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Seit dem Sommer 2017 ist Pascal Formann beim VfL Wolfsburg für das Training der Profi-Torhüter zuständig. Zuvor arbeitete der 36-Jährige bereits vier Jahre lang in verschiedenen Nachwuchsteams der „Wölfe“. Für seine Tätigkeit bringt er viel Erfahrung als Profi-Torhüter mit. Neben fünf Jahren in England bei Nottingham Forest und Grantham Town spielte er nach seiner Rückkehr nach Deutschland bei den Vereinen Arminia Bielefeld, 1.FC Saarbrücken, BV Cloppenburg und Hessen Kassel. Goalguard sprach mit Pascal Formann über die sportliche Entwicklung der Wolfsburger und speziell von Koen Casteels.

Artur Stopper Pascal, nach zwei Jahren im Abstiegskampf qualifizierte sich Wolfsburg in der abgelaufenen Saison als Tabellensechster der Bundesliga für das internationale Geschäft. Was hättest du jemandem geantwortet, der vor der vergangenen Saison behauptet hätte, dass ihr diesen Tabellenplatz erreichen würdet?

Pascal Formann Das ist schwierig zu sagen. Die beiden Spielzeiten zuvor waren wir in den Relegationsspielen gerade noch einmal von der Schippe gesprungen und konnten den Abstieg im letzten Moment verhindern. Deshalb hätte ich die Prophezeiung, dass wir Europa schaffen, gerne angenommen, aber sie nicht wirklich für möglich gehalten. Ich glaube schon, dass der Verein in die obere Region der Bundesliga gehört, aber dass wir nach zwei Mal Relegation den Weg ins internationale Geschäft schaffen, hätte ich nicht für möglich gehalten.

Artur Stopper Welche Gründe waren für dich vor allem maßgebend für diese positive Entwicklung?

Pascal Formann Zum einen war es wichtig, dass man in Wolfsburg in einem ziemlich ruhigen Umfeld arbeiten kann. Zum anderen hatte Trainer Bruno Labbadia einen klaren Plan und die Mannschaft in eine körperliche Top-Verfassung gebracht. Zudem stand es immer außer Frage, dass die Spieler individuelle Klasse haben. Labbadia hat die beiden Komponenten Physis und fußballerische Fähigkeiten zusammengebracht. Weiterhin kam hinzu, dass die Mannschaft in der vergangenen Saison keinen Erfolgsdruck hatte. So spielten wir uns quasi in einen Rausch. Außerdem trugen die Ergebnisse der Konkurrenten um die internationalen Plätze ebenfalls dazu bei, dass wir den sechsten Platz erreichten. So konnte z.B. Frankfurt im Gegensatz zu uns gegen Ende der Saison kaum noch punkten. Insofern spielte der Faktor Glück auch noch eine gewisse Rolle. Insgesamt war unsere Platzierung aber nicht unverdient.

Artur Stopper Auch dein Schützling Koen Casteels hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren auf ein internationales Topniveau entwickelt und gehört zweifellos zu den besten Torhütern in der Bundesliga. Du hast einmal geäußert, dass du auch ein paar Trainingsinhalte umgestellt hast. An welchen Stellschrauben hast du mit ihm gearbeitet, um ihn noch besser zu machen?

Pascal Formann Koen verfügt über ein riesiges Talent. Für seine Entwicklung war es wichtig, dass er die klare Nummer eins im Verein ist, denn zuvor musste er sich zumeist hinter Diego Benaglio anstellen. Des Weiteren habe wir das eine oder andere im Training umgestellt. Allerdings ist es schwierig genau festzustellen, was diese Umstellungen letztlich bewirkten. Ich habe meinen eigenen Weg, der darin besteht, dass ich mit Koen sehr spielnah und intensiv trainiere und ich mich mit ihm ausführlich darüber ausgetauscht habe, was mir an seiner Spielweise verbesserungswürdig erschien und an welchen Stellschrauben man arbeiten kann. Grundsätzlich versuche ich in der Trainingswoche möglichst viel von dem abzudecken, was am Wochenende passieren könnte, und versuche ihn darauf einzustellen.

