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Die Freude war groß. Nach einer coronabedingten Pause im vergangenen Jahr fand das ansonsten alljährlich von "Safehands – the art of goalkeeping" veranstaltete Torwarttrainer-Seminar in Bregenz dieses Jahr am 9. Oktober 2021 wieder statt. Einer der drei Referenten, die das Seminar begleiteten, war Pascal Formann, seit 2017 Torwarttrainer der Profis des VfL Wolfsburg, der in einem Vortrag auf der Veranstaltung seine Philosophie des Torwartspiels vorstellte.

Torwarttraining hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Während früher das Techniktraining, häufig gepaart mit Schussfolgen, einen Hauptteil der Trainingsinhalte ausmachte, gibt es nach Formanns Meinung inzwischen neben vielen Gemeinsamkeiten auch unterschiedliche Denkansätze und Philosophien unter Torwarttrainern. Gemeinsam sei allen, dass Übungen zur Ziel- und Raumverteidigung sowie Inhalte zur Spieleröffnung feste Bestandteile im Training seien. Unterschiede gäbe es aber in der Gewichtung der Inhalte. Während manche Torwarttrainer zunehmend kognitive Elemente in ihr Training einbauen, legen andere wiederum ihr Augenmerk eher auf die Schulung fußballerischer Fähigkeiten oder das Verhalten in 1gegen1-Situation, so der VfL-Torwarttrainer.

Die richtige Positionierung ist entscheidend

In Pascal Formanns Philosophie liegt das Hauptaugenmerk auf der Positionierung des Torhüters, d.h. in der Frage, wo der Torhüter am besten in bestimmten Situationen steht. Nach seiner Beobachtung kassieren viele Torhüter – von der Kreisklasse bis zur Champions League – oft Gegentore, weil sie eine schlechte Position eingenommen haben. Sie seien oft zu ungeduldig, ständen zu weit vor dem Tor oder seien noch in der Bewegung. Oft heiße es dann in den Medien, dass der Torhüter gegen den Schuss machtlos gewesen sei. Analysiere man aber die Aktion genauer, erkenne man häufig, dass der Torhüter bei anderen Verhalten nicht chancenlos gewesen sei. Pascal Formann arbeitet deshalb vor allem daran, dass seine Torhüter die bestmögliche Position finden, um den Schuss oder Kopfball abwehren oder einen Steckpass klären zu können.

Doch was ist die richtige Position? Nach Formanns Auffassung bekommen viele Torhüter in der Ausbildung von ihren Trainern vermittelt, dass sie eher höher stehen sollten, weil sich dadurch die Chance erhöhen würde, den Ball zu erreichen. Formann hingegen glaubt, dass ein Torhüter im hohen Leistungsbereich bei der Qualität der Schützen und der Abschlüsse bei dieser Verhaltensweise kaum eine Chance habe. Nach seiner Beobachtung gibt es immer noch Torhüter, die bei einem Schuss aus 16 m bis 20 m am 5-m-Raum stehen. Bei platzierten Schüssen in die Ecke sieht Formann bei einer solchen Positionierung keine Abwehrmöglichkeit. In seinem Verständnis soll der Torhüter eher etwas tiefer und geduldiger agieren. Seine Begründung: Torhüter haben meist keine Zeit mehr, einen Schritt zu setzen, sie drücken sich häufig aus dem Stand weg und agieren sehr viel über die Länge. Wenn der Torhüter höher steht, hat er keine Zeit mehr zu reagieren, bei einer tieferen Position hingegen schon.

Das Spiel diktiert die Trainingsinhalte

Des Weiteren ist er der Überzeugung, dass die Inhalte, die im Training durchgeführt werden, im Spiel so vorkommen müssen. In der knappen Zeit, die dem Torwarttrainer zur Verfügung stehe, müsse er sich sehr wohl überlegen, welche Inhalte er im Training auswählt. Denn in der Regel stünden nur vier Trainingstage zur Verfügung. Ein Tag sei frei, donnerstags und freitags gehe es schon in Richtung Vorbereitung auf das kommende Spiel. Dann erfolgen die Abfahrt und das Spiel. Letztlich stünden dem Trainer also nur der Dienstag und Mittwoch für spezielle Trainingsinhalte zur Verfügung. Selbstverständlich brauche man auch einen neuen Input, müsse mal etwas Neues ausprobieren, aber Formann ist überzeugt, dass der Torhüter am besten vorbereitet ist, wenn man das im Training umsetzt, was den Torhüter im Spiel erwartet.

100 % Einstellung und Tempo auch im Training

Ein wichtiger Aspekt im Training ist für ihn zudem, dass das Tempo in den Abläufen und die Schärfe in den Schüssen der Spielsituation entspricht. Eine weitere Forderung: Training muss immer mit 100% Einstellung und Tempo durchgeführt werden. Nur so sei der Torhüter auf die Intensität im Spiel vorbereitet. Natürlich sei die Spielsituation mit viel Adrenalin und von der Belastung im Kopf noch einmal anders, aber für Formann sollte der Unterschied zwischen Training und Spiel möglichst gering sein.

