Wird geladen

Login

GoalGuardGoalGuard Steady Status

Jetzt Videolisten erstellen

Das Anforderungsprofil des Torhüters hat sich im Laufe der Jahre enorm geändert. War er früher, wie der Name bereits ausdrückt, fast ausschließlich der Hüter des Tores, hat sich sein Aufgabenbereich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Neben seiner weiteren Hauptaufgabe, das Tor zu verteidigen, fungiert er inzwischen als weiterer Feldspieler, ist für die optimale Spieleröffnung seiner Mannschaft verantwortlich und muss seine Abwehrreihe coachen. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass Offensivaktionen, zu denen auch die Spieleröffnung zählt, inzwischen drei Viertel aller Torwartaktionen ausmachen. Anders ausgedrückt: Der mitspielende Torwart wird im modernen Fußball in die Spieleröffnung mit eingebunden. Er entscheidet, wie das Spiel nach einem Rückpass fortgesetzt wird, führt den Abstoß, Abwurf oder Freistoß aus. Die Zeiten, in denen der Torwart nur Gegentore verhindern sollte, sind vorbei. Der Torwart ist der erste Angreifer!

Was muss der Torhüter bei der Spieleröffnung bedenken?

Sobald der Torhüter den Ball abgefangen und gesichert hat, beginnt der Gedanke an die Spieleröffnung oder Spielfortsetzung. Im optimalen Fall hat er sogar schon das Spielfeld gescannt, bevor er den Ball gesichert hat, um das Spiel möglichst schnell und kontrolliert fortsetzen zu können.

Grundsätzlich muss sich der Torhüter nach der Balleroberung drei grundlegende Fragen zur Spielfortsetzung stellen:

a) Mache ich das Spiel schnell oder langsam?

Wenn der Torhüter das Spielfeld gescannt hat, muss immer sein erster Gedanke sein, ob sich die Möglichkeit der schnellen Spieleröffnung ergibt. Denn insbesondere nach dem Abfangen von Ecken oder Flanken steht die gegnerische Abwehr oft noch ungeordnet. Diesen Moment kann der Torhüter nützen, um seine Stürmer zu einem schnellen Konterangriff zu bringen. Bietet sich die Möglichkeit nicht, wird er sich für eine langsame Spielfortsetzung entscheiden. Der Torhüter entscheidet also darüber, ob das Spiel schnell oder langsam fortgeführt wird.

b) Wohin spiele ich den Ball am erfolgversprechendsten?

Hat er sich entscheiden, welches Spieltempo er zur Spielfortsetzung wählt, muss er erkennen, wohin er den Ball am wirkungsvollsten spielt. Setzt der Torhüter das Spiel z.B. mit einem Handabschlag fort, muss er zuvor wahrgenommen haben, wie die gegnerische Abwehrreihe aufgestellt ist. Wenn die gegnerischen Innenverteidiger z.B. eng beieinanderstehen, empfiehlt sich der Abschlag auf eine Außenposition.

Stehen die Verteidiger breiter, könnte ein scharfer Ball zwischen den Verteidigern hindurch erfolgreich sein. (Abb. 2)

Besitzt die eigene Mannschaft schnelle Angreifer oder Außenspieler, kann ein vom Torhüter bei einer weit aufgerückten Abwehr über die Abwehrkette hinweg gespielter Ball auf einen durchstartenden Mitspieler eine gute Lösung sein, wie dies Leipzigs Schlussmann Peter Gulasci im Spiel gegen den 1. FC Köln beim 3:1 für die Sachsen demonstrierte. Nach einem Freistoß der Kölner fing er den Flankenball ab und „scannte“ die gegnerische Abwehranordnung. Da er erkannte, dass die Abwehrreihe der Kölner weit aufgerückt war und letztlich nur aus zwei Abwehrspielern bestand, gleichzeitig der enorm schnelle Timo Werner die Situation erfasste und in höchstem Tempo nach vorne spurtete, spielte Gulasci den Ball aus der Hand mit einem Hüftdrehstoß über die Kölner Abwehrspieler hinweg in den freien Raum. Werner nahm den Ball in höchstem Tempo mit und überwand Timo Horn im 1gegen1. (Abb 1: Pass auf Spieler mit Nummer 11)

Entscheidend in solchen Situationen ist aber immer, dass einer der Mitspieler die Situation überhaupt erkennt und einen geeigneten Raum anläuft, wie es in dieser Szene Timo Werner praktizierte.

c) Mit welcher Technik setze ich das Spiel fort?

Die dritte entscheidende Frage nach der Balleroberung ist, mit welcher Technik und welcher Schärfe der Torhüter den Ball zum Mitspieler bringen soll. Als Möglichkeiten bieten sich dem Torhüter der Abwurf, der Boden- oder Handabschlag sowie das Zurollen des Balles an. Voraussetzung für seine Entscheidung, welche Technik er anwendet, ist selbstverständlich, dass er alle diese Techniken in hohem Maße beherrscht. Wenn er aber z.B. den Hüftdrehstoß nicht zielgenau spielen kann, sollte er eher auf diese Variante verzichten, weil der Ball ansonsten mit großer Sicherheit beim Gegner ankommen würde. Beherrscht ein Torhüter den weiten Abwurf im Stile eines Manuel Neuer, ist diese Variante bei einer langen Spieleröffnung manchmal geeigneter als der Handabschlag, weil der Ball für den Mitspieler einfacher zu kontrollieren und mitzunehmen ist.

Welche Form der Spieleröffnung in der jeweiligen Situation die richtige ist, muss allein der Torhüter entscheiden. Weil er die Entscheidung oft schnell treffen muss, hilft es ihm, wenn er bereits vor dem Abfangen des Balles die Situation auf dem Spielfeld beobachtet und gut wahrgenommen hat. Allerdings darf diese gedankliche Vorleistung nicht dazu führen, dass er sich nicht mehr in genügendem Maße auf den Flankenball konzentriert abfängt und ihm dabei ein Fehler passiert, weil er schon den nächsten Gedanken gedacht hat, bevor er die erste Aktion sicher abgeschlossen hat.

Wie bereits betont, hat sich das Torwartspiel im Laufe der Jahre grundlegend verändert. Dieser Veränderung muss sich das Torwarttraining anpassen, indem die Spieleröffnung ein ständiger Trainingsinhalt im Trainingsalltag wird.

Torwartspiel

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

Ähnliche Inhalte