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Fabian Otte, U23-Torwarttrainer bei der TSG Hoffenheim und Doktorand an der Sporthochschule in Köln, hat ein klares Ziel, wenn er sein Studium abgeschlossen hat. Er will „Torwarttrainern wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über nachweislich effektive Lernansätze und Methoden zum Erwerb von (motorischen) Fertigkeiten vermitteln.“ Dazu ist es zuerst notwendig, zu analysieren, welche Fertigkeiten ein Torhüter braucht, um Situationen in einem Spiel optimal zu lösen. Im ersten Teil dieser Reihe geht es zunächst darum einmal zu analysieren, was eine dynamische Spielsportart wie Fußball fordert. Durch tägliche Trainingsarbeit unter Berücksichtigung dieses grundsätzlichen Wissens können Torhüter so auf die im Spiel vorkommenden Situationen möglichst optimal vorbereitet werden.

Techniktraining ist wichtig, genügt alleine aber nicht

„Techniktraining per se ist gut, wichtig und braucht definitiv seinen Platz im Torwarttraining! Gerade bei Anfängern im Kinder- und Jugendbereich und bei direkter Wettkampfvorbereitung (z.B. im Spielwarmup) ist es wichtig motorische Abläufe (z.B. die ‚Basistechniken‘) zu stabilisieren. Bei langfristiger Torwartentwicklung (mit dem Abzielen auf das langfristige Lernen) geht es jedoch umso mehr darum den Fokus weg vom isolierten Techniktraining und hin zum ganzheitlichen Fertigkeitstraining (inklusive Wahrnehmung – Entscheidungsfindung - technischer Ausführung) zu richten.“

Um dieses Ziel zu erreichen, genügt es für Fabian Otte nicht nur, technische Fertigkeiten immer wieder isoliert in der Torwart-Trainingsgruppe zu üben. Die erworbenen Fertigkeiten müssen vom Training auf Wettkampfabläufe übertragen werden. Denn nicht „Trainingsweltmeister“, die eine Technik im isolierten Torwarttraining überragend ausführen, sind das Ziel, sondern Torhüter, die Spielsituationen und ‚Aktionsmöglichkeiten‘ effektiv wahrnehmen und die Technik richtig anwenden können. Nehmen wir als Beispiel die 1gegen1-Situation. Damit der Torhüter eine 1gegen1-Situation optimal bewältigt, braucht er zunächst das Wissen, welche verschiedenen Techniken es für diese Spielsituation gibt, nämlich beispielweise langer oder kurzer Block, Ballangriff oder Mauer. Im Spiel genügt es aber nicht, die verschiedenen Techniken zu kennen. Oftmals wichtiger ist, die Spielsituation richtig wahrzunehmen und eine Entscheidung zu treffen, welche Technik in der jeweiligen 1gegen1-Situation die angemessene ist. Dieses Können kann ein Torhüter nur entwickeln, wenn im Torwarttraining mit Übungen gearbeitet wird, die neben der Technik die Wahrnehmung und Entscheidungsfindung schulen.

Jede Situation ist anders

Die ökologische Psychologie (engl. Ecological psychology) und der ‚Constraints-led approach‘ haben wissenschaftlich etabliert: Spielsituationen sind im Detail nie identisch! Diese Erkenntnis ist für jedermann leicht nachvollziehbar. Was bedeutet sie aber für das Torwarttraining? Laut dieses Wissenschaftszweiges sollten rein isolierte Technikübungen in Lern-und Entwicklungsphasen der Torhüter (z.B. zu Beginn der Trainingswoche beim U23 Torwarttraining) nicht die zentrale Rolle im Torwarttraining spielen. Alternativ sollte ein Trainer versuchen Trainingsformen anzubieten, die die flexible Anpassungsfähigkeit des Torhüters an die jeweilige Spielsituation mit verschiedenen Techniken und Taktiken trainieren. Dazu braucht es verstärkt komplexere Übungsformen oder Formen in Verbindung mit den Feldspielern.

