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Im ersten Teil der Analyse stand im Mittelpunkt der Beobachtung die Frage, wie die Struktur bzw. der Aufbau der Warm-ups vor Meisterschaftsspielen im Profifußball aussieht. Die Ergebnisse seiner Untersuchung haben wir euch bereits dargestellt. Im folgenden Artikel stehen nun Gedanken und Fragen im Fokus, die sich aus den Ergebnissen der Untersuchung von Fabian Otte ergeben.

Angesagte oder freie Aktionen?

Wie Ottes Untersuchungen - die Beobachtungen der Aufwärmprogramme in Verbindung mit Interviews mit den observierten Torwarttrainern - zeigen, bauten die Torwarttrainer in den Warm-ups Übungen ein, die zu 57% angesagt, technische Aktionen beinhalteten. Diese wurden als Aktionen beschrieben, „welche eher keine oder sehr stark limitierte Entscheidungen erfordern, bei denen die Richtung des Balles angegeben ist“. Die Absicht dahinter ist klar. Bei Übungen, in denen die Torecke bekannt ist, liegt der Fokus auf der korrekten Ausführung der torwartspezifischen Bewegungen und Techniken. Das Gefühl für technisch richtige Abläufe soll aktiviert werden. Ein weiterer Nebeneffekt: Angesagte Technikaktionen erhöhen – so die Absicht der Torwarttrainer - aufgrund der Erfolgsquote das vom Torwart empfundene ‚Selbstvertrauen‘ und ‚Wohlbefinden‘, denn wenn er viele Aktionen erfolgreich absolviert hat, gewinnt er ein Gefühl von Sicherheit. Das ist ein psychologischer Faktor, der nicht unterschätzt werden darf.

Soll der Torhüter ein Mitspracherecht haben?

Noch eine zweite Erkenntnis ergab die Befragung: Die Planung und Durchführung des Warm-ups finden überwiegend im Austausch und in Absprache mit dem Torwart statt. Der Torwart hat also viel Mitspracherecht bei der Planung. Allen interviewten Torwarttrainern war die Wichtigkeit bewusst, dass „das Warm-up allein dem Torwart gehört, da dieser im Spiel Leistung bringen muss!“ Die Rolle des Torwarttrainers wird eher als die eines ‚Unterstützers‘ und ‚Übunganleiters‘ gesehen.

Diese Denkweise kann Fabian Otte aus wissenschaftlicher Sicht durchaus unterstützen. Denn die Einbeziehung des Torhüters habe einen direkten und positiven Einfluss auf die Motivationssteigerung und das Selbstvertrauen. Die Basis ist die Selbstbestimmungstheorie mit den menschlichen Grundbedürfnissen der Autonomie und der Zugehörigkeit. Bei dieser Vorgehensweise spürt der Torhüter, dass er ein Mitspracherecht hat und ein gleichberechtigtes Mitglied auf Augenhöhe mit dem Trainer ist. Wahrscheinlich fühlt er sich gut vorbereitet nach dem Warm-up, da er das bekommen und gemacht hat, was für ihn vor dem Wettkampf als wichtig erachtet wurde. Zitat eines Torwarttrainers: „Ich glaube die Kunst des Warm-ups liegt darin, den Torwart so vorzubereiten, dass er mit einem überragend guten Gefühl in die Kabine zurück geht… und das auch aufgrund der Schüsse des Torwarttrainers auf das Tor.“

Wird die bisher übliche Aufwärmung den Anforderungen des Spiels gerecht?

Bewusst waren sich die Torwarttrainer auch darüber, dass die Anforderungen im Spiel selbst andere sind und die Herausforderungen des Spiels bei herkömmlichen Aufwärmübungen kaum berücksichtigt sind. Denn in der Spielsituation sind die Wahrnehmung von Informationen bzgl. des Schützen, Positionsanpassungen im Raum in Antwort auf Ballbewegungen, sowie die Entscheidung und Durchführung eines zum Beispiel langen Blockes gefordert. Deshalb wären zweifellos freie Aktionen mit ganzheitlicheren Wahrnehmungs-Kognitions-Aktions-Kopplungen näher an den Abläufen, die später im Spiel vom Torwart verlangt werden. Fabian Otte erscheint es daher fundamental wichtig, beide Bereiche im Warm-up zu integrieren. Wie genau die Balance zwischen beiden Bereichen aussieht – ob 60/40, 50/50 oder anders - müsse der Torwarttrainer in Absprache mit dem Torhüter entscheiden, da sie abhängig sei von den Bedürfnissen des Torhüters.