Artur Stopper Koen Casteels ist mit 26 Jahren zwar schon ziemlich komplett, aber sicherlich noch nicht an seinem Leistungslimit angekommen. In welchen Bereichen hat er noch Entwicklungspotenzial?

Pascal Formann Grundsätzlich kann man in allen Bereichen immer eine Kleinigkeit verbessern, auch wenn Koen, wie du richtig bemerkt hast, schon ziemlich komplett ist. Ich glaube aber, dass man immer an der Persönlichkeitsentwicklung arbeiten kann. Vor allem durch internationale Spiele erhält man noch einmal einen Schub und wird dadurch auf ein höheres Niveau gehoben. Aber auch in den klassischen Torwartbereichen Tor- und Raumverteidigung sowie der Spieleröffnung kann man noch einen Schritt nach vorne machen, aber in vielen Bereichen ist Koen sehr weit. In der Raumverteidigung z.B. gibt es in der Bundesliga für mich keinen Besseren als ihn. Auch fußballerisch bringt er extrem viel mit, obwohl man auch hier die Automatismen durch ständiges Üben noch steigern und dadurch eine höhere Passgenauigkeit erzielen kann. Aber es gibt bei Koen keinen Aspekt, wo man sagen könnte, dass noch viel Luft nach oben ist.

Artur Stopper Heutzutage wird im Spitzensport sehr viel mit Statistiken oder technischen Hilfsmitteln z.B. zur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten (z.B. Fitlights, Computerprogrammen zur Verbesserung der Konzentration oder Reaktion) gearbeitet. Welche Hilfsmittel verwendest du bzw. hältst du im Torwarttraining für sinnvoll?

Pascal Formann Erstmal bin ich jemand, der immer offen ist für etwas Neues und der sich mit neuen Angeboten auf dem Markt beschäftigt. Ich bin aber keiner, der sofort alles Neue braucht, was auf den Markt kommt. Manche Neuerungen machen für mich keinen Sinn. Ich halte mein Torwarttraining in der Regel sehr einfach und setze als Hilfsmittel meist nur Airbodys, das Filippi-Schild und eine Prallwand ein. Ich versuche das Training qualitativ hochzuhalten mit so wenig Hilfsmitteln als möglich.

Artur Stopper Nach deiner eigenen Einschätzung feuerst du pro Trainingseinheit 300 bis 400 Schüsse auf das Tor. Diese Art des Trainings kennt man vor allem aus England. Wie stark bist du durch deine fünfjährige Profizeit in England (bei Nottingham Forest, Grantham Town) von der englischen Torwartschule geprägt?

Pascal Formann Ich habe mir immer, egal wo ich spielte, viel von den verschiedenen Torwarttrainern angeeignet, ob von Thomas Schlieck aus meiner Zeit in Bielefeld oder von Torwarttrainern, die ich in England hatte, und bin immer offen für neue Methoden. Die Häufigkeit der Schüsse ist auch dadurch bedingt, dass ich meistens mit vier Torhütern arbeite. Zudem versuche ich überwiegend selbst zu schießen, weil ich dann für die Qualität der Schüsse selbst verantwortlich bin. Aber natürlich hat mich auch die Zeit in England geprägt und ich habe von dort viel mitgenommen, weil sehr viel Wert auf die Fangtechnik gelegt wird. Über die Jahre habe ich für mich das rausgezogen, was für einen selbst, für das Spiel und den jeweiligen Torhüter, den man trainiert, wichtig ist. Daher besteht mein Training aus der Summe von Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren gemacht habe.

Artur Stopper Während der frühere Cheftrainer Labbadia eher den Ballbesitzfußball propagierte, steht der neue Cheftrainer Oliver Glasner für aggressives Pressing und schnelles Umschaltspiel. Was ändert sich durch diese veränderte Spielphilosophie für die Wolfsburger Torhüter?