Wenn man Spielsituationen noch näher betrachtet, wird deutlich, warum jede anders ist. Immer interagieren die folgenden drei Kategorien, die in jeder Aktion eine Rolle spielen, gleichzeitig und sind deshalb miteinander verflochten.

a) Jeder Torhüter ist anders und nicht jeden Tag gleich

Jeder Mensch und damit auch jeder Torhüter ist anders, speziell und damit einzigartig. Er nimmt anders wahr, hat eine andere Persönlichkeit und geht daher die Situation anders an. Aber noch etwas kommt hinzu: Derselbe Torwart ist an keinem Tag der gleiche! An einem Tag hatte er vielleicht besser geschlafen oder sich besser ernährt, d.h. er ist leistungsfähiger als an einem anderen Spieltag. Vielleicht hatte er vor einem Spiel Streit in der Familie oder mit dem Partner und ist somit auf emotionaler und sozialer Ebene anders „belastet“ als sonst. Vielleicht hatte er aber auch in der Trainingswoche leichte muskuläre Probleme und konnte sich somit nicht im gleichen Umfang auf das Spiel vorbereiten. Von diesen Faktoren kann seine Leistungsfähigkeit am jeweiligen Trainings- oder Spieltag bestimmt werden.

b) Die Umgebung / Umwelt unterscheidet sich

Auch die Spielumgebung ist nie dieselbe und unterscheidet sich. So herrschen manchmal unterschiedliche Lichtverhältnisse (Tageslicht, Flutlicht), das Wetter zeigt sich von unterschiedlichen Seiten (Regen, Sonne, Trockenheit), das Gras ist mal kürzer / länger oder der Ball ist je nach Hersteller anders.

c) Der Torwart ist im Spiel mit wechselnden Aufgaben konfrontiert

Des Weiteren sind Spiel- oder Trainingssituationen für den Torhüter nie identisch. Mal muss er auf einen zentralen durchgesteckten Pass reagieren, mal auf einen seitlich durchgesteckten Pass. Hierbei ist mal der Innenverteidiger am Gegner dran, mal ist der Verteidiger weiter weg. Ein zentraler Schuss wird mal noch leicht abgefälscht und manchmal springt der Ball im letzten Moment vor dem Torwart noch auf. Der Torhüter muss also jede Situation individuell lösen! Und dies selbst bei Anwendung der gleichen Technik auf einer Art ‚Mikroebene‘ – beispielweise müssen Teile der Bewegungsausführung bei Anwendung der ‚Korbtechnik‘ bei zwei verschiedenen Schüssen aus ähnlicher Distanz variieren (z.B. Timing, Streckung und Beschleunigung der Hände und Arme).

Weil die drei angesprochenen Faktoren in jedem Spiel anders ausgeprägt sind, unterscheiden sich Spielsituationen im Detail. Deshalb ist eine Situation innerhalb eines Spiels oder im Vergleich zu verschiedenen Spielen also niemals exakt identisch. Für das Torwarttraining ergibt sich daraus eine klare Folgerung. Weil sich der Torwart in jeder Situation anders anpassen muss, wird dieses Können am effektivsten in spielnahen Trainingsübungen geschult, die immer eine neue und im Spiel funktionelle Wahrnehmung, Entscheidung und Technikausführung herausfordern. Zum Beispiel: anstelle wiederholter Technikausführungen des kurzen Blocks aus einer statischen Startposition, wird eine spielnahe 2gegen1 Aktion wiederholt trainiert. Hierbei muss der Torwart immer wieder das ,Problem‘ des 2gegen1 lösen und dazu verschiedenste 1gegen1 Techniken (z.B. Block, Reaktion, Ballangriff) anwenden – also „Wiederholung ohne Wiederholung“, wie einst der einflussreiche Wissenschaftler Nikolai Bernstein proklamierte.

Wie solche Trainingsformen aussehen könnten, zeigen wir euch in folgenden Trainingsbeispielen vom Goalkeeping Development Workshop 2019 (Referenten: Dennis Neudahm / Fabian Otte).

Training

Artur Stopper

Artur Stopper

Über den Autor

Mit über 25 Jahren Erfahrung als Torwarttrainer weiß Artur, wie Torhüter ticken. Deshalb bevorzugt er Themen, die die Welt der Torhüter ausmachen: Vereinswechsel, Tiefschläge, Pechsträhnen, Höhenflüge, Emotionen, Ersatzbank, Halbgötter, Erfolge.

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