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Seine sportlich erfolgreichste Zeit hatte Markus Miller zweifelsohne beim damaligen Erstligisten und späteren Zweitligisten Karlsruher SC, für den der gebürtige Allgäuer in sieben Jahren insgesamt 183 Erst- und Zweitligaspiele absolvierte. Während der Zeit der Erstligazugehörigkeit des KSC gehörte Miller zu den besten Torhütern in der Bundesliga. Nachdem sein Vertrag bei den Badenern abgelaufen war und die Badener zudem große finanzielle Probleme drückten, wechselte Miller zur Saison 2010/11 zu Hannover 96. Weitere Knieprobleme – bereits bei KSC musste er wegen einer Kreuzbandverletzung längere Zeit pausieren - verbauten ihm aber die Chance, auch in Hannover zum Stammtorhüter aufzurücken. Im September 2011 machte Miller zudem eine mentale Erschöpfung öffentlich und musste stationär behandelt werden. Deshalb absolvierte er erst im Dezember 2011 sein erstes Pflichtspiel für Hannover 96 in der Gruppenphase der UEFA Europa League gegen Worskla Poltawa. Ins Rampenlicht der Bundesliga gelangte er aber nicht mehr. Zum Ende der Saison 2014/15 verließ Miller Hannover 96 und beendete kurze Zeit später seine Karriere als Aktiver. Nach einer vorübergehenden Tätigkeit als Torwarttrainer der deutschen U-15-Nationalmannschaft arbeitet er seit November 2016 als Torwarttrainer im NLZ des Bundesligisten VfL Wolfsburg, wo er für die Keeper der U14 bis U19 zuständig ist.

Artur Stopper Markus, du hast 2015 bereits mit 33 Jahren deine Karriere beendet. War das nicht etwas zu früh?

Markus Miller Das denke ich auch immer mal wieder. Aber meine Frau meint, dass alles einen Sinn hat, wie es kommt. Wenn man aber täglich mit jungen Talenten auf dem Platz steht und den Geruch des Rasens riecht, dann juckt es immer mal wieder. Ich sagte früher einmal, dass ich gerne bis zum Alter von 38 Jahren spielen würde. Das Alter habe ich noch immer nicht erreicht. (lacht) Daher war es gefühlt schon ein bisschen früh, als ich aufhören musste. Andererseits bin ich auch sehr dankbar dafür, dass ich weiterhin in diesem Metier arbeiten kann, wenn auch auf der anderen Seite.

Artur Stopper Du hast in sieben Jahren insgesamt 184 Erst- und Zweitligaspiele absolviert. Bist du im Rückblick zufrieden mit dem Verlauf deiner Karriere?

Markus Miller Meine ganze Karriere über habe ich nach dem Prinzip gelebt, dass es immer noch besser geht. Deshalb denke ich manchmal, dass es in dem ein oder anderen Fall hätte noch besser kommen können. Aber diese Gedanken dauern nur einen kurzen Moment an, dann relativiere ich sie auch wieder. Denn genauso hätte meine Karriere auch viel schlechter verlaufen können, z.B. durch eine schwere Verletzung, und ich hatte viele Verletzungen. Deshalb bin ich, abgesehen davon, dass ich zu früh aufhören musste, zufrieden mit dem Verlauf meiner Karriere.

Artur Stopper Deine sportlich erfolgreichste Zeit hast du sicherlich beim damaligen Bundesligisten Karlsruher SC erlebt. Wie sehr bist du noch heute mit diesem Verein verbunden?

Markus Miller Im Prinzip schlägt mein Herz für jeden Verein, bei dem ich gespielt habe oder bei dem ich arbeite. Allerdings ist mein Herz seit der damals tollen und mich prägenden Zeit immer ein bisschen blau-weiß. Ich habe in Karlsruhe meine ersten Profi-Spiele machen dürfen und eine erfolgreiche Zeit in der ersten und zweiten Liga erlebt. Meine beiden Söhne sind dort geboren, viele wunderbare und auch negative Erlebnisse sind mit dieser Stadt verbunden. Aber im Großen und Ganzen war die Zeit in Karlsruhe meine sportlich schönste und prägendste Zeit in meiner Karriere.

Artur Stopper Du hast einmal vor der besonderen Wohlfühlatmosphäre beim KSC gesprochen. Wie wichtig ist dieser Faktor bei einem Profi-Sportler?

