berlin teilte mit, dass sich die Wege der Köpenicker und ihres Stammtorhüters Rafal Gikiewicz am Ende der Saison trennen werden. Beiden Seiten konnten sich nicht auf ein gemeinsames neues Arbeitspapier einigen.

Lange Verhandlungen gingen voraus

Monatelang dauerten die Vertragsverhandlungen an, auch wenn sie zeitweise wegen der Corona-Krise ruhten. Bereits vor Monaten machte der 32-jährige Pole in der polnischen Sendung „Kanal Sportowy“ seine Zielsetzung für die Gespräche mit den Union-Verantwortlichen öffentlich: „Ich habe seit zwei Monaten nicht mit Union gesprochen. Wir wollten uns an einen Tisch setzen, aber die Epidemie hat alles auf den Kopf gestellt. Ich würde gerne bei Union bleiben. Aber ich würde gerne die besten Jahre meiner Karriere monetarisieren.“ In anderen Worten ausgedrückt: Gikiewicz wollte ein möglichst großes Gehalt zum Höhepunkt seiner Karriere im Bewusstsein, dass sein Marktwert und damit seine Verhandlungsbasis noch nie so hoch war wie zum jetzigen Zeitpunkt und er vielleicht das letzte Mal in seiner Karriere die Chance hat, einen guten Vertrag auszuhandeln. Nachdem der Pole auch das neuste Angebot der Berliner wiederum ablehnte, zogen die Verantwortlichen bei Union nun den Stecker und beendeten eine weitere Zusammenarbeit.

Der Liebling der Union-Fans

Dass die Personalie Rafal Gikiewicz genügend Strengstoff in sich barg, war den Union-Verantwortlichen durchaus bewusst, denn der 32-polnische Schlussmann war in nur zwei Jahren zum Publikumsliebling der Köpenicker Fans gereift. Sie liebten den exzentrischen Keeper wie keinen anderen Spieler im aktuellen Union-Kader. Denn in der traumhaften Entwicklung des Vereins in den vergangenen beiden Jahren hatte Gikiewicz eine Hauptrolle gespielt. Anerkennend bescheinigte der Verein dem Keeper einen „großen Anteil am Aufstieg und dem bislang guten Abschneiden in der Bundesliga“. Auch der „kicker“ würdigte die guten Leistungen des Schlussmanns in der aktuellen Saison mit einem Notendurchschnitt von 2,98 und Platz sechs in der aktuellen Torspieler-Rangliste.

Geliebt wurde der Schlussmann von den Berliner Fans aber nicht wegen seinen Leistungen, denn neben großartigen Heldentaten unterliefen ihm auch immer wieder vermeidbare Fehler. Für die Fans der Köpenicker war Gikiewicz der Inbegriff einer Mentalität, wie sie speziell dieser Klub verkörpert. „Es gibt nicht mehr so viele Charaktere wie mich, die noch eine echte Fußballermentalität haben“, sagte der 32-jährige dem Tagesspiegel im vergangenen Sommer. Diese besondere Mentalität erkannten auch die Anhänger. Er war ein Musterprofi, der keinen Alkohol trank und die Pausen zwischen zwei Trainingseinheiten meist nutzte, um zu schlafen und so zu regenerieren. Er ordnete alles dem Erfolg des Vereins unter.

Nicht vergessen haben die Fans aber auch, wie er vor einem Jahr in der schwierigen Endphase des Aufstiegskampfes mit überragenden Leistungen z.B. in den Relegationsspielen gegen den VfB Stuttgart entscheidend zum Aufstieg der Hauptstädter beitrug. Oder als er 2018 ein spätes Ausgleichstor gegen Heidenheim köpfte. Diese Szene verdeutlichte eines: Aufgeben war nicht sein Ding.

Sein ehrlicher, unbeugsamer und bisweilen leicht „verrückter“ Charakter zeigte sich aber auch in Aktionen außerhalb des Spielfeldes. Viele werden sich noch an die Szene im November des vergangenen Jahres erinnern, als er in der überhitzten Atmosphäre nach dem Derbysieg gegen Hertha BSC mit einem furchtlosen, starren und durchdringendem Blick vermummte Union-Chaoten fast im Alleingang zurück in die Kurve schickte.

Der 32-Jährige war auch keiner, der sich den Fans anbiederte. Als Unions Fanszene die erste Bundesligasaison der Vereinsgeschichte mit einem Schweigeprotest gegen RB Leipzig beginnen wollte, stellte sich Gikiewicz klar dagegen. Er war der Typ, der ehrlich und offen Stellung bezog, ohne dabei auf die Beliebtheitswerte bei den Fans zu stieren. Er stand sinnbildlich für das Köpenicker Erfolgsmodell: Andersartigkeit, Ehrlichkeit, Gradlinigkeit, professionelle Einstellung und unbedingtem Siegeswillen. Das war wohl das Geheimnis, warum ihm die Fans Äußerungen nicht übel nahmen, auch wenn sie ihrer eigenen Denkweise widersprachen.

Vereinswohl vor Spieler

Man darf Manager Oliver Ruhnert unterstellen, dass er sich der besonderen Rolle von Rafal Gikiewicz für Union durchaus bewusst war und deswegen alles versuchte, den Keeper weiterhin an den Verein zu binden. Lange vor der Winterpause hatte er Gikiewicz bereits ein neues Vertragsangebot vorgelegt, das dieser in dieser Form aber nicht annehmen wollte. Weitere Gesprächs- und Verhandlungsrunden folgten. Letztlich lagen aber Gikiewicz` Wunsch nach einem letzten lukrativen Vertragsangebot und die beschränkten finanziellen Möglichkeiten des Vereins zu weit auseinander, so dass eine Trennung folgerichtig war. Sicherlich war Ruhnerts Entscheidung unpopulär, aber im Sinne des Vereins unvermeidbar. Mit dieser Entscheidung setzte er aber auch ein deutliches Signal gegenüber anderen Spielern, nämlich dass das Vereinswohl über dem finanziellen Interesse des Spielers und damit einer für den Verein nicht leistbaren finanziellen Belastung steht. Das ist nur konsequent bei einem Verein, der sich nicht blind der Kommerzialisierung des Fußballs verschrieben hat, sondern vereinseigene Strukturen möglichst bewahren will und dafür auch einen Abstieg aus dem Oberhaus in Kauf nehmen würde. Es gibt zu viele Traditionsvereine, die im Hamsterrad des Fußballs unüberlegt mitgedreht haben und sich heute in den Niederungen der vierten Liga befinden. Insofern war Ruhnerts Entscheidung zweifellos eine Entscheidung zum Wohl des Vereins.

Blickpunkt1. Bundesliga1. FC Union BerlinRafal Gikiewicz

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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