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Bayern-Cheftrainer Hansi Flick hatte nach dem 4:1-Sieg über Arminia Bielefeld den Gegner wegen der Spielweise sehr gelobt. Speziell Stefan Ortega, der Torhüter der Ostwestfalen, hatte ihn trotz der vier Gegentore beeindruckt. Er bezeichnete ihn als einen „herausragenden Torhüter“. Würdigungen solcher Art sind eher ungewöhnlich. Beobachtern der Torwartszene war Stefan Ortega aber schon seit längerem wegen seiner überragenden Offensivqualitäten aufgefallen. Es gibt keinen anderen Torhüter in Deutschland, der so stark in das Spiel seiner Mannschaft einbezogen ist wie der Arminia-Schlussmann.

Arminia-Spielsystem braucht mitspielenden Torhüter

Der Grund für Ortegas Spielweise liegt am Spielsystem von Cheftrainer Uwe Neuhaus. Der Bielefelder Coach legt Wert auf Ballbesitzfußball. Nach seiner Vision soll der Ball Pass für Pass von hinten heraus bis zu den Stürmern kombiniert werden. Dieser Spielansatz war zunächst auch für Ortega neu, musste er doch unter Neuhaus Vorgänger Jeff Saibene den Ball möglichst weit nach vorne schlagen, damit die Stürmer einerseits den zweiten Ball erobern konnten und andererseits kurze Wege bis zum Torabschluss hatten. Diese Zeit war mit der Ankunft von Uwe Neuhaus vorbei. Sein Spielsystem erforderte einen Torhüter, der das Spiel mit den Füßen in hohem Maße beherrscht.

Um der Spielauffassung von Neuhaus gerecht zu werden, musste Ortega also seine bisherige Spielweise verändern. Dazu brauchte es sowohl einen Torhüter, der bereit war, neue Schritte zu gehen und sich weiter zu entwickeln, als auch einen Torwarttrainer, der mit veränderten Trainingsinhalten diese neuen Anforderungen an den Keeper in passenden Übungsformen entwickelte und vermitteln konnte. Beide Voraussetzungen waren bei Ortega wie Torwarttrainer Marco Kostmann gegeben. Ab sofort wurden die Trainingsinhalte den neuen Vorgaben angepasst. Die feine Ballannahme beim ersten Kontakt, zielgenaue Pässe und technisch saubere Flugbälle gehörten fortan zu den ständigen Trainingsinhalten auf der Alm.

Aber fußballerisches Können allein genügte nicht, um der Spielidee des Arminia-Chefcoach gerecht zu werden. Eine weitere Anforderung kam hinzu. „Technische Fähigkeiten in Verbindung mit dem Treffen von Entscheidungen, und das in möglichst kurzer Zeit und sehr flexibel – diesen Druck und Stress müssen wir ins Training implementieren“, gab Torwarttrainer Kostmann die Richtlinien vor. Ortega musste also auch lernen, nach Ballgewinn bei der Spielfortsetzung die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Ortegas Spielweise in Zahlen

Mühe und Arbeit haben sich ausgezahlt. Die Zahlen zeigen, wie sehr das Bielefelder Spiel inzwischen von Stefan Ortega mitgeprägt ist. In der vorigen Zweitliga-Saison hatte der Keeper insgesamt 2582 Ballkontakte, mehr als jeder andere Bielefelder Feldspieler. Das entspricht im Durchschnitt 76 Ballkontakten pro Spiel. Wie enorm hoch dieser Wert ist, wird bei einem weiteren Vergleich deutlich. Nur drei Zweitliga-Feldspieler hatten in der abgelaufenen Saison mehr Ballkontakte als Ortega, nämlich Stenzel (VfB Stuttgart) sowie Leipold und van Drongelen (beide Hamburger SV).

Auch mit dem Aufstieg in Deutschlands Oberhaus hat sich an Ortegas Spielweise nichts geändert. Nach vier Bundesliga-Spieltagen weist er bereits wieder einen Durchschnittswert von 67,5 Ballkontakten pro Spiel auf.

Dass Ortegas Ziel nicht nur darin besteht, den Ball möglichst lange in den eigenen Reihen zu halten, macht ein Blick auf seine Passquoten deutlich. 67 Pässe spielte Ortega in der vergangenen Zweitliga-Saison 2019/20. Die Torhüter der ersten Bundesliga kamen im selben Zeitraum in der Regel auf 30-40 pro Spiel. Auch in der laufenden Spielzeit 2020/21 hat Ortega schon wieder einen Durchschnittswert von 57 Pässen pro Spiel vorzuweisen. Die Erkenntnis: Keiner spielt mehr Bälle als er!

