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Als Spielphilosophie bezeichnet man die Vorstellung, die ein Trainer von der Spielweise seiner Mannschaft hat. Wie kaum in einer anderen Mannschaft in Deutschland ist bei RB Leipzig eine Spielphilosophie klar erkennbar, die stark von von den Vorstellungen Ralf Rangnicks geprägt wird. Schnelles Umschaltspiel, aggressives Pressing und Gegenpressing sind Kennzeichen dieser Spielweise. Selbstverständlich bleibt von dieser Spielphilosophie auch das Torwartspiel der Roten Bullen nicht unberührt. Marco Knoop zeigte in seinem Vortrag die Auswirkungen dieser Spielauffassung auf das Torwartspiel der RB-Keeper auf. Zum Zeitpunkt des Referats arbeitete er als Torwarttrainer der U23 von RB Leipzig. Er hielt diesen Vortrag im Rahmen eines Torwarttrainer-Seminars an der Fußballakademie Vorarlberg-Mehrerau in Bregenz, das von Safehands / the art of goalkeeping veranstaltet wurde.

Die Spielphilosophie bei RB Leipzig

Die Spielphilosophie der „Bullen“ ist auf ein Spiel gegen den Ball ausgelegt. Dazu agiert die Mannschaft sehr kompakt. Bälle werden nach der Balleroberung möglichst schnell und lang nach vorne in die Tiefe gespielt. Alle Aktionen erfolgen in hohem Tempo. Durch ein sehr frühes Pressing nach Ballverlusten sollen außerdem die Wege zum gegnerischen Tor kurz gehalten werden. Angriffe werden nach der Balleroberung schnellstmöglich abgeschlossen.

Auswirkungen auf das Torwartspiel

Jede Spielphilosophie beinhaltet auch ihre speziellen Anforderungen an das Torwartspiel. Für die Torhüter des ambitionierten Zweitligisten bedeutet diese Spielweise, dass sie extrem weit aufrücken müssen, um den breiten Raum hinter der Viererabwehrkette mit absichern zu können. Diese Vorgabe bringt aber auch aus Torwartsicht einen Anspruch mit sich. Weil der Torhüter bei dieser Spielweise viele Aktionen in hohem Tempo außerhalb des Strafraumes durchführen muss, braucht er eine hohe Antizipationsfähigkeit, eine schnelle Entscheidungsfindung sowie eine gute Antritts- und Sprintschnelligkeit bis 30 m. Entscheidet er sich nämlich falsch, ist die Gefahr eines gegnerischen Torerfolgs groß. Außerdem ist der Keeper Rot gefährdet, denn bei einem ungenauen Timing beim Herauslaufen ist ein Zusammenprall mit dem Stürmer kaum zu vermeiden. Das Areal, das der Torwart verteidigen muss, ist bei einer hoch stehenden Abwehr also sehr groß.

Analyse der Gegentore

Um sich ein Bild davon zu machen, bei welchen Aktionen die Torhüter der „Bullen“ besonders häufig Gegentore hinnehmen müssen, werden alle Gegentore in einer standardisierten Tabelle erfasst. Kriterien sind z.B. Tore nach langen Bällen, Abschluss im 16er oder außerhalb, durch Kopfball, über rechts oder links, nach einem Kopfball. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigten, dass RB Leipzig 5-mal mehr Aktionen in der Raumverteidigung hat als andere Teams. Das hohe Pressing führt zu ungleich viele Steilpass-Situationen. RB-Torhüter werden also „untypisch“ gefordert, weshalb sich das Torwarttraining bei RB vermehrt an diesen Gegebenheiten ausrichten muss.

Teamtraining versus Torhüter

Da die RB-Torhüter nach Steilpass-Vorlagen meist in der Mitte des Spielfeldes agieren, arbeiten die Trainer größtenteils mit Trainingsformen „im Schlauch“. Flankenaktionen treten in diesen Trainingsformen eher selten auf. Eine häufig gewählte Spielfeldgröße, um die Handlungsschnelligkeit der Spieler zu schulen, ist der doppelte 16-er. Der Aktionsraum ist bei dieser Spielfeldanordnung eng und schlauchförmig. Bei diesen Spielformen werden die Torhüter häufig in Schusssituationen auf kürzester Distanz (Zielverteidigung) verwickelt, weniger jedoch in Spielsituationen mit Raumverteidigung, die in Punktspielen von RB-Teams häufig auftreten. Es besteht also bei diesen Übungsformen eine Diskrepanz zu dem, was im Ernstfall von ihnen gefordert wird. Dadurch werden die Torhüter im Teamtraining zu wenig auf die Anforderungen im Spiel vorbereitet.

Komplextraining

Einen hohen Stellenwert hat bei RB Leipzig das sogenannte Komplextraining. Darunter versteht man die Kombination von Trainingsinhalten aus zwei Kategorien. So kann z.B. die Raumverteidigung mit dem Offensivspiel verbunden werden. Oftmals werden auch Elemente einer Kategorie mit Zusatzreizen verbunden, zum Beispiel Rückpassaktionen mit Zahlen oder Farben. So können beispielsweise verschiedene Ballfarben signalisieren, wohin oder mit wem der Ball in der Folgeaktion gespielt werden soll. Ziel des Komplextrainings ist, aus der starren Trainings- und Bewegungsroutine herauszutreten und mit Zusatzaufgaben variierenden Stress zu erzeugen.

Knoop zeigte Möglichkeiten auf, wie über verschiedene Varianten die Übungen intensiviert und somit die mentale Belastung beim Torhüter erhöht werden kann. Über die „Regler“ Zeit, Präzision, Komplexität, Situation und Belastung lassen sich die Anforderungen an die Torhüter verschieben.

Erwartungen erzeugen Druck

Da der RB Leipzig als klares Ziel den Aufstieg in die erste Bundesliga formuliert hat, müssen entsprechende Ergebnisse eingefahren werden. Wenn etwas nicht nach Plan läuft, ist der Druck auf die Trainer und Spieler hoch. Besonders Torhüter werden nach Patzern schnell als Schuldige ausgemacht. Weil speziell sie viel Stress empfinden, muss sich der Trainer Gedanken machen, wie er diesen Druck abschwächen kann.

Ein weiteres Problem kommt hinzu. Da das Torwartwarttraining bei RB extrem auf das Spielsystem ausgerichtet ist, können andere Bereiche des Torwartspiels in der Ausbildung zu kurz kommen. Speziell in der Entwicklungsphase eines jungen Keepers sollte aber die Ausbildung breiter angelegt sein.

Dokumentation des Trainings

Zum Schluss erläuterte Marco Knoop anhand von anschaulichem Material, wie jeder Trainer seine Trainingsinhalte in einer kalenderähnlichen, standardisierten Vorlage eintragen muss. So lässt sich leicht feststellen, wie viele Stunden der Trainer in welchem Bereich gearbeitet hat.

VeranstaltungSeminar

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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