Markus Miller Sportwissenschaftlern und Trainern wird immer bewusster, dass für sportlichen Erfolg auch der Kopf eine große Rolle spielt. Beim KSC hat man damals aus der Not eine Tugend gemacht. Es war alles sehr familiär und klein, jeder war für den Anderen da. Wenn man sich in einem Umfeld wohl fühlt, ist es auch einfacher, Leistungen zu bringen. Das gilt im Übrigen für alle Berufszweige. Diesen Weg versuchen viele Sportmanager oder Leiter von Nachwuchs-Leistungszentren umzusetzen, um mit guten Rahmenbedingungen den bestmöglichen Erfolg zu erzielen.

Artur Stopper Ein Spiel von dir bleibt unvergessen: Am 21. September 2004 hast du im DFB-Pokalspiel des Zweitligisten KSC gegen Erstligist Mainz 05 zwei Elfmeter gehalten und wurdest dadurch zum Matchwinner. Du wurdest fortan als "Killer-Miller" bezeichnet. War dieser Name eher Segen oder Fluch für deine weitere Laufbahn?

Markus Miller Ich genieße diese Bezeichnung heute noch. Für jemanden, der die Hintergründe oder meinen Namen nicht kennt, hört sich das Wortspiel vielleicht martialisch an. In der kleinen Torwartwelt ist es für mich immer noch angenehm, so genannt zu werden, wenn es nicht gerade beim Eis essen mit meinen Kindern ist. (schmunzelt) Für mich verbindet der Name ein besonderes sportliches Erlebnis.

Artur Stopper Neben vielen hervorragenden Leistungen für den KSC ist besonders dein öffentliches Bekenntnis im September 2011 von dir in Erinnerung geblieben, als du als erster Profi dich dazu bekannt hast, mental erschöpft zu sein. Wie schwer ist es dir damals gefallen, deine Erkrankung öffentlich zu machen?

Markus Miller Das war extrem schwer. Es gab noch keine Erfahrungswerte, wie die Öffentlichkeit darauf reagieren würde. Es gab als Vergleich nur den Suizid von Robert Enke aus denselben Gründen mit ganz anderen Ausmaßen. Wir wussten also nicht, was auf mich zukommen oder passieren würde. Es ging ja nicht nur um mich, sondern auch um die Familie. Es war ein langer Prozess, bis uns klar wurde, was wir machen wollen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass die Zusammenarbeit mit dem Verein und insbesondere mit dem damaligen Sportdirektor Jörg Schmadtke vorzüglich war.

Artur Stopper Wäre dieses Bekenntnis ohne die Tragödie um Robert Enke einige Jahre zuvor möglich gewesen?

Markus Miller Es ist müßig, darüber nachzudenken, was wäre wenn. Allerdings glaube ich, dass es sehr schwer gewesen wäre. Weil sich die Tragödie mit Robert Enke zufällig im gleichen Verein ereignete, ist mein öffentliches Bekenntnis, so traurig es klingt, leichter gefallen.

Artur Stopper Wie macht sich mentale Erschöpfung bei einem Profi-Sportler bemerkbar?

Markus Miller Jeder Mensch ist anders und geht deswegen auch anders damit um. Deshalb hinken Vergleiche immer ein bisschen. Grundsätzlich kann man sagen und inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Struktur im Gehirn wortwörtlich verklebt, wenn man ständig emotional bei anderen Themen ist, die einen beschäftigen. Man kann nicht mehr frei agieren. Einfachste Dinge, die man jahrelang trainiert hat, kann man nicht mehr umsetzen. Wenn das nicht mehr klappt, macht man sich immer mehr Gedanken und setzt eine Spirale in Gang, in die man sich immer mehr verstrickt. Wenn man irgendwann Probleme hat, seinem Hobby und gleichzeitigem Beruf nachzukommen, dann wird es schwierig. Das ist spätestens der Zeitpunkt, wo man merkt, dass sich etwas ändern muss.

Artur Stopper Der Druck im Spitzensport ist inzwischen enorm. Druck gibt es von außen (Medien, Erwartungshaltung der Öffentlichkeit), aus dem Umfeld (Eltern, Verein, Trainer …) oder von innen (eigene Erwartungshaltung und Zielsetzung). Welcher ist der stärkste, welcher der schwierigste?

Markus Miller Es gibt ganz verschiedene Persönlichkeiten. Einige Sportler oder Torhüter brauchen den Druck von außen. Ein gutes Beispiel dafür ist Oliver Kahn, für den laut eigener Aussage die Anfeindungen und der Hass der gegnerischen Fans ein besonderer Push war, weil er es ihnen zeigen wollte. Andere brauchen eher die Selbstmotivation. Da wäre der Druck von außen eher kontraproduktiv.

