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Was vor Jahren noch undenkbar schien, ist nun Wirklichkeit geworden. Bundesliga-Underdog Union Berlin hat mit Max Kruse und Loris Karius zwei Spieler verpflichtet, für die sich nicht nur Sportjournalisten interessieren. Mit ihrem extravaganten Lebensstil oder durch die Beziehung von Karius zur Schauspielerin Sophia Thomalla sorgten beide bereits fernab des Fußballplatzes für einige Schlagzeilen in der Regenbogenpresse. Die Berliner Boulevard-Blätter reiben sich jedenfalls jetzt schon die Hände. Spieler dieser Kategorie wären vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar gewesen beim 1. FC Union, wo das Kollektiv seit jeher stärker betont wird als der Einzelne. Möglicherweise will sich Union vom Image der grauen Maus befreien und stärker wahrgenommen werden. Zugleich erhoffen sich die Verantwortlichen der Eisernen die sportliche Verstärkung, um auch in der kommenden Saison den Abstieg vermeiden können. Ob diese Erwartungen erfüllt werden, wird sich zeigen. Zweifellos besteht mit diesen Neuverpflichtungen aber auch die Gefahr, dass das Union-Gen dauerhaft verändert wird.

Vom Top-Torhüter zum Gebrandmarkten

Man freue sich, "auf dieser wichtigen Position nun bestens aufgestellt zu sein", sagte Unions Geschäftsführer Oliver Ruhnert. Mit der Verpflichtung des 27-jährigen Loris Karius, der zuletzt vom englischen Meister FC Liverpool an Besiktas Istanbul ausgeliehen worden war, aber wegen Gehaltsrückständen bereits im Mai dieses Jahres nach Liverpool zurückkehrte, ist ihm diese Absicht zweifellos gelungen. Bei allen Zweiflern an der Klasse von Karius ist in Vergessenheit geraten, dass er in seiner Zeit bei Mainz 05 fraglos zu den besten Torhütern in Deutschland gehörte und als Kandidat für die Nationalmannschaft gehandelt wurde. Es gab zu dieser Zeit also gute Gründe für den FC Liverpool, diesen talentierten, damals 23 Jahre alten Keeper zu dem europäischen Spitzenklub zu locken. Und nach einer Verletzung zu Beginn der Saison setzte sich Karius als Stammtorwart bei den Reds durch. Auch wenn seine Leistungen nicht immer fehlerfrei waren, bot er zumeist gute Leistungen. Immerhin hatte der Deutsche seinen belgischen Konkurrenten und WM-Fahrer Simon Mignolet in allen wichtigen Spielen auf die Bank verdrängt und bei der Hälfte seiner 32 Pflichtspiele zu Null gespielt.

Die sportliche Krönung für den gebürtigen Schwaben sollte das Champions-League-Finale 2018 in Kiew gegen Real Madrid werden. Stattdessen wurde es das Spiel, das die öffentliche Wahrnehmung von Karius bis heute prägt. Dem jungen Mann war ein Albtraum widerfahren. Beim 1:0 (51.) von Karim Benzema hatte Karius gedankenlos dem Franzosen den Ball direkt auf die Fußspitze geworfen. Aber damit war das Kuriositätenkabinett noch nicht beendet: Als Gareth Bale beim 3:1 (83.) aus großer Distanz abzog, machte er seinem Spitznamen „Mister Flutschfinger“ alle Ehre: Das Objekt der Begierde glitt ihm durch die Handschuhe. „Ich kann mich nicht erinnern, aus Torwartsicht jemals etwas Brutaleres gesehen zu haben als heute, gerade in einem Finale“, äußerte sich Oliver Kahn fassungslos als TV-Experte zum Gesehenen. „Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht, das ist Wahnsinn“, kommentierte Liverpools Trainer Jürgen Klopp am Sky-Mikrofon die Szene.

Doch die außergewöhnlichen Patzer hatten ein Vorspiel. Real-Kapitän Sergio Ramos hatte Karius zuvor beim Stand von 0:0 den Ellbogen ins Gesicht gerammt, als der Ball und auch der Blick des Schiedsrichters offenkundig ganz woanders waren. Wie eine medizinische Untersuchung, die der FC Liverpool nach dem Spiel angestrengt hatte, ergab, hatte Ramos dem Torhüter eine Gehirnerschütterung zugefügt, die sein Leistungsvermögen entscheidend beeinflusste. In den Medien und der Öffentlichkeit wurde diese Untersuchung aber eher als Versuch gewertet, eine Ausrede für die indiskutable Leistung zu finden. Wie im gesellschaftlichen Leben insgesamt sind manche Menschen nicht für Tatsachen zugänglich, wenn sie an ihre Deutung der Ereignisse glauben wollen. Das Bild über den Torhüter Loris Karius ist bis heute von dieser Nacht geprägt. Seit 2018 kämpft er gegen jene Nacht an. Nun startet er einen neuen Versuch beim 1. FC Union Berlin.

Beide Seiten können vom Wechsel profitieren

Der Wechsel des Keepers an die Spree macht durchaus für beiden Seiten Sinn. Zunächst einmal kann Union Berlin von der großen Erfahrung des Schlussmannes profitieren. Karius spielte in höchsten Spielklassen, in Deutschland und anderswo. Er hat allein 91 Bundesligaspiele (für Mainz 05) aufzuweisen, außerdem kam er bereits 55 Mal in der türkischen Süperlig und 26 Mal in der englischen Premier League zum Einsatz. Die Europa League und die Champions League kennt Karius ebenfalls gründlich. Der überaus große Erfahrungsschatz des Keepers kann für Union Berlin ein entscheidender Baustein sein im Kampf gegen den Abstieg oder für das Erreichen höherer Ziele. Sollte Karius zudem an seine Klasse frühere Jahre wieder anknüpfen können, wird Union einen außergewöhnlich guten Torhüter zwischen den Pfosten haben, an dem die Eisernen viel Freude haben werden.

Für Karius selbst bietet dieser Wechsel die Möglichkeit, noch einmal bei entsprechenden Leistungen nach Ablauf seines Vertrags in Liverpool im Sommer 2021 auf einen guten Anschlussvertrag hoffen zu können. Zu diesem Zeitpunkt wäre er 28 Jahre alt, also noch im besten Torwartalter. Da er in Liverpool ohne sportliche Zukunft war, bietet ihm Union eine Plattform, auf sein Können noch einmal aufmerksam zu machen. Nicht ganz unwesentlich dürften aber auch private Gründe bei seinem Wechsel nach Berlin eine Rolle gespielt haben. Da seine Lebenspartnerin Sophia Thomalla ihren Lebensmittelpunkt in Berlin hat, können sich beide die bisherigen Flüge zwischen Berlin und Istanbul sparen. Eine Nebeneffekt dieser Beziehung: Da ihm Berlin bereits bestens vertraut ist, fällt die übliche Eingewöhnungszeit am neuen Wohnort für den Keeper weg. Nach einem Jahr wird man besser wissen, ob der Wechsel von Karius zu Union Berlin für beide Seiten das gebracht hat, was sie sich erhofft hatten. Dem 27-jährigen Keeper wäre zu wünschen, dass bei möglichen Patzern nicht immer wieder die Erinnerung an seine sportlich dunkelste Stunde herangezogen wird nach dem Motto „Siehste, schon wieder …“. Karius hat eine sportlich faire Chance und Bewertung unabhängig von der Vergangenheit verdient!

BlickpunktLoris Karius1. FC Union Berlin1. Bundesliga

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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