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Tore sind das Salz in der Suppe im Fußball. Für Torhüter hingegen ist es die „Höchststrafe“ (Oliver Kahn), ein Gegentor hinnehmen zu müssen. Wie lassen sich Tore aber vermeiden? Als Torwarttrainer der U19 des VfB Stuttgart wollte ich der Frage nachgehen, wie und warum Gegentore überhaupt fallen und wie sie sich möglicherweise vermeiden lassen. Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, nahm ich in der vergangenen Saison 2019/20 alle Tore der 1. und 2. Bundesliga unter die Lupe und kategorisierte sie. Auf die Idee hatte mich Ebbo Trautner (ehemaliger Torwart und Torwarttrainer des VfB Stuttgart) gebracht, der früher (und vielleicht heute immer noch) selbst Gegentore bei großen Turnieren analysierte. Im Folgenden möchte ich euch meine Ergebnisse vorstellen.

Aus welchen Zonen und nach welchen Aktionen fielen die Tore?

Um herauszufinden, aus welchen Zonen die Tore fallen und von welchen Situationen die meiste Torgefahr ausgeht, unterteilte ich das Spielfeld in einzelne Zonen (M, L, R, LA, RA). Abb. 1 stellt die Zonen dar und nennt zugleich den prozentuellen Anteil der Gegentore, die in der Bundesligasaison 2019/20 aus den Zonen erzielt wurden.

Untersuchungsergebnis der 1. Bundesliga in der Saison 2019/20

1. Bundesliga Gegentore

Die Abbildung zeigt, dass vor allem vom Bereich direkt vor dem Tor (M) die größte Torgefahr ausgeht. Mit 20,39 % ist der Bereich zwischen der 5-m-Linie und dem Elfmeterpunkt (M2) die torgefährlichste Zone, gefolgt von den mittleren Bereichen M3 (15,09 %) und dem tornahen Bereich M1 (14,37 %). Allein aus diesen drei Zonen fallen 49,85 % aller Tore. Eine weitere Auffälligkeit: Nur 13,44 % aller Gegentore werden aus Zonen außerhalb des Strafraums erzielt.

Untersuchungsergebnis der 2. Bundesliga in der Saison 2019/20

2. Bundesliga Gegentore

Ein ähnliches Ergebnis zeigt Abbildung 2, in der alle erzielten Tore der zweiten Bundesliga in der Saison 2019/20 kategorisiert wurden. Auch diese Grafik beweist, dass vor allem der Bereich direkt vor dem Tor am torgefährlichsten ist (M1, M2, M3). Wie bei der der 1. Bundesliga ist der Bereich zwischen der 5-m-Linie und dem Elfmeterpunkt (M2) mit 22,59 % die torgefährlichste Zone, gefolgt von den mittleren Bereichen M3 (18,16 %) und dem tornahen Bereich M1 (14,07 %). Allein aus diesen drei Zonen fallen 54,82 % aller Tore in der 2. Bundesliga. Noch eine Ähnlichkeit gibt es mit Ersten Bundesliga: Auch in der zweiten Liga werden nur 12,02 % aller Gegentore aus Zonen außerhalb des Strafraums erzielt. Eines zeigt der Vergleich deutlich: Die Werte der einzelnen Zonen unterscheiden sich kaum zwischen den beiden Ligen. Insofern lassen sich die Ergebnisse wohl generalisieren.

Auf welche Weise werden die Tore erzielt?

In einem weiteren Schritt unterschied ich die erzielten Tore nach der Art des Abschlusses, also ob das Tor z.B. nach einem Weitschuss, nach einem Zuspiel oder nach einer Standardsituation erzielt wurde. Folgende Untersuchungskriterien dienten dabei als Vergleichsmaßstab:

  • a) nach Schüssen (Schuss im 16er, Schuss zwischen 16 und 20 m, Weitschuss < 20 m)
  • b) nach Zuspielen (nach Hereingabe flach oder hoch, nach Querpass, Eins gegen Eins)
  • nach Standardsituationen (Eckball, Freistoß direkt oder nach Flanke, Elfmeter)
  • d) nach fußballerischen Mängeln (z.B. Rückpass "durchrutschen" lassen)

Die folgende Auswertung zeigt das Ergebnis aus den Untersuchungen dreier Spielzeiten (2017/18, 2018/19 und 2019/20) der ersten und zweiten Bundesliga sowie der Weltmeisterschaft 2018:

Im 16er 16 - 20m Weitschuss 1 vs 1 Freistoß direkt Elfmeter
Bundesligasaison 17/18 23,27% 5,64% 3,67% 14,34% 1,88% 7,99%
Bundesligasaison 18/19 24,97% 7,50% 2,57% 12,85% 2,26% 7,61%
Bundesligasaison 19/20 25,56% 6,01% 4,79% 14,97% 1,83% 5,91%
2. Bundesligasaison 19/20 24,97% 6,24% 3,52% 13,05% 1,59% 8,97%
Weltmeisterschaft 2018 20,12% 6,51% 6,51% 10,65% 4,14% 13,61%
Nach Hereingabe Nach Querpass Nach Eckball Nach Freistoßflanke
Bundesligasaison 17/18 29,02% zusammengefasst in Hereingaben 9,87% 4%
Bundesligasaison 18/19 17,78% 13,77% 7,91% 2,67%
Bundesligasaison 19/20 18,84% 8,66% 9,06% 4,28%
2. Bundesligasaison 19/20 21,57% 6,58% 9,88% 3,52%
Weltmeisterschaft 2018 14,20% 5,92% 11,24% 7,10%