Wie sehr er das Spiel mit dem Fuß perfektioniert hat, zeigt auch ein Blick auf die Passquote speziell bei langen Bällen. 50,7 % aller lang gespielten Bälle brachte er zum Mitspieler. Ein sehr hoher Wert, der nach den Daten der Fachzeitschrift „Kicker“ nur von Manuel Neuer (55,6 %) und Timo Horn (52,6 %) in der vergangenen Saison übertroffen wurde.

Chancen und Risiken seiner Spielweise

Bereits in der vergangenen Aufstiegssaison hatte Ortega mit seinem feinen Fuß mehrere Tore für sein Team eingeleitet. „Chipbälle hinter die gegnerische Abwehrkette sind ein probates Mittel“, ist sich Arminia-Trainer Uwe Neuhaus sicher. Bälle, die Bielefelds Schlussmann in hohem Maße beherrscht. Bereits am zweiten Spieltag In der laufenden Bundesliga-Saison 2020/21 demonstrierte der Keeper auf eindrucksvolle Weise diese Fähigkeit in der 78. Minute im Spiel gegen den 1. FC Köln, wie die Grafik unten darstellt. Nach einem Rückpass erkennt er - ca. 37 m vor seinem Tor stehend -, dass die Kölner Abwehrreihe auf einer Linie vorrückt. Gleichzeitig nimmt er wahr, dass sich sein isländischer Mitspieler Edmundsson (Nummer 14) in Bewegung setzt und sich nach einem Bogenlauf im richtigen Moment zwischen den Kölner Abwehrspielern Horn (Nummer 23) und Czichos (Nummer 5) hindurch in Richtung Tor den Ball fordert. Zielgenau spielt Ortega den Ball in den Lauf von Edmundsson, der den Ball auf Höhe der Strafraumlinie annimmt und mit einem Tor abschließt.

Eine ähnliche Überraschung gelang Ortega beinahe beim Auswärtsspiel gegen Bayern München. Wiederum nach einem Rückpass spielte er den Ball in der 31. Minute - ca. 28 m vor dem eigenen Tor stehend -, mit einem langen Flugball über die Bayern-Abwehr hinweg in den Lauf von Torjäger Fabian Klos. Erst im letzten Moment konnte Manuel Neuer im 1gegen1 einen Torerfolg des Angreifers verhindern.

Dass die Absicht, den Ball immer in den eigenen Reihen zu halten, durchaus auch Gefahren mit sich bringt, zeigten Situationen gegen Frankfurt und Bayern München. Beim Spiel in Frankfurt spielte Ortega seinen Mitspieler Preitl auf zentraler 6er-Position an, obwohl dieser Gegnerdruck hatte. Nur mit Glück konnte der Keeper einen Gegentreffer nach Frankfurter Balleroberung verhindern. Noch eklatanter war sein Passfehler in der 50. Minute bei der 4:1-Niederlage gegen den deutschen Meister Bayern München. Nach einem Rückpass wollte er den Ball direkt auf die andere Spielfeldseite zu einem Mitspieler befördern. Stattdessen landete der Ball in den Füßen von Serge Gnabry, der den Ball direkt ins Zentrum auf den frei stehenden Lewandowski weiterleitete. Mit einem Block gegen Lewandowski konnte der Bielefelder Schlussmann aber im letzten Moment einen weiteren Gegentreffer verhindern.

Zweifelsohne ist mit der Spielweise, den Ball möglichst auch unter Druck in den eigenen Reihen zu halten, ein höheres Risiko verbunden, als wenn der Torhüter den Ball weit nach vorne in die gegnerische Spielhälfte schlägt. Und sicherlich werden sich gegnerische Mannschaften vermehrt auf Ortegas Spielweise einstellen und versuchen, frühzeitig die Räume hinter der Abwehrkette zu schließen. Aber mit seiner guten Vororientierung und seinen zielgenauen Pässen wird es Ortega auch weiterhin gelingen, Lücken in der gegnerischen Abwehr zu erkennen und sie auszunutzen. Mit einem „Feldspieler in Handschuhen“ ist das beschriebene Risiko sicherlich überschaubar.

Blickpunkt1. BundesligaArminia BielefeldStefan Ortega

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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