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Seit dieser Saison ist Steffen Krebs für die Profi-Torhüter des Bundesligisten VfB Stuttgart zuständig. Nach dreijähriger Tätigkeit beim Ligakonkurrenten Borussia Mönchengladbach kehrte er im vergangenen Sommer zu seinem Heimatverein zurück. Denn der 38-Jährige war bereits von 2009 bis 2015 sechs Jahre lang im Nachwuchsbereich der Schwaben tätig, ehe er über die TSG Hoffenheim nach Mönchengladbach wechselte. Ab 2018 bildete er in Gladbach ein Trainergespann mit Borussen-Legende Uwe Kamps. Nun ist er zu seinem Herzensverein zurückgekehrt und hat bei dem schwäbischen Vorzeigeklub einen Vertrag bis zum 30.06.2025 unterschrieben.

Goalguard unterhielt sich mit Steffen Krebs u.a. über die Gründe seiner Rückkehr, über die Aufgaben des VfB-Keepers im Spielsystem von Cheftrainer Matarazzo, über die Rolle der Antizipation und des Kopfes im modernen Torwartspiel sowie über mögliche zukünftige Entwicklungen auf der Torwartposition.

Artur Stopper Steffen, der VfB Stuttgart steht nach 28 Spielen auf Platz 15 in der Bundesligatabelle. Sicherlich hattest du dir vor der Saison deine Rückkehr nach Stuttgart anders vorgestellt …

Steffen Krebs Natürlich hat sich jeder von uns den bisherigen Saisonverlauf anders gewünscht. Trotzdem war ein solcher Verlauf ein mögliches Szenario. Vor meinem Wechsel nach Stuttgart unterhielt ich mich mit den Verantwortlichen des Vereins darüber, auf welchem Weg sich der VfB befindet und wie die nächsten Jahre aussehen könnten. Wir waren uns einig, dass auch der Abstiegskampf unter gewissen Umständen zur Realität werden könnte. Dass es nun bereits im meinem ersten Jahr in Stuttgart so gekommen ist, ist sicherlich nicht angenehm, zumal ich selbst als Trainer noch nie in einer solchen Situation war, denn die vergangenen drei Jahre in Gladbach waren überaus erfolgreich. Das ist nun eine Herausforderung, an der die Mannschaft, das Trainerteam und ich persönlich jeden Tag wachsen. Ich glaube, dass wir alle viel aus dieser schwierigen Situation lernen können, wenn wir sie meistern.

Artur Stopper Du bist zu Beginn dieser Saison nach drei Jahren beim Ligakonkurrenten Borussia Mönchengladbach zum VfB Stuttgart zurückgekommen. Was hat dich trotz sportlich erfolgreichen Jahren in Gladbach zur Rückkehr in deine alte Heimat bewogen?

Steffen Krebs Der VfB Stuttgart ist für mich etwas ganz Besonderes, weil ich dem Verein sehr viel zu verdanken habe. Ich komme aus dem Amateurbereich, habe den Weg zum regionalen Fußball über den Württembergischen Fußballverband als Auswahlspieler und später als Mitarbeiter gefunden. Als ich dann 2008 in die Jugend des VfB Stuttgart wechselte, war Ebbo Trautner mein Mentor. Ein halbes Jahr habe ich bei Walter Eschenbächer in der U13 hospitiert, anschließend übergangsweise die U14 bis U17 sowie die U19 von Martin Topp übernommen, als er krankheitsbedingt ausfiel. Ich habe also eine absolut spannende Lehrzeit in Stuttgart absolviert. Deshalb habe ich einen ganz besonderen Bezug zu diesem Verein. Bereits vor meinem Wechsel zu Gladbach hatte ich mit Max Eberl offen und ehrlich besprochen, dass wir uns an einen Tisch setzen müssen, sollte eine Anfrage vom VfB kommen. Als dies dann der Fall war, habe ich mich intensiv mit der aktuellen Situation in Stuttgart beschäftigt und viele gute Gespräche mit Thomas Hitzlsperger, Sven Mislintat und Rino Matarazzo geführt. Ich nahm wahr, dass der Verein auf einem sehr guten Weg ist und in den vergangenen Jahren eine hervorragende Struktur, auch im Torwartbereich, im Klub verankert wurde. Mit jedem Gespräch wurde mir bewusster, dass ich gerne wieder Teil dieses Vereins sein möchte.