Die Rolle des Torwarttrainers beim Warm-up

Die Befragung der verschiedenen Torwarttrainer ergab einige Gemeinsamkeiten in der Denkweise, wie das Warm-up gestaltet werden sollte. Große Einigkeit herrschte darüber, dass die Vorbereitung und Entwicklung des Torhüters im physischen, technischen oder taktischen Bereich generell in den Trainingseinheiten während der Trainingswoche stattfinden. Das Ziel des Warm-ups im Leistungsbereich ist die Aktivierung der physischen und geistigen Leistungsfähigkeit, nicht weniger, aber auch nicht mehr!

Doch wie sieht die optimale Wettkampfvorbereitung im Rahmen des Warm-ups eigentlich aus? Wie soll die Aufwärmzeit am effektivsten genutzt werden? Wie sollen die Wiederholungszahlen zwischen angesagten oder freien Bällen aussehen? Die Vorgehensweise der einzelnen Torwarttrainer war bei der Betrachtung sehr individuell. Aber wichtig scheint, dass beide Bereiche im Warm-up integriert sind. Wie genau die richtige Balance aussieht, ist abhängig von den Bedürfnissen des Torhüters.

Auch das Coaching des Torwarttrainers sollte bewusst darauf abgestimmt sein. Sinnvoll erscheint den Torwarttrainern ein eher motivierendes Coaching oder positives Feedback mit wenigen inhaltlichen Punkten zu technisch-taktischen Aspekten.

In einem weiteren Punkt stimmten die Torwarttrainer überein: Laut ihren Aussagen gibt es absolut keine Korrelation zwischen positiven oder negativen Warm-ups und anschließend besserer oder schlechterer Spielleistung des Torhüters.

Anregungen für Torwarttrainer

Da sich das Warm-up zu großen Teilen an den Bedürfnissen des Torhüters ausrichten soll, gibt es kein Patentrezept dafür, wie optimales Warm-up vor dem Spiel bei Torhütern aussehen sollte. Fabian Otte gibt aber jedem Torhüter den folgenden Fragenkatalog an die Hand, welche Gesichtspunkte bei der Gestaltung des Warm-ups berücksichtigt werden sollen:

  • Wie viele verschiedene torwartspezifische Aktionen und Wiederholungen haben wir in unserem Warm-up? (Spektrum der Aktionen und Volumen/ Quantität der Aktionen)
  • Wie ist unsere Balance zwischen angesagten/ technischen und spielnäheren/ freien Aktionen im Warm-up?
  • Wie physisch-belastend ist das Warm-up für meinen Torwart? (Intensität und Qualität der Aktionen, Pausengestaltung)
  • Wie viel Mitspracherecht gebe ich meinem Torwart?
  • Wann und wie oft ändere ich die Warm-up Routine innerhalb einer Saison?
  • Worin kann/ sollte/ muss sich ein Warm-up im Kinder- und Jugendbereich (im Vergleich zum hier beschriebenen Profibereich) unterscheiden? (Aufbau, Wiederholungen, Übungsformen usw.)
  • Coache ich während des Warm-ups? Wenn ja, was und wie viel?

Ein Ergebnis ist Fabian Otte abschließend wichtig: Warm-ups gehören dem Torwart! Deshalb sollte der Torwart stets ein starkes Mitspracherecht bei der Planung und Durchführung haben. Denn er weiß am besten, was er in der Vorbereitung auf das Spiel braucht. Deshalb gibt es auch kein grundsätzliches ‚Geheimrezept‘ bei der Durchführung der Aufwärmung, da Warm-ups sehr individuell aussehen können. Die Folgerungen aus seinen Ergebnissen überlässt er aber jedem einzelnen Trainer.

Analyse

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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