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Roland Goriupp ist Leiter der Torwarttrainer-Ausbildung bei österreichischen Fußballbund. Als ehemaliger Torhüter bei Sturm Graz und dem FC Kärnten in der österreichischen Bundesliga bringt er viel Praxiserfahrung für seine heutige Tätigkeit mit.

Beim Torwarttrainer-Seminar in Bregenz, das seit vielen Jahren von „Safehands I the art of goalkeeping“ in Zusammenarbeit mit der Vorarlberger Fußballakademie alljährlich veranstaltet wird, referierte Roland Goriupp im Oktober 2019 zum Thema „Integration statt Isolation“ im Torwarttraining.

Die Anforderungen des Spiels an den Torhüter

Zunächst machte Goriupp deutlich, welch unterschiedlichen Anforderungen ein Torhüter in einem Spiel erfüllen muss. Er müsse z.B. ständig Mit- und Gegnerspieler im Blick haben und ihre Laufbewegungen beobachten, seine Position danach anpassen und neu ausrichten, er müsse aufmerksam sein und viele Entscheidungen treffen, den Lärm der Zuschauer sowie persönliche Störfaktoren ausblenden, die ihm möglicherweise Stress verursachen und vieles mehr.

Als nächstes ging er auf die verschiedenen Aktionen ein, die ein Torhüter in einem Spiel bewältigen muss. Untergliedert man die in die Bereiche Ziel- und Raumverteidigung sowie dem Offensivspiel, zeigen Untersuchungen, dass 11 % aller Torwartaktionen die Zielverteidigung betreffen, 14 % die Raumverteidigung und 75 % das Offensivspiel. Unterteilt man die Anforderungen an das Torwartspiel noch weiter, hat ein Torhüter pro Spiel folgende Aktionen:

  • 3-5 Zielverteidigungsaktionen
  • 15-25 Rückpässe verarbeiten
  • 15-30 Offensivaktionen
  • 3-6 Steilpässe abfangen
  • 2-4 Flanken fangen / fausten
  • 10-20 Entscheidungen treffen in der Raumverteidigung
  • 15-30 Entscheidungen treffen im Offensivspiel

Torhüter muss vor allem Entscheidungen treffen

Betrachtet man die einzelnen Aktionen genauer, dann fällt auf, dass ein Torhüter in einem Spiel vor allem Entscheidungen treffen muss, nämlich zwischen 50 bis 100. Diese Erkenntnis wird aber in vielen Trainingseinheiten noch nicht umgesetzt. Nicht wenige Torwarttrainer trainieren noch häufig in isolierten Trainingssituationen, also ohne Mannschaftsspieler. Dieses Training ist nach Goriupps Meinung durchaus sinnvoll zur Festigung von Torwarttechniken, also zum Erlernen der Basics, oder um Sicherheit in Bewegungsabläufen auszubauen. Von den Anforderungen des Spiels ist es aber weit entfernt. Denn um den Torhüter auf Spielsituationen vorzubereiten, fehlen wichtige Faktoren:

  • Gegenspieler
  • Mitspieler
  • Körperkontakte
  • Zeit- und Raumdruck
  • Keine Entscheidungen (Es ist vorhersehbar, was passiert)

Seinen Denkansatz machte Goriupp an verschiedenen Spielsituationen deutlich. Bei der Zielverteidigung z.B. müsse der Torhüter die richtige Position finden, aber zugleich bereitet sein, einen in die Tiefe gespielten Ball abzulaufen. Auch beim 1gegen1 muss der Torhüter selbstverständlich die verschiedenen Abwehrtechniken in dieser Situation beherrschen, aber im Spiel selber müsse er das Gesamtverhalten der Mannschaft in seine Entscheidung miteinbeziehen. So wird z.B. seine Entscheidung maßgeblich davon beeinflusst, wie viel Gegnerdruck der Stürmer hat.

Ebenso verhält es sich in der Raumverteidigung. Natürlich muss der Torhüter zunächst die Technik des Fangens hoher Bälle beherrschen, aber im Spiel muss er vor allem die Entscheidung treffen, ob, wann und mit welcher Technik er kommen soll.

Entscheidungen laufen nach festem Muster ab

Diese Entscheidung verläuft im Kopf des Torhüters immer nach dem gleichen Muster ab. Sie beginnt mit der WAHRNEHMUNG. Er muss zunächst die Spielsituation ganzheitlich in einem Gesichtsfeld von ca. 180° erfassen. Dann muss er die Situation VERSTEHEN, d.h. er muss die Risiken seines Handelns abschätzen und Lösungsansätze erkennen können. Anschließend muss er ENTSCHEIDEN. Er muss die für ihn effizienteste Lösung auswählen, die er dann technisch und taktisch richtig körperlich AUSFÜHREN muss.

Konsequenzen für das Torwarttraining

Weitere Untersuchungsergebnisse belegen, dass nach Ansicht von Goriupp das traditionelle Torwarttraining überdacht werden muss. Die Analysen des DFB zur WM 2018 ergaben, dass den Torhütern in der Zielverteidigung nur zu 22 % technische Fehler unterliefen, hingegen 78 % Entscheidungsfehler. Ähnlich verhält es sich bei den Fehlern in der Raumverteidigung. Ca. 13 % waren technische Fehler, 87 % aber taktische/kognitive Fehler, also falsche Entscheidungen.

Goriupps Erkenntnis daraus: Die Torhüter sind inzwischen torwarttechnisch gut ausgebildet, so dass dieser Bereich im Torwarttraining nicht hauptsächlich trainiert werden muss. Das Training muss vielmehr in der Entscheidungsfindung ansetzen. Die hohe Fehlerquelle im taktischen Bereich ist eng verknüpft mit dem Treffen von Entscheidungen und diese wiederum ist abhängig von der Konstellation und dem Verhalten der Feldspieler. Deshalb muss dieser Bereich gemeinsam mit anderen Spielern spielähnlich trainiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen laut Goriupp die Trainingsübungen folgende Kriterien beinhalten:

  • Immer Raum- und Zeitdruck durch Gegenspieler
  • Immer Entscheidungen provozieren durch Mitspieler-Alternative (Raumverteidigung + Position)
  • Abschlüsse in der Box
  • Bälle von der Seite
  • Zweiter Ball, damit neue Situation
  • Max. ein oder zwei Kontakte des Spielers
  • 1:1-Situationen in der 16er gespielt
  • „Schnittbälle“ am 5er

Natürlich muss ein Trainer seinen Torhüter auf dem Level abholen, auf welchem er sich gerade befindet. Dazu stellte Goriupp eine Grafik des österreichischen Fußball-Bundes vor, wie sich das Torwarttraining pyramidenförmig zur höchsten Stufe hin entwickelt. Der Trainer beginnt auf der untersten Stufe mit dem isolierten Technik-Erwerb-Training, das ganzheitliche Spielverständnis mit der Mannschaft bleibt das eigentliche Ziel.

Roland Goriupp schaffte es in seinem Vortrag, die Zuhörer dafür zu sensibilisieren, dass isoliertes Torwarttraining nur bedingt die Entwicklung eines Torhüters auf einen höheren Level fördert, weil dieses Training zu wenig spielnah ist, da es keine Entscheidungen des Torhüters fordert. Genau das verlangt aber das Spiel. Deshalb plädierte er zumindest auf höherem Leistungsniveau für ein integriertes statt isoliertes Torwarttraining.

VeranstaltungSeminar

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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