Artur Stopper Den aktuellen VfB-Cheftrainer Pellegrino Matarazzo kanntest du bereits aus deiner Zeit bei der TSG Hoffenheim. Inwiefern hat diese Tatsache deine Entscheidung zum Wechsel nach Stuttgart beeinflusst oder war sogar ausschlaggebend?

Steffen Krebs Während meiner Zeit in Hoffenheim war Rino in der U17 und bei den Profis tätig, ich in der U23. Deshalb kannte ihn als Trainer nur aus wenigen Trainingseinheiten, in denen ich den U17-Torwarttrainer oder bei den Profis vertrat. Dabei habe ich ihn zum einen als Mensch und zum anderen als einen sehr professionell arbeitenden Trainer kennen und schätzen gelernt. In unseren Gesprächen hat er mich endgültig davon überzeugt, in sein Trainerteam nach Stuttgart zu wechseln. Insofern war der Trainer und Mensch Matarazzo kein unwesentlicher Faktor, warum ich mich zusammen mit meiner Familie wieder für Stuttgart entschieden habe.

Artur Stopper In Gladbach hast du mit Yann Sommer (33) einen der besten Torhüter der Bundesliga und Europas und schon erfahrenen Torhüter betreut. Beim VfB Stuttgart trainierst du mit Florian Müller (24) den zusammen mit Kobel jüngsten Keeper der Bundesliga. Inwiefern muss man mit einem jüngeren Torhüter anders arbeiten als mit einem erfahrenen?

Steffen Krebs Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man anders trainieren muss. Bei Yann Sommer waren viele Bereiche bereits nahe an der Perfektion. Deshalb gab es nur noch wenige Stellschrauben, die man finden und auf höchstem Niveau drehen konnte. Florian Müller ist für sein Alter auch schon ein sehr kompletter Torhüter. Trotzdem gibt es bei ihm noch einige Bereiche mit Luft nach oben. Es gefällt mir sehr an meiner Arbeit, einen jungen Torhüter auszubilden, weiterzuentwickeln und ihn irgendwann vielleicht auf ein so hohes Niveau wie Yann Sommer zu bringen. Neben der Schulung von technischen und taktischen Inhalten ist vor allem auch die Entwicklung der Persönlichkeit und des Menschen eine riesige Herausforderung auf dem Weg, junge Torhüter zu gestandenen Profis zu machen. Diese Aufgabe bereitet mir auch mit Fabian Bredlow und Florian Schock viel Freude.

Artur Stopper Florian Müller wird als einer der möglichen Nachfolger von Manuel Neuer und Co. in der Nationalmannschaft gehandelt. Was fehlt ihm noch, um diese großen Fußstapfen einmal ausfüllen zu können?

Steffen Krebs Es spricht für die bisherigen Leistungen von Flo in seinen bisher fast 100 Bundesligaspielen, dass er als junger Torhüter mit 24 Jahren in Verbindung mit der Nationalmannschaft gebracht wird. Als sein Torwarttrainer sehe ich natürlich noch einige Bereiche, in denen er sich unter verschiedenen Gesichtspunkten entwickeln kann. Generell wünsche ich mir, dass er in seinem Spiel noch offensiver und mutiger wird. In der Raumverteidigung besitzt er eine tolle und mutige Anlage, auf Flanken zu gehen. Diesen Bereich kann er zu einer noch größeren Stärke ausbauen, weil er gerne im Raum verteidigt, einen guten Körper und gutes Timing sowie eine gute Fausttechnik hat, wenn es mal nicht zum Fangen reicht. Auch kann er seinen starken Charakter und seine positive Grundeinstellung und Ausstrahlung noch besser auf dem Platz einbringen und die Mannschaft noch besser führen. Aber das sind Prozesse, die sich mit zunehmendem Alter, einem entsprechenden Standing in der Mannschaft und noch mehr Erfahrung entwickeln. Schließlich ist Florian erst seit dieser Saison in Stuttgart.

Artur Stopper Das moderne Torwartspiel ist heute mehr als früher an das Spielsystem der jeweiligen Mannschaft angepasst. Welche Voraussetzungen muss ein Torhüter beim VfB mitbringen, um die Vorgaben und Erwartungen im Spielsystem des Cheftrainers umsetzen zu können?

