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Seit 1 ½ Jahren ist Michael Gspurning Torwarttrainer beim Bundesliga-Aufsteiger Union Berlin. Der inzwischen 38 Jahre alte dreimalige österreichische Nationaltorhüter bringt aus seiner Zeit als Spieler reichlich internationale Erfahrung mit. Seine ersten sportlichen Sporen verdiente er sich in Österreich u.a. bei den Vereinen Austria Wien und dem FC Pasching. Die meiste Zeit seiner Profikarriere spielte er aber in Griechenlands erster Liga bei Skoda Xanthi, wo er von 2007 bis 2012 unter Vertrag stand. Anschließend wechselte er für zwei Jahre in die amerikanische Major League Soccer (MLS) zu den Seattle Sounders. Nach 62 Pflichtspielen verließ Gspurning nach Ende der Meisterschaft 2013 den Verein und kehrte im Winter 2014 jeweils für ein halbes Jahr nach Griechenland zu PAOK Saloniki und Platanias zurück. Ab Januar 2015 fungierte er als Backup-Torhüter bei Schalke 04. Im August 2016 verpflichtete ihn der damalige Zweitligist 1. FC Union Berlin. Er absolvierte aber kein Pflichtspiel mehr für den Verein. Im Dezember 2017 beendete Gspurning seine aktive Karriere und arbeitet seither als Torwarttrainer der Union-Profis. Goalguard sprach mit dem 38-Jährigen über den äußerst emotionalen Bundesliga-Aufstieg der Eisernen, die besondere Atmosphäre und Situation in diesem Klub sowie über die zukünftige Torwartkonstellation bei den Berlinern.

Artur Stopper Michael, hast du die Feierlichkeiten zum Bundesliga-Aufstieg deines Klubs Union Berlin gut überstanden?

Michael Gspurning Definitiv! Aber ich war am Limit mit meinen Emotionen, und das gleich zweimal. Das erste Mal mit dem Schlusspfiff gegen Stuttgart, als wir nach einer Saison voller Erwartungen, Höhen und Tiefen den Aufstieg geschafft hatten. Wir feierten anschließend die Nacht durch. Der nächste Tag verlief dann etwas ruhiger. Aber am Tag darauf kamen die Emotionen ein zweites Mal hoch, als wir bei der unglaublichen Party sahen, wie sehr wir die Menschen innerlich bewegt hatten, ob auf dem Weg zum Rathaus in die Stadt oder bei der Fahrt mit dem Schiff, als wir von vielen Fanbooten begleitet wurden. Auch beim Empfang im Köpenicker Rathaus und auf dem Balkon vor einer großen Menschenmenge sowie bei der anschließenden Fahrt im offenen Bus vom Rathaus zum Stadion brachten uns unsere Fans ihre ungeheure Freude zum Ausdruck. Jetzt befinden wir uns aber schon wieder im Modus abgehakt und mitten in den Planungen für die kommende Saison.

Artur Stopper Kam dieser Erfolg für dich überraschend oder hattest du insgeheim vor der Saison schon damit gerechnet?

Michael Gspurning Man darf in der jetzigen Situation nicht vergessen, wo wir genau vor einem Jahr gestanden hatten, nämlich knapp vor dem Abstieg. Damals hätte uns das Schicksal von Eintracht Braunschweig ereilen und der Verein in große Schwierigkeiten kommen können. Wichtig war der Neustart. Wir haben mit Oliver Ruhnert und unserem Cheftrainer Urs Fischer zwei Persönlichkeiten in die Führungsabteilung bekommen, bei denen man vom ersten Tag an Professionalität, Wille und Menschlichkeit spürte. Weil wir aber einen kompletten Umbruch in der Mannschaft hatten, wussten wir überhaupt nicht, wo wir stehen. Mit zunehmender Dauer bekamen wir aber eine Beständigkeit in die Mannschaft, die immer wieder von außen von den Fans mitgetragen wurde. Besonders die Spiele gegen Köln und Hamburg zeigten, dass wir uns vor allem auf unsere Defensive verlassen konnten, kompakt standen und sich Rafa (Gikiewicz) als eine Stütze im Tor herauskristallisiert hat. Trotz negativer Momente, wie z.B. das Spiel gegen Bochum, haben wir uns immer wieder auf diese Beständigkeit als unsere Stärke berufen, so auch in den Relegationsspielen. Einerseits wussten wir um die Qualität von Stuttgart und kannten die Statistik der Zweitligisten in der Relegation. Anderseits war die Chance da, wenn wir mutig agierten. Dafür, dass die Mannschaft das geschafft hat, verdient sie ein Riesenkompliment. Diese Leistung haben uns wahrscheinlich nicht alle zugetraut.

Artur Stopper Die Liga kann sich auf einen besonderen Klub freuen. "Union ist ein Klub mit einem Geist", formulierte der Schweizer Union-Trainer Urs Fischer. Welchen Geist mein Urs Fischer, was macht diesen Klub so besonders?

