Wird geladen

Login

GoalGuardGoalGuard Steady Status

Jetzt Videolisten erstellen

Vor kurzem erlebte ich bei einem Spiel, dass der gegnerische Torhüter das Coaching seiner Mannschaft sehr ernst nahm. Ohne Unterbrechung erteilte er lautstarke Anweisungen, die über das gesamte Spielfeld und bis auf die Tribüne deutlich zu vernehmen waren. Ununterbrochen kommentierte er nahezu jede Aktion seiner Mitspieler, auch wenn sich diese weit entfernt von seinem Tor abspielte. Was von diesem Auftreten zu halten ist? Hervorragend, ein Torhüter, der seine Jungs anfeuert, pusht und unterstützt, werden die einen sagen. Andere werden sich dem Vorschlag einiger genervter Tribünenbesucher anschließen, die den Torhüter aufforderten, endlich „seine Klappe zu halten“. Ist das Coaching des angesprochenen Keepers nun als gut zu bezeichnen oder machen anderen Formen des Coachings mehr Sinn?

Warum diese Form des Coachings nicht hilft!

Wer Kinder schon einmal beobachtet, die ständigen Anweisungen ihrer Eltern (Mach dies …, mach das …) ausgesetzt sind, wird festgestellt haben, dass die Kinder irgendwann ihre Ohren „auf Durchzug“ stellten. Ihnen sind die ständigen, zweifellos gut gemeinten Ratschläge einfach zu viel. Kein Mensch – nicht einmal ein Kind – kann ständig neue Anweisungen annehmen bzw. umsetzen, niemand möchte ununterbrochen gegängelt werden. Ähnliches Verhalten wie die angesprochenen Kinder zeigen auch Spieler, die ständig mit Anweisungen übersät werden. Wahrscheinlich könnten die Spieler in Corona-Zeiten die Anweisungen des Keepers im fast lautlosen Stadion sogar hören. Da aber auch die Feldspieler im Spiel untereinander kommunizieren, nehmen sie seine Zurufe im Stimmengewirr auf dem Platz wohl kaum wirklich wahr. Ganz im Gegenteil: Alle Einflüsse von außen stören nur ihre Konzentration auf die Aktion, die sie gerade meistern müssen. Die Anweisungen des Torhüters sind also mit großer Wahrscheinlichkeit vollkommen überflüssig!

Ein weiterer Aspekt spricht gegen das Coaching des oben beschriebenen Torhüters. Die Frage muss erlaubt sein, ob der Torhüter eine Spielsituation vor dem gegnerischen Tor überhaupt so bewerten kann, dass er dem Mitspieler wirklich mit seinen Anweisungen hilft. Denn der Torhüter nimmt die Aktion durch die große Entfernung aus einem ganz anderen Blickwinkel wahr, der der tatsächlichen Situation oft nicht entspricht. Deshalb erscheint auch aus diesem Grund diese Art des Coachings als wenig sinnvoll und hilfreich.

Eltern wollen zweifellos das Beste für ihre Kinder, wenn sie ihnen Entscheidungen abnehmen und die vermeintlich richtige Verhaltensweise vorgeben. Diese Absicht darf man auch dem angesprochenen Torhüter unterstellen. Wie Kinder brauchen aber auch junge Spieler eigene Entscheidungserfahrungen, um sich zu entwickeln. Zu dieser Entwicklung gehören auch Fehlentscheidungen. Selbstvertrauen und Mut entwickeln sich sowohl bei Kindern als auch Spielern nur, wenn sie Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewinnen. Dazu brauchen sie eigene Erfahrungen, Gängelungen helfen ihnen dabei wenig. Deshalb darf nicht der Torhüter diese Entscheidung für sie treffen!

Warum ist gutes Coaching durch Torhüter wichtig?

Zweifellos ist gutes Coaching durch den Torhüter wichtig, denn der Schlussmann nimmt im Spiel eine besondere Position ein. Er ist der einzige Spieler, der permanent alle Feldspieler vor sich hat und sieht. Keine andere Spielposition hat also den Überblick des Torhüters, der sozusagen eine Rundumsicht auf das Spielfeld hat. Daher ist die Position des Torhüters dafür prädestiniert, seine Mitspieler von hinten zu dirigieren und ihnen zu helfen, sich im Abwehrverbund richtig zu verhalten.

Wie sieht gutes Coaching aus?

Der slowenische Nationaltorhüter Jan Oblak, der das Tor des spanischen Spitzenklubs Atletico Madrid hütet und zu den besten Torhütern der Welt gehört, hat in einem Interview die Frage nach der Bedeutung seines Coachings so beantwortet: „Ich habe immer ein Auge auf alles und rede während der Spiele viel. Ich bin nicht 'der Superschlaue' da hinten, der die Dinge besser sieht [lacht], aber ich versuche zu helfen, vor allem den Innenverteidigern, Außenverteidigern und defensiven Mittelfeldspielern. Manchmal sehe ich Lücken, von denen sie glauben, dass sie geschlossen sind, oder sie sehen nicht, was sich hinter ihrem Rücken abspielt, ich aber schon ... Je mehr du auf dem Platz kommunizierst, desto einfacher wird es für alle Beteiligten. So helfen wir uns gegenseitig.“ Zwei Gesichtspunkte werden in seiner Antwort angesprochen, die für gutes Coaching entscheidend sind. Der erste Aspekt: Auch wenn der Ball weit weg von seinem Tor ist, beobachtet Oblak das Spielgeschehen bereits konzentriert. Dadurch kann er schon früh die Entwicklung des gegnerischen Aufbauspiels erkennen und durchschauen und so seinen Mitspieler bereits frühzeitig helfen, die richtige Verteidigungsordnung zu finden, um das Aufbauspiel und einen Erfolg des Gegners verhindern. Der zweite Aspekt: Seine Antwort beschreibt sehr genau, worauf sich sein Aufgabenbereich beschränkt. Er versucht, vor allem den Innen- und Außenverteidigern sowie den defensiven Mittelfeldspielern zu helfen. Damit begrenzt er sein Aufgabengebiet sinnvoll. Zusammengefasst besteht sein Coaching also darin, Spielentwicklungen der gegnerischen Mannschaft frühzeitig zu erkennen und seinem Abwehrverbund zu helfen, Lücken zu schließen, die sich möglicherweise in ihrem Rücken ergeben. Sein Hauptaugenmerk liegt überwiegend auf dem Coaching der Abwehrspieler.

Wenn die Mitspieler von ständigen Ratschlägen überfordert, in ihrer sportlichen Entwicklung und ihrem Selbstvertrauen eher behindert und in der Spielsituation abgelenkt werden, kann das eingangs beschriebene Coachingverhalten des Torhüters für seine Mitspieler nur als wenig hilfreich bezeichnet werden. Eher steht dabei wohl die persönliche Performance des Torhüters im Vordergrund. Mit seinem lauten und bestimmenden Auftreten vermag er möglicherweise seine Führungsrolle und Bedeutung innerhalb der Mannschaft für alle vernehmbar herausstreichen. Im Sinne der Mannschaft ist diese Art der Kommunikation auf dem Platz hingegen wenig hilfreich.

Torwartspiel

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

Weiterführende Artikel Zur Themenseite