Steffen Krebs Grundsätzlich hat der VfB einen Weg eingeschlagen, wie ich ihn schon im meiner Zeit in den U17- und U19-Jugendmannschaften des VfB kennen gelernt hatte, nämlich spielerisch dominant aufzutreten. Für dieses Spiel benötigt man einen fußballerisch gut ausgebildeten Torhüter, der bei eigenem Ballbesitz spielerische Lösungen sucht. Dementsprechend muss ein Torhüter beim VfB diese Fähigkeiten mitbringen, und zwar möglichst beidfüßig, was Florian und auch Fabian hervorragend beherrschen. Die technischen Fähigkeiten allein sind dabei natürlich nicht ausschlaggebend, die Torhüter sollten auch ein Spielverständnis mitbringen, um zu erkennen, welche Räume offen und welche möglicherweise nur Lockangebote des Gegners sind. Neben einem guten Spielaufbau muss unser Torhüter zudem eine Variabilität mitbringen, um sich im Spiel verändernden Systemen und Plänen anpassen zu können. Denn Spielsysteme werden im heutigen Fußball oftmals innerhalb des Spiels verändert. Eine weitere Voraussetzung ist, dass er einen langen Ball auf einen Stürmer für die Eroberung des zweiten Balles oder einen Chipball auf einen Außenverteidiger spielen kann. Er braucht also auch gute Grundlagen im Offensivspiel mit Ball. Teamtaktisch versuchen wir - als Mannschaft - schnell ins Gegenpressing zu kommen und mit der Abwehrkette nachzuschieben. Das bedeutet, dass die Räume zwischen Abwehrkette und Torhüter sehr groß werden. Deshalb müssen unsere Torhüter ein gutes Gefühl für die Tiefe des Raumes haben und das Gespür dafür entwickeln, wann sie gehen oder sich fallen lassen müssen.

Artur Stopper Ein Buchtitel von Christian Memmert, dem Leiter der Sporthochschule in Köln, heißt „Fußballspiele werden im Kopf entschieden.“ Gilt dieser Satz für Torhüter im Besonderen?

Steffen Krebs Das glaube ich absolut, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen habe ich als junger Trainer in den vergangenen Jahren gelernt, wie wichtig es ist, dass ein Torhüter das Spiel versteht. Damit meine ich nicht nur den Spielaufbau bei eigenem Ballbesitz. Vielmehr meine ich, dass er Spielsituationen erkennen und lesen muss und dadurch frühzeitig erkennt, was passieren wird. Gerade in der Zusammenarbeit mit Yann Sommer ist mir bewusst geworden, wie viele Situationen er bereits vorausahnt. Diese Abläufe finden im Kopf statt. Daher halte ich auch kognitives Training für sehr wichtig. Daneben spielt die Psyche in einem Spiel eine entscheidende Rolle. Selbstvertrauen und Mut sind wichtige Faktoren für eine Torhüter. Sie bauen sich auf, wenn der Torhüter gut hält. Aber ein Torhüter durchläuft auch schwierige Phasen, manchmal im Spiel selbst, aber auch außerhalb des Platzes. Für solche Situationen muss die Psyche des Torhüters extrem stabil sein. Der Kopf spielt also im Torwartspiel eine wichtige Rolle.

Artur Stopper Du hast dich intensiver mit der Antizipation bei Torhütern beschäftigt. Kann man die Antizipation speziell schulen oder ist sie das Ergebnis langjähriger Erfahrung?

Steffen Krebs Ich glaube, dass ein Torhüter mit viel Erfahrung in punkto Antizipation einen großen Vorteil hat. Wenn ein Keeper Schussmuster in großer Zahl erlebt hat, kann er Bewegungsabläufe und Spielsituationen besser lesen. Seine Erfahrung lässt ihn erkennen, wohin der Schütze in einer bestimmten Situation häufig schießt. Aber ich bin auch überzeugt, dass man die Antizipation gut im Training schulen und verbessern kann, indem genau diese Spielsituationen immer wieder kreiert werden, der Torwarttrainer viele freie Situationen zulässt und mit dem Torhüter anschließend bespricht, was in einer bestimmten Situation passieren kann und wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Ablaufes ist.