Wenig überraschend beweisen die Ergebnisse, dass in der ersten Bundesliga Tore per Direktschuss weitaus häufiger innerhalb des Strafraumes (24,6 %) als aus Distanzen außerhalb des Strafraumes erzielt werden. Bei dieser Zahl sind also keine direkten Abschlüsse nach Querpässen oder Abschlüsse nach Flanken usw. mitgerechnet. 6,3 % der Tore fielen aus einer Entfernung von 16-20 m, aus noch größerer Entfernung betrug die Trefferquote nur noch 3,7 %, wenn man den Mittelwert aus den drei erfassten Jahren errechnet. Fast deckungsgleich sind die Werte der zweiten Bundesliga, während bei der WM 2018 etwas mehr Tore aus größerer Distanz erzielt wurden. Eine mögliche Erklärung könnte die höhere fußballerische Qualität bei Nationalspielern sein.

Die Untersuchung zeigt des Weiteren, dass ca. ein Viertel aller Gegentore unmittelbar nach einer Standardsituation fallen, sowohl in der ersten als auch 2. Bundesliga. Bei der WM 2018 lag dieser Wert sogar höher (ca. 36 %). Ein Grund dafür könnte sein, dass Nationaltrainer aufgrund der Kürze der Vorbereitungszeit besonders intensiv Standardsituationen trainieren, weil sie schneller als Spielsysteme geschult werden können. Eine weitere Möglichkeit: Die Abstimmung im Abwehrverhalten kann in einem Verein besser trainiert werden als bei der Nationalmannschaft, wo sich Spieler aus verschiedenen Vereinen nur für eine kurze Zeit treffen. Vielleicht sorgt aber auch die höhere Qualität der Schützen für dieses Ergebnis. Auffällig ist zudem im Bereich der Standardsituationen der deutlich höhere Wert an Elfmetern bei der WM 2018 (13,61 %) im Vergleich zu den beiden höchsten Spielklassen in Deutschland.

Noch etwas zeigt die Untersuchung: Zwischen 20 und 30 % aller Tore werden nach Aktionen über außen erzielt. Dabei sind Hereingaben nach meiner Untersuchung gefährlicher als Querpässe. 10 – 15 % aller Tore resultieren hingegen aus 1gegen1-Aktionen.

In welchem Maße waren die Torhüter an den Gegentoren beteiligt?

In einem weiteren Schritt wollte ich herausfinden, in welchem Maße die Torhüter selbst an den Gegentoren beteiligt waren. Dazu unterschied ich das Verhalten der Torhüter in die folgenden Kategorien:

  • Keine direkte Beteiligung am Gegentor
  • Eine Optimierung wäre möglich
  • Klarer Torwartfehler

Selbstverständlich ist die Entscheidung, ob der Torhüter Schuld am Tor trägt, ob sein Verhalten hätte optimiert werden können und ob ein Torwartfehler vorliegt, sehr subjektiv. Jeder Torwart und auch Torwarttrainer interpretiert das (Torwart-)Spiel anders. Infolgedessen gibt es kein einheitliches Bild unter den Torwarttrainern in dieser Frage. Deshalb ist diese Auswertung in starkem Maße von meiner Denkweise als Torwarttrainer geprägt.

Keine direkte Beteiligung Optimierung / haltbar Fehler
Bundesligasaison 17/18 48,89% 40,47% 10,64%
Bundesligasaison 18/19 48,92% 43,47% 7,61%
Bundesligasaison 19/20 50,76% 39,25% 9,99%
2. Bundesligasaison 19/20 51,08% 39,39% 9,53%
Weltmeisterschaft 2018 46,15% 43,79% 9,47%

Die Grafik verdeutlicht anschaulich, wie konstant die Werte über mehrere Spielrunden sowohl in der ersten als auch in der zweiten Bundesliga geblieben sind. Zum anderen zeigt sie, dass etwa jedes zweite Gegentor mehr oder weniger vom Torhüter hätte verhindert werden können. Rund jedes zehnte Gegentor wurde sogar durch einen Fehler des Torhüters verursacht. Bei der Bewertung der Torhüter muss berücksichtigt werden, dass wir hier von den Top-Torhütern Deutschlands bzw. bei der Weltmeisterschaft des jeweiligen Landes sprechen. Deshalb lag die Messlatte sehr hoch, die Torhüter wurden kritischer betrachtet.

In welchen Bereichen waren die Fehler zu suchen?