Michael Gspurning Es ist schön, dass jetzt noch viel mehr in der Öffentlichkeit bekannt wird, wie speziell dieser Klub ist. Allein schon durch den geschichtlichen Hintergrund, nämlich wie der Klub zu DDR-Zeiten gesehen worden war, hat sich eine eigene Mentalität und ein Zusammengehörigkeitsgefühl bei Union entwickelt. Dieses Gefühl trug den Klub auch durch die schwere Zeit nach der Wiedervereinigung, in der der Klub vor dem finanziellen Ruin stand und die Fans das Stadion mit renoviert und umgebaut haben. Allein diese Geschichte spricht Bände. Deshalb wird besonders vom Präsidenten darauf geachtet, dass der Verein den Spagat schafft, immer auch noch die romantische Seite des Fußballs, die Union extrem verkörpert, beizubehalten und trotzdem den modernen Weg mitzugehen. Geschäftsführer Oli Ruhnert äußerte einmal den Satz: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“. Dem ist nichts hinzuzufügen, Der Verein wird auf Dauer nur Erfolg haben, wenn er versucht, seinen eigenen Weg mit in die Moderne hinüber zu retten.

Artur Stopper Mit dem Aufstieg in die Erste Liga wächst auch der Zugzwang, sich an die kommerziellen Umstände der Bundesliga anzupassen. Besteht die Gefahr, dass der Verein sein Herz an den Kommerz abgeben muss?

Michael Gspurning Die Gefahr könnte sicherlich bestehen. Aber ich bin sicher, dass Union seinen Weg finden wird. Trotz des Aufbaus des Stadions aufs 36 000 Zuschauer werden davon weiterhin 28 000 Stehplätze sein. Allein daran kann man schon erkennen, dass Union seinen eigenen Weg geht, bei dem man die Fußballromantik mitnimmt. Im Gegensatz zu vor zwei Jahren, als nicht wenige noch Bedenken gegen einen Aufstieg hatten, war dieses Mal der Aufstieg von allen gewollt. Man merkt, dass der Glaube daran da ist, dass Union mit seinem eigenen Weg erfolgreich sein kann, ohne die Integrität zu verlieren.

Artur Stopper In Liga zwei hatte Union einen Lizenzspieleretat von 16 Millionen Euro. In der Bundesliga ist er selbst bei Teams wie Augsburg doppelt so hoch. Wie kann der Verein mit diesen Voraussetzungen in der Bundesliga überleben?

Michael Gspurning Durch eine sehr gute Planung, Kreativität und unbedingten Einsatz. Der Verein muss in manchen Bereichen früher dran und cleverer sein als andere Vereine. Sicherlich schafft man das nicht immer. Im letzten Jahr ist es uns gelungen, den Kader umzukrempeln und durch gute Arbeit trotzdem erfolgreich zu sein. Deshalb sind wir zuversichtlich, auch in dieser Saison wieder eine Mannschaft zusammenstellen zu können, bei der es anderen Mannschaften schwerfallen wird, die Punkte aus der Alten Försterei mitzunehmen. Die momentane Situation ist ein Ansporn für uns, Lösungen zu finden, dass wir erfolgreich sein können.

Artur Stopper Nach 17 Jahren als Profi-Torhüter, unter anderem in Griechenland, der USA und bei Schalke 04, bist du im Sommer 2017 gegen Ende deiner Karriere als Nummer drei zu Union Berlin gewechselt und hast die Rolle als Back-Up-Torwart übernommen. Im Winter der vergangenen Saison hast du dann das Torwarttraineramt bei den Eisernen übernommen. Wie war für dich als Neueinsteiger ins Traineramt das Schwierigste bei der Umstellung vom Spieler zum Trainer?

Michael Gspurning Für mich war die neue Aufgabe nicht so schwierig, weil ich irgendwie schleichend in diese Rolle hineingewachsen bin. Bereits als aktiver Spieler betreute ich die Nachwuchstorhüter des Vereins und habe ein Nachwuchskonzept für die Torhüter des NLZ erstellt. Auf diese Weise konnte ich die Arbeit als Torwarttrainer von der Pike auf lernen. Durch die Erstellung des Konzepts war ich gezwungen, über Grundthematiken des Torwarttrainings, wie z.B. über die verschiedenen Techniken nachzudenken, was sehr wichtig für mich war. Aber schon in meiner Zeit auf Schalke war ich eine Art Mentor für junge Torhüter wie beispielsweise Alexander Nübel. Zusammen mit Ralf Fährmann und Torwarttrainer Simon Henzler hatten wir zudem eine Trainingsgruppe, in der wir uns ständig untereinander ausgetauschten. Nach meinem Wechsel zu Union setzte sich diese Ratgeberrolle fort, denn oft wollten die Torhüter ein Feedback von mir zum Spiel. D.h. bereits in der Endphase meiner Karriere hatte ich mich vom Spielerdasein langsam verabschiedet, daher war der Sprung ins Traineramt für mich nicht so groß. Um auf deine Frage zurückzukommen: Der schwierigste Schritt für mich war zu erkennen, dass jeder Torhüter eine gewisse Eigenständigkeit hat und ich als Trainer nicht für alles verantwortlich bin, was auf dem Platz passiert, im Guten wie im Schlechten. Ich musste mich davon lösen, die Leistung eines Torhüters emotional zu sehen und sie direkt auf meine Arbeit zu beziehen. Natürlich trägt meine Arbeit zum Ergebnis bei, trotzdem ist jeder Torwartleistung auch eigenständig, denn als Torwarttrainer kann man nicht alles beeinflussen.