Artur Stopper Wie sehr beschäftigst du dich vor einem Spiel mit gegnerischen Stürmern oder dem Spielsystem des Gegners, um deinen Torhüter optimal vorzubereiten, und worauf achtest du besonders?

Steffen Krebs Wir beschäftigen uns sowohl mit dem Spielsystem als auch den Besonderheiten gegnerischer Mannschaften. Vom Spielsystem hängt ab, welche Räume sich entwickeln und wie die Stürmer beispielsweise anlaufen. Entsprechende Spielszenen lasse ich mir von der Videoabteilung zusammenstellen und bereite meine Keeper so auf das Anlaufverhalten des Gegners vor. Zusätzlich schauen wir uns das Verhalten gegnerischer Spieler an. Während die Analyse von Freistößen und Elfmetern schon länger zum Repertoire eines Torwarttrainers gehören, achtet man heutzutage auch darauf, welche Finten, Bewegungen oder Muster gegnerische Spieler haben, wie sie z.B. den Ball hinter die Abwehrkette chippen, oder wie bestimmte Angreifer im 1gegen1 auf den Torhüter zulaufen. Manche Spieler bewegen sich sehr nahe auf den Torhüter zu, während andere früh schießen. Um unsere Torhüter möglichst optimal auf den Gegner vorzubereiten, beschäftigen wir uns mit beiden Aspekten. Bei all diesen Aspekten versuchen wir aber die Informationen zu filtern, um das intuitive Handeln unserer Keeper nicht zu beeinflussen.

Artur Stopper Du hast 2008 an der Sporthochschule Köln für deine Diplomarbeit analysiert, inwieweit sich das Torhüterspiel verändert hat. Sicherlich hast du dich aber nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigt, sondern auch schon einen Blick in die Zukunft geworfen. Wohin entwickelt sich das Torwartspiel deiner Meinung nach in den nächsten Jahren?

Steffen Krebs Die Zahlen meiner Diplomarbeit zeigten damals deutlich, dass im modernen Torwartspiel gegenüber früher viele Aktionen mit dem Fuß stattfinden. Heutzutage sind also vermehrt fußballerische Fähigkeiten gefordert. Trotz dieser Entwicklung freue ich mich aber nach wie vor mehr über eine großartige Torverteidigung als über eine guten Spielaufbau (schmunzelt). Wenn man die Entwicklung bei Manchester City unter Pep Guardiola oder auch bei einigen Bundesligateams betrachtet, glaube ich, dass der Torhüter in Zukunft noch mehr als Aufbauspieler gefordert sein wird, vielleicht sogar als Teil der Viererkette. Wir hatten in meiner Zeit in Gladbach oft darüber gesprochen und waren uns einig, dass man mit dem noch stärkeren Einbinden des Torhüters mehr Optionen hat. Für die Umsetzung dieser Spielidee braucht man einen Torhüter, der die fußballerischen Voraussetzungen mitbringt und auch schnell wieder in seine Torverteidigungsposition zurückkommt, was ein gutes Gefühl für Situationen voraussetzt. Zweifellos bringt es viele Vorteile mit sich, wenn man den Torhüter als Überzahlspieler einbaut. Deshalb könnte ich mir gut vorstellen, dass eine weitere Entwicklung in diesem Bereich stattfindet. Ich persönlich wünsche mir für die Zukunft, dass wir Torhüter ausbilden, die in der Raumverteidigung mutiger werden. Zusammen mit Torwarttrainerkollegen erkennen wir nämlich die Tendenz, dass sich Torhüter aus Raumverteidigungssituationen oft heraushalten und sich eher defensiv ins Tor zurückfallen lassen, möglicherweise aus Angst vor Fehlern und schlechten Bewertungen. Diese Entwicklung finde ich schade. Deshalb freut es mich, dass Florian Müller bei den Olympischen Spielen und auch bei uns viele Flankenbälle attackiert hat. Ich wünsche mir, dass Torhüter ihren 5-m-Raum / Strafraum zukünftig wieder offensiver verteidigen.

Artur Stopper Steffen, wir bedanken uns bei dir, dass du dir Zeit für uns genommen hast, und drücken dir die Daumen, dass der VfB Stuttgart vom Abstieg verschont bleibt.

InterviewSteffen Krebs1. BundesligaVfB Stuttgart

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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