Sobald eine Optimierung oder ein Fehler vorlag, habe ich kategorisiert, wo das Problem lag. Dazu habe ich folgende Kategorien unterschieden:

  • Positionierung
  • Gleichgewicht/Stehen
  • Technik
  • Raumverteidigung
  • Spieleröffnung
  • Entscheidung
  • Wille/Entschlossenheit

Es ist durchaus möglich, dass bei einem Fehler mehrere Kategorien zusammenkommen. So kann ein Torhüter z.B. beim Gegentor gleichzeitig falsch positioniert sein, beim Schuss nicht im Gleichgewicht stehen und die falsche Technik angewandt haben. In diesem Fall habe ich den Torwartfehler drei Kategorien zugeordnet.

Positionierung Gleichgewicht Technik Raumverteidigung Spieleröffnung Entscheidung Wille
Bundesligasaison 17/18 44,39% In Positionierung 45,77% 14,87% 1,37% 47,37% 15,10%
Bundesligasaison 18/19 33,80% 15,29% 39,64% 12,88% 2,01% 32,80% 5,23%
Bundesligasaison 19/20 37,89% 14,70% 38,92% 14,29% 2,28% 36,44% 9,73%
2. Bundesligasaison 19/20 42,46% 16,94% 32,71% 14,85% 1,86% 38,52% 10,44%
Weltmeisterschaft 2018 37,78% 13,33% 35,56% 15,56% 2,22% 40,00% 11,11%

Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen

Nach meinen Untersuchungen ragen drei Bereiche besonders auffällig als Fehlerquellen heraus: Fehler bei der Positionierung, Entscheidungsfehler und technische Mängel, wobei diese oft die Folge einer falschen Positionierung bzw. einer falschen Entscheidung waren. Insofern dürften die Werte bei Entscheidungs- und Positionierungsfehler unter diesem Gesichtspunkt sogar noch höher liegen. Eine Erklärung dafür könnte zum einen sein, dass Torhüter durch die Veränderungen des Torwartspiels viel häufiger zu Entscheidungen gezwungen werden und die Position entsprechend anpassen müssen als zu früheren Zeiten, als der Torhüter noch überwiegend als „Hüter des Tores“ verstanden wurde. Zum anderen ist anzunehmen, dass Torwarttraining oft noch mit herkömmlichen Trainingsübungen durchgeführt wird, bei denen die Zielverteidigung im Vordergrund steht, Aufgaben zu Entscheidungen aber meist fehlen.

Um also diese Fehlerquellen zu reduzieren, müsste die Trainingsinhalte dem modernen Torwartspiel angepasst werden, denn isoliertes Torwarttraining allein bereitet einen Torhüter für seinen heutigen Aufgaben nicht wirklich vor. Um dieses Ziel zu erreichen, bieten sich vor allem Spiel- und Trainingsformen zusammen mit der Mannschaft an, weil der Torhüter dort am besten spielnah Entscheidungen fällen und je nach Spielsituation die angepasste Positionierung finden muss. Damit verändern sich auch die Aufgaben des Torwarttrainers. Seine Tätigkeit bestünde in diesem Fall vor allem im Coaching des Torhüters hinter dem Tor oder in der Besprechung des Torwartverhaltens nach dem Training oder in Spielpausen.

Der Anteil an technischen Fehlern zeigt aber auch, dass auch zukünftig nicht auf isoliertes Torwarttraining verzichtet werden kann. Eine gute Technik kann sowohl in der Ziel- als auch der Raumverteidigung nur durch häufige Wiederholungen und die Konzentration auf die richtigen Bewegungsabläufe vermittelt werden. Trotzdem muss zumindest die Raumverteidigung immer wieder zusammen mit der Mannschaft trainiert werden, weil die Empfindung und Entscheidung des Torhüters anders sind, wenn sich viele und sich zudem bewegende Spieler im Strafraum aufhalten. Genau diese Situation findet der Torhüter aber im Spiel vor. Übrigens: Auch die Feldspieler profitieren ihrerseits davon, realistische Torangriffe oder Torverteidigungssituationen zu üben.

Auffällig ist auch, dass die Optimierungen bei Fehlern im Bereich der Spieleröffnung nur klein sind. Das hängt zum einen mit der immer besseren fußballerischen Ausbildung der Torhüter zusammen, aber auch damit, dass die meisten Bälle, die ein Torhüter spielen muss, einfache, nach vorne gerichtete (im Vergleich zu einem 6er) Bälle sind, die er unter Druck manchmal einfach nach vorne schlägt.

Analyse

Markus Krauss

Markus Krauss

Über den Autor

Markus arbeitet seit 2015 als U19-Torwarttrainer beim VfB Stuttgart. Dort gibt er sein Wissen weiter, das er sich als Profi-Torhüter auf seinen Stationen SSV Reutlingen, 1860 München, VfB Stuttgart, Fortuna Düsseldorf, beim damaligen Drittligisten Stuttgarter Kickers und Waldhof Mannheim erarbeitet hat.

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