Pascal Formann Grundsätzlich ist es so, dass wir eine Mannschaft sind, die gerne den Ball hat, ihn zirkulieren lässt und wir den Torhüter in die Spieleröffnung oder –verlagerung, in Chipbälle auf die Außen, beim Überspielen von Linien oder bei einem einen langen Ball mit einbinden. Deshalb hat sich grundsätzlich am Torwartspiel nur wenig verändert. Durch unser schnelles Gegenpressing muss der Torhüter aber vielleicht noch etwas wacher und aufmerksamer sein, um lange Bälle des Gegners, die unter Druck unkontrolliert nach vorne hinter die Abwehrkette geschlagen werden, abzufangen. Daher muss der Torwart in dieser Spielweise noch mehr antizipieren, wohin der Ball kommen könnte. Ansonsten hat sich aber im Torwartspiel gegenüber früher nichts verändert.

Artur Stopper Bisher wurde in Deutschland auf der Torhüterposition meist nur gewechselt, wenn der Stammtorhüter verletzt war, eine Schwächephase zeigte und der Verein im DFB-Pokal antrat. Bei einigen Topteams in Europa war in der Vergangenheit eine Rotation bei Torhütern nicht unüblich. Wie denkst du über eine Rotation auf der Torhüterposition?

Pascal Formann Ich kann nur sagen, dass Koen im Moment ungeheuer davon profitiert, die Nummer eins auf dem Rücken zu haben und unangefochten unser Stammtorwart zu sein. Dadurch hat er eine andere Stellung im Verein als in der Zeit, als die Vereinsikone Diego Benaglio vor ihm war. Natürlich will jeder Verein so viele gute Torhüter wie möglich im Kader haben. Ich finde trotzdem, dass man eine klare Nummer eins haben sollte. Allerdings braucht man dafür auch eine perfekte Nummer zwei, wie sie derzeit Pavao Pervan bei uns verkörpert, der gut spielt, wenn er gebraucht wird, der wichtig ist für das Team und als Unterstützung von Koen Casteels. Wenn man allerdings wie z.B. Real Madrid oder der FC Barcelona zwei Top-Torhüter auf gleichem Niveau unter Vertrag hat, kann man sicherlich ein bisschen rotieren. Aber die Rotation sieht ja eher so aus, dass der eine die Meisterschaftsspiele und der andere die Spiele in der Champions League oder im Pokal bestreitet. Bei uns war es jedenfalls sinnvoll, Koen zur klaren Nummer eins und zu einem der Aushängeschilder im Verein zu machen.

Artur Stopper Der VfL Wolfsburg hat deinen Vertrag bis 2022 verlängert. Was schätzt du an deiner Tätigkeit in Wolfsburg?

Pascal Formann Grundsätzlich freue ich mich, dass ich eine große Wertschätzung von der Führungsetage erfahren habe und mein Vertrag vorzeitig langfristig verlängert worden ist. An allen bisherigen Cheftrainern habe ich geschätzt, dass ich mich auf meinem Gebiet in Ruhe entfalten konnte. Natürlich treffen wir Absprachen, die die gesamte Mannschaft betreffen, aber ansonsten konnte ich immer selbstständig arbeiten und Dinge so angehen, wie ich es möchte. Zudem bin ich in den kompletten Torwartbereich eingebunden, wenn es z.B. um Neuverpflichtungen geht. Natürlich ist man als Torwarttrainer immer davon abhängig, wie ein Torhüter performt. Solange der Torhüter gute Leistungen abliefert, wird der Torwarttrainer in Ruhe gelassen.

Artur Stopper Abschließend noch ein Blick in die Zukunft: Wo siehst du den VfL Wolfsburg am Saisonende?

Pascal Formann Normalerweise möchte man immer wenigstens das Ergebnis des Vorjahres bestätigen oder sogar noch einen Tick verbessern. In den vergangenen drei Jahren mit zwei Jahren in der Relegation sollte man aber die Kirche im Dorf lassen. Wir wollen eine gute Runde spielen und uns in der Tabellenregion bewegen, der wir zum Ende der vergangenen Saison angehörten. Nach oben hin sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist nur, dass wir eine ruhige und vernünftige Saison spielen. Natürlich wollen wir uns nach der starken vergangenen Saison möglichst weiterhin in der oberen Tabellenhälfte etablieren.

Artur Stopper Pascal, wir bedanken uns bei dir, dass du dir Zeit für uns genommen hast, und wünsche dir und dem VfL Wolfsburg sportlichen Erfolg für die kommende Saison.

InterviewPascal FormannVfL Wolfsburg1. Bundesliga

Artur Stopper

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Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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