Artur Stopper Du hast inzwischen eine zweite Karriere als Torwarttrainer und Mental-Coach gestartet. Hauptberuflich bist du für das Torhütertraining in der Akademie beim VfL Wolfsburg zuständig und arbeitest außerdem als DFB-Torwarttrainer der U-Nationalmannschaften auf Honorarbasis. War dein persönliches Schicksal der Auslöser dafür, dich intensiv mit mentalem Training zu beschäftigen?

Markus Miller Ich war schon früher immer offen für neue Wege, und das mentale Training, das zu meiner aktiven Zeit noch wenig verbreitet war, interessierte mich. Deswegen habe ich bereits vor meiner Erkrankung mit einem Mentalcoach gearbeitet. Natürlich hat meine Erkrankung aber dazu beigetragen, dass ich noch tiefer in diese Materie eingestiegen bin und so gemerkt habe, welch riesiges Potenzial in einem Menschen schlummert. In meiner jetzigen Tätigkeit kann ich unterschwellig im mentalen Bereich arbeiten. Vielleicht habe ich in diesem Bereich einen kleinen Wissensvorsprung, weil ich viel durchlebt habe und meine eigene Erfahrung weitergeben kann.

Artur Stopper Viele Klubs bieten ihren Spielern die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer an. Inwiefern hätte dir dieses Angebot helfen können?

Markus Miller Ich denke es hätte einiges in meiner Karriere verändert, unklar ist in welche Richtung. Wir können nicht mit Glaskugeln in die Zukunft schauen und die Vergangenheit kann man auch nicht verändern. Aber manchmal denke ich schon, dass es gut gewesen wäre, wenn es schon früher in die jetzige Richtung gegangen wäre.

Artur Stopper Der Druck ist bei Torhütern, bedingt durch die Position als letzter Spieler, besonders groß. Trotzdem werden einige Torhüter sagen, dass sie die Unterstützung durch einen Mentaltrainer nicht brauchen. Was antwortest du denen?

Markus Miller Wenn ein Torhüter kein Mentaltraining braucht, muss man das akzeptieren. Ich fände es nicht gut, jemand in etwas hineinzuzwängen. Man muss nicht Probleme herbeireden. Hier passt der Leitsatz gut „Alles kann, nichts muss“. Man kann Hilfestellungen anbieten, annehmen muss sie ein Torhüter aus freien Stücken. So wie die Schulung von Koordination oder Ausdauer zum festen Bestandteil des Trainings gehören, gibt es kognitive Elemente, wie z.B. im Mentaltraining durch die Visualisierung, mit deren Hilfe man sein Leistungspotenzial verbessern kann. Vorteile in diesem Bereich können in der Spitze sehr relevant sein.

Artur Stopper Was willst du jungen Torhütern auf dem Hintergrund deiner persönlichen Erfahrungen besonders mit auf den Weg geben?

Markus Miller Es gäbe sicherlich viele Aspekte. Für wichtig halte ich, dass junge Torhüter authentisch bleiben und sich nicht verstellen. Profisport ist sicherlich auch ein bisschen Schauspielerei. Trotzdem wäre es nicht gut, wenn sie gekünstelt auf dem Platz stehen und denken, sie müssten jetzt so sein. Außerdem halte ich einen respektvollen Umgang miteinander für wichtig, sowohl innerhalb der eigenen Mannschaft als auch dem Gegner gegenüber. Die Fußballwelt ist klein und man begegnet sich immer wieder, das merke ich immer öfter. Ich jedenfalls bin froh, dass ich mit meinen Mitspielern und Kontrahenten respektvoll umgegangen bin. Zuletzt ist mir noch ein Satz wichtig, den wohl Oli Kahn geprägt hat: Immer weiter. Sich immer reinzuhauen, den Willen zu zeigen, das Letzte zu geben, mit Leidenschaft das Beste geben, das würde ich ihnen gerne mit auf den Weg geben.

Artur Stopper Markus, vielen Dank für das interessante Interview. Ich drücke dir die Daumen, dass du mit deinen Erfahrungen jungen Torhütern auf ihrem weiteren privaten und sportlichen Weg eine Stütze und ein Halt sein wirst.

InterviewMarkus MillerDeutscher Fußball-Bund

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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