Artur Stopper Unions Erfolge hängen auch mit den Leistungen von Stammtorhüter Rafal Gikiewicz zusammen, der in der abgelaufenen Saison zweifelsohne zu den besten Keepern der zweiten Liga gehörte. Wo siehst du seine besonderen Stärken?

Michael Gspurning Seine besondere Stärke ist sicherlich, dass er zu 100 % ein Matchtyp ist. Erst im Spiel kann er sein Leistungsvermögen voll ausschöpfen. Er braucht dazu die große Bühne, ob es im Pokalspiel in Dortmund, im Spiel gegen den HSV oder in den Spielen der Relegation war. Das ist ein Punkt, den ich extrem an ihm schätze. Auch wenn er im Training immer alles gibt, merkt man, dass er erst auf dem Platz sein ganzes Potenzial ausschöpfen kann. Er ist außerdem auch ein Charakter oder Typ, wie man ihn heutzutage im Fußball immer seltener sieht. Das war auch der Grund, warum ich ihn vor der Saison unbedingt wollte, weil wir das Gefühl hatten, dass wir Typen in der Mannschaft brauchen. Er hat diese Zu-Null-Mentalität noch in sich, die man schwer erklären kann. In technischen Bereich besitzt er eine große Stärke in 1gegen1-Situationen und schafft es hervorragend, durch eine gute Distanz zum Schützen Druck auf ihn aufbauen. Zudem hat Rafa in der vergangenen Saison fußballerische Fähigkeiten entwickelt, die ich ihm so gar nicht zugetraut hatte. Nicht zuletzt spricht auch seine große Konstanz für eine große Qualität.

Artur Stopper Seit kurzem hat ihr mit dem U21-Nationaltorhüter Moritz Nicolas eines der größten Nachwuchstalente im Torwartbereich unter Vertrag genommen. Welche Überlegungen haben bei dieser Verpflichtung eine Rolle gespielt?

Michael Gspurning Bei seiner Verpflichtung haben sicherlich langfristige Überlegungen eine Rolle gespielt, ohne zu sehr auf unsere Planungsdetails eingehen zu wollen. Gerne würde ich Lennart Moser, unserer bisherigen Nummer drei, mehr Spielpraxis geben, damit er sich weiter entwickeln kann, weg von Union. Möglicherweise tut sich auf dieser Position noch etwas. Auch kann man nie wissen, was in diesem Sommer noch passiert. Jakob Busk hatte bereits im Winter ein Angebot. An dieser Stelle möchte ich noch einmal Jakobs großartiges Verhalten betonen, ohne das die Leistungen von Rafal nicht möglich gewesen wäre. Ich hätte mir in diesem Jahr keine bessere Nummer zwei wünschen können. Bei seiner Vorgeschichte als ehemaliger Union-Stammtorhüter war es keine Selbstverständlichkeit, sich so in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Jakub könnte in jedem Zweitligateam die Nummer eins sein. Deshalb wird man sehen, was er und sein Management wollen. Mit der Verpflichtung von Moritz Nicolas wollten wir diesen Schritt früher dran sein, von dem ich zuvor gesprochen hatte. Wie die Torhüterkonstellation letztlich aussehen wird, wird sich zeigen. Man wird sehen, was noch alles passiert.

Artur Stopper Seit der vergangenen Saison habt ihr mit Gikiewicz eine klare Nummer eins zwischen den Pfosten. In der Saison zuvor rotierte der Klub mit Busk und Mesenhöler auf der Torhüterposition. Wie hast du die Rotation aus der Beobachterposition wahrgenommen, und hältst du sie auf der Torwartposition für sinnvoll?

Michael Gspurning Grundsätzlich ist es immer wünschenswert, wenn die Torhüter ihre Position kennen. Das heißt nicht, dass klar ist, wer die Nummer eins oder zwei ist. Torhüter können vom Typ her so sein, dass sie diese Konkurrenzsituation brauchen. Wichtig für mich ist immer eine offene Kommunikation und dass jeder Torhüter weiß, dass es prinzipiell nicht um die Nummern geht, sondern jeder gleich wichtig ist. Deshalb achte ich sehr darauf, dass ich alle drei bestmöglich in ihrer Entwicklung unterstütze.

Artur Stopper Michael, ich möchte mich bei dir recht herzlich dafür bedanken, dass du dir Zeit für uns genommen hast, und wünsche dir und Union viel Glück und Erfolg für die kommende Saison.

InterviewMichael Gspurning1. Bundesliga1. FC Union Berlin

Artur Stopper

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Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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