Abschließend ging er noch einmal die Bedeutung der richtigen Positionierung ein, denn über die richtige Positionierung halte man viele Bälle. Es sei z.B. in der 1gegen1-Situation entscheidend, ob der Torwart rausschiebe und im Niemandsland stehe, bei einem Schuss aus 16 m tiefer stehe oder bei einem Angriff von außen lieber näher zum Tor bleibe, statt sich in den Ball reinzuwerfen. Eine häufige Schwäche beim Verhalten des Torhüters sei die Ungeduld. Viele Torhüter wollen agieren, obwohl oft die richtige Position für das Lösen der Situation wichtiger wäre. Formann möchte seine Torhüter dazu bringen, geduldiger zu sein, ihre Position zu halten und über ihre Fähigkeiten den Ball abzuwehren.

Im Anschluss daran gab Pascal Formann anhand eines Videos Einblicke in den Trainingsalltag der Keeper des VfL Wolfsburg. Er verdeutlichte, wie die Automatismen trainiert werden und wie fokussiert die Torhüter im Trainingsalltag sind. Für ihn ist wichtig, dass man am Anfang der Trainingseinheit Automatismen trainiert, damit der Torhüter Sicherheit in seiner Fangtechnik und seinen Bewegungsabläufen bekommt. Anschließend gestaltet er das Training komplexer mit Entscheidungsaufgaben, z.B. wann der Torhüter herauskommen, die Position halten oder eher fallen soll. Der Wolfsburger Torwarttrainer ist außerdem davon weggekommen, „heute etwas mit dem Tennisschläger, morgen mit einer Brille und übermorgen mit einem anderen Ball“ zu machen. Er konzentriere sich inzwischen eher auf die Basics und Automatismen, da die taktischen Elemente ins Training mit der Mannschaft integriert sind. Natürlich probiere auch er Neues aus, aber Zeitmangel und Druck in verschiedenen Phasen der Saison (Abstieg, internationaler Plätze usw,) verhinderten oft zu viel Experimentierfreudigkeit.

Des Weiteren hält Formann für wichtig, dass der Torwarttrainer auf die Bedürfnisse der Torhüter eingeht. Koen Casteels (Wolfsburgs Stammtorhüter) z.B. sei ein Keeper, der die Woche über das Training fester Abläufe und Automatismen brauche und bevorzuge. Ersatzkeeper Pervan hingegen sei offen für jede Form des Trainings. Auch dürfe man nicht immer nur auf die Bedürfnisse der Nummer eins eingeben, sondern müsse auch die Entwicklung z.B. eines jungen Keepers berücksichtigen. Belastungssteuerung könne man bei der Übungsgestaltung oder der Wiederholungszahl im Auge halten.

Grundprinzipien der Zielverteidigung beim VfL Wolfsburg

Abschließend fasste Pascal Formann noch einmal auf die Grundprinzipien der Zielverteidigung beim VfL Wolfsburg zusammen:

  • Richtige Position
  • Wann Bälle festhalten – ablenken – blocken?
  • Körperhaltung
  • Verhalten im 1 gegen 1
  • Wechsel von der Ziel- zur Raumverteidigung und umgekehrt
  • Abstand zur Abwehrkette
  • Zusammenarbeit mit Mitspielern bei Schüssen oder 1gegen1-Situationen
  • Voraussetzungen, um in richtige Position zu kommen: schnelle Beinarbeit, schnell sein

Formann betonte, dass es in allen Bereichen nicht nur richtig oder falsch gäbe. Jeder Torwarttrainer habe einen anderen Ansatz und eine andere Spielphilosophie. Grundsätzlich sei aber wichtig, dass der Torhüter im Spiel ausführe, was für die Mannschaft hilfreich sei.

Abschließend verdeutlichte Pascal Formann an verschiedenen Videoclips von Szenen seines Teams aus der Bundesliga, was er von seinen Torhütern an optimalem Verhalten in der jeweiligen Spielsituation erwartet.

In der daran anschließenden Fragestunde wurde noch ein wichtiges Verhaltensprinzip deutlich, das Formann seinen Keepern vermittelt. Statt unkontrolliert auf den Schützen zuzustürzen, plädiert der „Wölfe“-Torwarttrainer für ein geduldiges Verhalten und eine tiefere Position des Torhüters, unabhängig von dessen Größe. „Bleib stehen und lass den Schützen überlegen“, lautet seine Forderung an die Schlussleute. Er ist davon überzeugt, dass ein Torhüter erfolgreicher agiert, wenn er die Verantwortung beim Schützen lässt und nur auf dessen Entscheidung reagiert. Wenn der Schütze dann die Situation gut löst, müsse man dies akzeptieren.

VeranstaltungPascal FormannSeminar

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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